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Produktion: IFC Productions / Detour Filmproduction; USA 2014 – Regie und Buch: Richard Linklater – Kamera: Lee Daniel, Shane F. Kelly – Schnitt: Sandra Adair – Darsteller: Ellar Coltrane (Mason), Patricia Arquette (Olivia), Ethan Hawke (Mason sen.), Lorelei Linklater (Samantha), Tamara Jolaine (Tammy), Nick Krause (Charlie), Jordan Howard (Tony), Sam Dillon (Nick), Marco Perella (Bill), Brad Hawkins (Jim) u. a. – Länge: 163 Minuten – Farbe – FBW: besonders wertvoll – FSK: ab 6 – Verleih: Universal – Altersempfehlung: ab 12 J.
Mason liegt träumend im Gras, schaut den Wolken nach. Mason gibt seine Hausaufgaben nicht ab, sondern lässt sie zerknüllt in seiner Schultasche. Mason macht den Bleistiftspitzer der Lehrerin kaputt. Mason kann aber seiner fragenden Mutter Olivia erklären, warum das alles so ist – er hat seine eigene Logik, eine eigene Auffassung von den Dingen. Mason ist ein lieber kleiner Junge. Die ältere Schwester Samantha hingegen ist auf der Höhe der Zeit, ein modisches kesses Mädchen, das sich nichts gefallen lässt. Die Eltern sind geschieden. Nach eineinhalb Jahren Abwesenheit schaut der jungenhafte, lässige Vater mal wieder in Austin, Texas, vorbei und wundert sich, dass seine Kinder ihm nichts von sich erzählen. Was sollen sie auch sagen? Dass die Mutter ihren neuen Freund in die Wüste geschickt hat, ihretwegen? Dass sie die Miete nicht mehr zahlen kann und sie deshalb zur Großmutter in eine andere Stadt ziehen müssen? Dass die Mutter ihr Studium wiederaufnehmen möchte, um einen wirklich guten Beruf zu erlangen? Dass es da Bill, einen smarten Professor mit zwei Kindern, gibt, der Heiratspläne hat, und die Mutter von einer intakten Familie träumt? Mason erträgt all die Veränderungen, Samantha rebelliert. Das Leben ist kein langsamer, ruhiger Fluss. Mason, dem niedlichen Jungen mit den langen Haaren, wird von Bill, den die Kinder Vater nennen sollen, der Kopf geschoren. Ein Vater, der sich zum gewalttätigen Alkoholiker entwickelt und die ganze Familie in Angst und Schrecken versetzt. Olivia rettet sich und ihre Kinder. Wieder ein überstürzter Umzug und wieder ein neuer Mann im Haus. Auch der, frustriert und traumatisiert vom Einsatz im Irak, hat ein Alkoholproblem und wird zunehmend zum Kontrollfreak.
Keine guten Voraussetzungen für die Menschwerdung, doch Mason entwickelt sich zu einem klugen, unabhängigen Jungen, der mit der Kamera seine Kreativität entdeckt, zum ersten Mal Alkohol probiert, Gras raucht, sich verliebt. Mason ist nicht wie die anderen Gleichaltrigen, lebt seine Individualität, nimmt mild lächelnd zu seinem 15. Geburtstag die Geschenke von Verwandten entgegen, die erste Bibel mit Goldschnitt und seinem Namen, der erste Anzug, das erste Gewehr. Als sein Vater, inzwischen mit neuer Familie und festem Job als Versicherungsvertreter, seinen geliebten Oldtimer Pontiac GTO gegen einen familientauglichen Wagen getauscht hat, ist Mason erstmals richtig fassungslos, weil der Vater sein Versprechen – ihm den Oldtimer zum Geburtstag zu schenken – total vergessen hat. Doch über die CD, die der leidenschaftliche Amateurmusiker speziell für seinen Sohn gelabelt hat, freut er sich, ebenso über den ihm gewidmeten Song. Bei der Familienfeier anlässlich Masons Highschool-Abschluss fließen Tränen, doch er selbst ist schon auf dem Sprung. Glücklich über das Stipendium fürs College zieht er leichten Herzens und mit leichtem Gepäck von zu Hause fort. Im Studentenheim erlebt er schon bei der Ankunft ein Gefühl von Freiheit – und von Weite in grandioser Landschaft dort, wo Texas am schönsten ist-
Mit "Boyhood" hat Filmemacher Richard Linklater (geboren 1960 in Houston, Texas) nach seiner Beziehungs-Trilogie ("Before Sunrise", "Before Sunset", "Before Midnight") ein Langzeitprojekt der besonderen Art realisiert. Es ist keine Langzeitdokumentation wie "Kinder von Golzow". Wir erleben in knapp drei Stunden das Heranwachsen von Ellar Coltrane als Mason über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Er hatte den wichtigsten und riskantesten Part in diesem filmischen Abenteuer, denn zu Beginn der Dreharbeiten war der Junge sechs Jahre alt und ohne jegliche Filmerfahrung. Er konnte nicht ermessen, was auf ihn zukommt, nämlich jedes Jahr drei bis vier Drehtage bis zu seinem 18. Lebensjahr. Das Experiment ist geglückt. Für die anderen Rollen konnte Linklater auf ihm vertraute Darsteller bauen. Masons ältere Schwester Samantha besetzte er mit seiner eigenen Tochter Lorelei, die auf Filmsets groß geworden ist und gerade sie war es, die als Teenager nicht mehr mitmachen wollte und den Vater bat, ihre Rolle sterben zu lassen, was er ihr verweigerte. Faszinierend an "Boyhood" ist auch, wie authentisch Veränderungen sichtbar werden, nicht in der Maske hergestellt, sondern durch die Zeit, die bei allen Beteiligten ihre Spuren hinterlassen hat. Spuren des Lebens. So verpflichtete Linklater seine Schauspieler, an ihrem Aussehen zwölf Jahre lang keine Manipulationen, wie Botex oder Face-Lifting, zuzulassen. Linklater hat diesen Film chronologisch inszeniert, nach jedem Dreh sofort geschnitten und die Teile Stück für Stück aneinander gefügt, zu einer stimmigen Lebenslinie ohne Vor- und Rückblenden.
"Boyhood" beschreibt nicht zuletzt eine durch und durch amerikanische Kindheit, wo der Zusammenhalt der Familie beschworen wird, auch wenn die Hälfte aller Kinder in den USA Scheidungskinder sind. Daraus ließe sich ein Drama machen, aber das war nicht die Absicht von Richard Linklater. Er hat die Rolle der Mutter mit Stärke und Zielstrebigkeit ausgestattet, die schon um ihrer Kinder willen die Männer, die der Familie nicht gut tun, verlässt. Mason navigiert sich durch das zeitweilige familiäre Chaos scheinbar unberührt. So konnte seine Selbstsicherheit wachsen. Ein einmaliger "Coming of Age"-Film für die ganze Familie, in dem es viel zu entdecken gibt, mit lebensweisen Dialogen und Situationskomik, Herzenswärme und Humor, spannend, berührend und keine Minute zu lang.
Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel
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