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Ausgabe 98-2/2004

DIE BLINDGÄNGER

DIE BLINDGÄNGER

Produktion: Kinderfilm GmbH, Erfurt, in Koproduktion mit dem ZDF, Mainz; Deutschland 2003 – Regie: Bernd Sahling – Buch: Bernd Sahling, Helmut Dziuba – Kamera: Peter Ziesche – Schnitt: Karola Mittelstädt – Musik: Christian Steyer – Darsteller: Ricarda Ramünke (Marie), Maria Rother (Inga), Dominique Horwitz (Herr Karl), Oleg Rabcuk (Herbert), Dennis Ritter (Daniel), Christine Hoppe (Frau Kersten), Dieter Montag (Onkel Leo), Petra Kelling (Köchin), Dieter Mann (Kommissar) u. a. – Länge: 87 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: MFA (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Eine winterliche Parklandschaft. Durch den Schnee folgen wir einem 13-jährigen Mädchen an einer Mauer entlang auf dem schmalen Pfad in ein Kloster. Das Mädchen singt vor sich hin und schlägt dazu mit einem weißen Stock – klack, klack – gegen Mauersteine, Bäume und Eisenstäbe. Ihre gute Laune steckt an. Doch plötzlich erkennen wir, dass der Stock, mit dem das Mädchen so lässig hantiert, ein Blindenstock ist. Wir sind schockiert – und als die Blinde nun geradewegs auf ein steinernes Hindernis zusteuert, erschrecken wir. Aber die hüpft fröhlich darüber hinweg. Da löst sich die Anspannung – freudiges Lachen im Zuschauerraum.

Die nächste Szene führt uns in einen ziemlich dunklen Klassenraum, wo ein Leistungstest in Musik ansteht. Im Gegensatz zu der friedlichen Atmosphäre zuvor ist es hier schrecklich laut. Hektisch hacken die Schülerinnen ihre Noten in Schreibmaschinen, eine Maschine bleibt wiederholt hängen und wird von der Lehrerin mit einem kräftigen Schlag wieder in Gang gebracht. Währenddessen signalisiert eines der Mädchen ihrer Tischnachbarin, dass sie Hilfe braucht. Marie – so heißt die Blinde, der wir gefolgt sind – nimmt deren Hand und führt sie an ihren in Braille-Schrift gestanzten Notensatz. Das Mädchen grinst, schreibt, tastet erneut über die Punkte auf Maries Seite. Da taucht unbemerkt von den beiden die Lehrerin vor ihr auf, reißt die Seite aus ihrer Maschine und verkündet streng: "Marie und Inga, verlasst bitte den Raum! Die Arbeit wird mit 6 bewertet."

Mit diesen zwei kontrastierenden Szenen werden wir eingeführt in eine Welt, in der wir uns allmählich orientieren lernen und am Ende fast zu Hause fühlen – in das Klosterinternat für Sehbehinderte, in dem die zarte Marie und ihre gleichaltrige Freundin gerade beim Schummeln erwischt wurden. Ein phantastischer Anfang, bei dem wir uns blindlings mit den Mädchen identifizieren können, obwohl wir "Guckis" sind. So nennen sie alle, die nicht blind sind – und von denen, uns also, erwarten sie nichts Gutes. Gerade hat ein "Gucki" mit der draufgängerischen Inga Schluss gemacht und als die Mädchen, beide begabte Musikerinnen, sich bei einer Band in der Stadt vorstellen, werden sie wegen mangelnder Videotauglichkeit abgelehnt und danach von einer draußen herumhängenden Jungenclique ziemlich geärgert. Wäre da nicht ein Pfiff von dem, den die Jungen "Russe" nennen, die Mädchen wären glatt gegen die Müllcontainer gerannt, die die ihnen zum Test in den Weg gestellt haben.

Noch am selben Abend gibt es ein Wiedersehen. Weil Marie nach diesem Erlebnis noch am Abend so deprimiert ist, lässt der einfühlsame Betreuer Herr Karl sie gegen die Vorschrift in den Park gehen und dort wird Marie Ohrenzeuge von einem Autounfall. Gleich danach klettert der "Russe" über die Mauer und hält ihr den Mund zu, als die Polizei nach dem "Autoklauer" sucht. Marie wehrt sich nicht und die russischen Worte für "Danke Mädchen" klingen lange in ihr nach. Herbert, so heißt der Junge, ist als Spätaussiedler mit seinem Vater nach Deutschland gekommen, will aber nicht "deutsch werden", sondern zurück zu seiner Mutter nach Kasachstan. Dafür braucht er ein Versteck vor der Polizei und 500 Euro. Marie bringt ihn heimlich in der Sternwarte des Internats unter; Inga hat die Idee mit dem Musikwettbewerb, Schul-Schlagzeuger Daniel macht mit und zu guter letzt verhelfen "Onkel Leo", der Wachmann, und natürlich Herr Karl zum "Happy End". Das zeigt Marie und Herbert Lärm umtost in inniger "Betrachtung" vor dem Lastwagen, der ihn nach Kasachstan bringt.

Ein erstes und letztes Mal sieht er sie an, indem er die Augen schließt und konzentriert ihr Gesicht abtastet. Zur Erinnerung schenkt ihm Marie jenen Blindenstock, mit dem er sich tarnen musste. Liebe macht stark und man weiß, in Zukunft wird sich Marie nicht mehr im Internat verkriechen, sondern wie Inga nach draußen wagen.

"Blindgänger" ist ein ungewöhnlicher Film. So zart, so ernst und wahrhaftig wurde die erste Liebe selten gezeigt. Dankbar registriert man, dass Herbert eben nicht im letzten Moment aus dem Lastwagen springt und bei Marie bleibt. Damit ist eine weitere Qualität des Films angesprochen: dass nämlich auf alle rührseligen Effekte, die in dem angesiedelten Milieu auf der Hand liegen, verzichtet wurde. Die von einem lakonischen Humor durchzogene Geschichte entfaltet sich langsam mit vielen witzigen Einfällen – zum Beispiel wenn der aus- bzw. eingesperrte Wachmann in der Kirche Fußball sieht und, weil der Strom ausfällt, bei Kerzenlicht zur Bibel greift. Nichts wird dick ausgespielt; selbst spektakuläre Momente – etwa wenn "Die Blindgänger" in dem Musikwettbewerb den ersten Preis gewinnen – werden eher unterkühlt dargestellt. Um ja keine Gefühlsduselei aufkommen zu lassen, wird der Dialog sehr knapp und pointiert gehalten, mir manchmal zu knapp und zu pointiert. Das Gefühl wird vielmehr in langen, melancholischen Einstellungen transportiert, in Bildern von wintertrüben Farben, die aber von innen zu leuchten scheinen.

Das Konzept geht auf. Durch den weitgehenden Verzicht auf action zugunsten fast wortloser, sich langsam entwickelnder ruhiger Szenen entsteht eine andere Spannung, ein Sog in die Welt der Blinden, die wir am Ende des Films sehr viel besser verstehen. Was natürlich durch das authentische Spiel der auch in Wirklichkeit sehbehinderten Darsteller nachhaltig unterstützt wird. Ihnen zur Seite stehen der Kasache Oleg Rabcuk, der wie Herbert gerade nach Deutschland gekommen ist, sowie ein Team guter Schauspieler.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 131-2/2012 - Interview - Es gibt nichts Berührenderes als Einfachheit
KJK 100-2/2004 - Hintergrund - "Die Blindgänger"
KJK 100-2/2004 - Kinder-Film-Kritik - Die Blindgänger
KJK 97-2/2004 - Interview - Mut zur Stille und zur Langsamkeit

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE BLINDGÄNGER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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