Produktion: Egmond Film and Television Amsterdam, in Koproduktion mit NCRV Television; Niederlande 2004 – Regie: Mijke de Jong – Buch: Helena van der Meulen – Kamera: Goert Giltay – Schnitt: Dorith Vinken – Musik: Harry de Wit, Paul Prenen – Darsteller: Elske Rotteveel (Merel), Kees Scholten (Kasper), Elsie de Brauw (Mutter), Jaap Spijkers (Vater), Bright O'Richards (Charles) u. a. – Länge: 79 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Egmond Film and Television Amsterdam, Telefon 0031-20-5890909, e-mail: info@egmondfilm.nl – Altersempfehlung: ab 12 J.
Aus heiterem Himmel wird die knapp 13-jährige Merel zur Zielscheibe bösartiger Anfeindungen und Schikanen ihrer Mitschüler. Mit Hänseln und Nachäffen fängt es an, Merels Schularbeit "verschwindet" spurlos, eine aufgeplatzte Lippe, ein im Fluss versenktes Skateboard und ein zertrümmertes nagelneues Fahrrad folgen. Aber Merel setzt sich nicht zur Wehr, hält auch vor Lehrern und Eltern dicht, erfindet Ausreden für die Blessuren. Merel leidet stumm, schottet sich immer mehr ab, vergräbt sich in ihre Bücher. In der Bahn lernt sie den erwachsenen Charles kennen, mit dem sie sich über Literatur unterhält. Ihre stärkste Zuflucht findet Merel in ihrem kleinen Bruder Kasper. Mit dem körperbehinderten Jungen verbringt Merel viel Zeit, im Schwimmbad oder an der Hafenmole – die beiden sind ein Herz und eine Seele. Doch dann kommt Kasper in ein Rehazentrum für behinderte Kinder und für Merel bricht damit dieser letzte intakte Teil ihres Lebensumfelds zusammen. Merel isoliert sich zunehmend auch von ihrer Familie. Die Angriffe in der Schule eskalieren: Es kommt zu Handgreiflichkeiten, Merel wehrt sich und findet erstmals Unterstützung in einem Mitschüler.
Der Gewinner des Gläsernen Bären des Kinderfilmfestes der diesjährigen 55. Berlinale widmet sich dem sehr aktuellen Thema Mobbing an Schulen. Eine in der Klasse Ton angebende Gruppe sucht sich ohne erkennbaren Anlass ein willkürlich ausgewähltes Opfer für psychische und physische Attacken. Das hört in der Regel ebenso plötzlich und unmotiviert auf, wie es begonnen hat. So auch in "Bluebird": Merel ist eine ganz normale, gute Schülerin. Sicherlich ist da Neid im Spiel auf ihre guten Noten oder wenn sie wieder einmal im Sportunterricht brilliert. Vielleicht ist Merel auch etwas zu ehrgeizig, wenn sie in den Proben zur Schulaufführung von "Turandot" das Solo der Mitschülerin mitsingt. Aber das alles erklärt nicht, warum sie von heute auf morgen der Prügelknabe der Klasse ist.
Man könnte nun die Frage stellen, warum sich Merel nicht ihren ausgesprochen liebe- und verständnisvollen Eltern anvertraut. Die Realität zeigt, dass Mobbing-Opfer in der Regel ihre Peiniger nicht anzeigen. Zu groß ist die Scham über die meist zwar aus der Luft gegriffenen, dabei aber treffenden und das Selbstwertgefühl zerstörenden Anfeindungen. Dazu kommt die Angst, dass es danach nur noch schlimmer wird. "Petzen" ist für Merel also tabu. Die Erwachsenen können tatsächlich wenig ausrichten, wie die gut gemeinte Mobbing-Diskussion mit dem engagierten Lehrer zeigt: In der Theorie kennen alle Schüler den Unterschied zwischen "jemanden ärgern" und "ihn fertigmachen", theoretisch lehnen alle verständig letzteres ab. Gleichzeitig setzen dieselben Schüler ihren Psychoterror und die körperlichen Angriffe auf Merel fort, ohne dass der Lehrer dies mitbekommt. Aushalten und darauf hoffen, dass es irgendwann von allein aufhört, ist Merels nur zu realistische Reaktion auf die immer unerträglicher werdende Situation.
Der niederländischen Regisseurin Mijke de Jong gelingt mit "Bluebird" das einfühlsame und realistische Porträt einer Heranwachsenden. Den willkürlichen Anfeindungen einer Clique von "angesagteren", weiter entwickelten Mädchen und Jungen hilflos ausgeliefert zu sein und damit ganz allein fertig werden zu müssen, gehört zu den Erfahrungen in der Pubertät, die hier nachvollziehbar thematisiert werden. Sehr genau beobachtet ist dabei die graduelle Isolierung Merels: Merel rettet sich in außerschulische Aktivitäten, beispielsweise im Schwimmverein; ihre Familie – und da vor allem Kasper – ist zunächst noch ihr soziales Refugium. Als Kasper ihr buchstäblich weggenommen wird, verliert Merel diesen wichtigsten Quell ihrer Lebensfreude und Selbstbestätigung, den Ausgleich zur Schulhölle. Begleitet von weiteren Rückschlägen (dem Rauswurf aus der Schulaufführung u. a.) zieht Merel sich immer weiter in ihr Schneckenhaus zurück, unerreichbar auch für die Eltern oder Kasper.
Wunderbar ruhige, lange Kameraeinstellungen auf Merel fangen ihre Einsamkeit ein: so, wenn sie ihren Lieblingsplatz auf der Mole im Rotterdamer Hafen aufsucht, zunächst mit Kasper, später allein. Eine sehr schöne Metapher für den Schutzwall, den Merel gegen die feindliche Welt errichtet, ist ihre Wahllektüre "Anna Karenina" – es bedarf eines wahrhaft dicken Wälzers. Die Figur der Zufallsbekanntschaft Charles ist ein Kunstgriff des Films, mit dem eine andere Merel gezeigt wird: eine, die auch lächeln kann, sich ernst genommen fühlt. Es bleiben dies Momentaufnahmen, die Merels Einsamkeit umso stärker spürbar machen.
Ein wahrer Glücksfall ist auch die Besetzung: Natürlich und ungekünstelt spielen Elske Rotteveel als introvertierte und lernbegierige Merel und Kees Scholten als fröhlicher kleiner Bruder Kasper. Die Berlinale-Kinderjury hebt in ihrer Begründung denn auch die schauspielerischen Leistungen hervor, insbesondere die berührende Beziehung zwischen Merel und Kasper. Dabei bleibt der Film angenehm unsentimental – kein rührseliger Kitsch, kein Betroffenheitsszenario. Ebenso vermeidet die Regisseurin die Falle, Merel als Superheldin zu inszenieren, die mit coolen Sprüchen und ein paar asiatischen Kampfkunstgriffen alles in den Griff bekommt. Mijke de Jong hat bewusst nicht "plotgesteuert" inszeniert, sondern nach dem hervorragenden Drehbuch (Helena van der Meulen) Merels Gefühlswelt als leise, eindringliche Studie eingefangen – "mit viel Aufmerksamkeit für das, was ungesagt bleibt", so die Regisseurin. Konsequenterweise hört das Mobbing denn auch eher zufällig auf; quasi beiläufig wird gezeigt, wie ein Mitschüler in einer handfesten Keilerei für Merel Partei ergreift. Es dürfte feststehen, dass sich die Clique ein neues Opfer suchen wird, ebenso willkürlich ausgewählt wie Merel. Es gibt kein Patentrezept gegen Mobbing, und "Bluebird" bleibt standhaft eine Hollywood-Lösung schuldig, trotz des Happy Ends für Merel. Die Diskussion um das Thema anzuregen ohne didaktischen Fingerzeig, dafür mit viel Verständnis für die Figuren, macht diesen Film neben allem anderen Erwähnten absolut sehenswert.
Ulrike Seyffarth
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