(Interview zum Film BOCHUKANS KAMPF)
Eines der längsten Pressegespräche im Rahmen des Kinderfilmfestes der Internationalen Filmfestspiele Berlin drehte sich um Yutaka Osawas Film, der die Geschichte eines japanischen Jungen während der Evakuierung aus seiner Heimatstadt Osaka erzählt. Im Anschluss an die Pressekonferenz war Yutaka Osawa bereit, weitergehende Fragen zu beantworten.
KJK: Herr Osawa, Sie sagten vorhin, das Leben und Denken der Kinder kenne keine Grenzen. Sollte es nicht dennoch einiges geben, was europäischen Kindern gesagt werden müsste, damit sie Ihren Film verstehen?
Yutaka Osawa: "Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß, es gibt große Unterschiede zwischen Japan und Deutschland. Aber das Thema Liebe zwischen Mutter und Kind ist überall das Gleiche. Liebe können alle Kinder in Europa und Japan verstehen. Und dass Krieg die Liebe vernichtet, das sollten alle Kinder begreifen."
Ihr Film zeigt die Konsequenzen bedingungslosen Gehorsams und hemmungsloser Autoritätsgläubigkeit. Ist er insofern aktuell, als er auch eine Kritik an heutigen Zuständen in Japan ist?
"Der Film hat durchaus aktuelle Aspekte. Gerade Japaner haben die Mentalität des Gehorsams und der Kaisertreue. Diese Mentalität hat Konsequenzen für die ökonomischen Aktivitäten Japans. Nehmen Sie zum Beispiel die großen Autofirmen, Toyota etc. Hier spielt Gehorsam eine große Rolle. Ironischerweise haben heute die Leute in Japan die Macht, die als Kinder unter ihr gelitten haben. Es ist zum Beispiel so, dass Lehrer an japanischen Schulen, die dort Friedenserziehung organisieren wollen, keine Aufstiegsmöglichkeiten haben."
Wie verbreitet ist denn das Genre 'Anti-Kriegs-Film' in Japan, und den wievielten dieser Art haben Sie bereits gedreht?
"Ca. fünf Millionen Menschen in Japan sehen jährlich Filme dieser Art. Kinder, Lehrer, Eltern. Dieser Film ist mein vierter Film. Zumindest 'Sensei' und 'Hiroshima' fallen unter das Genre 'Anti-Kriegs-Film'. Die Filme drehen sich jeweils um den Atombombenabwurf von Nagasaki und Hiroshima."
Wie geht das zusammen: die Sanktionierung von Friedenserziehung in den Schulen und die Erfahrung von Nagasaki und Hiroshima?
"Am besten verdeutlicht dieses Verhältnis die Tatsache, dass in japanischen Lehrbüchern nur zwei Sätze über Hiroshima und Nagasaki zu finden sind. Es gibt viele Grundschüler, die nichts über die Bomben wissen."
Wie viele "Bokuchans" gibt es denn überhaupt noch in Japan, die so bewusst mit ihrer Vergangenheit umgehen, wie Sie?
"Evakuiert wurden 500.000 Kinder während der Kriegszeit. Das heißt aber nicht, dass sie heute diese Zeit im Bewusstsein halten. Die meisten wollen diese Zeit vergessen, weil sie so schwer war. Sie wollen nicht mehr darüber nachdenken."
Genau das wollen Sie aber mit Ihrem Film verhindern?
"Ja. Aber es ist sehr schwierig, Vorführorte für meine Filme zu finden."
Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Initiativen, die Sie bei der Suche nach geeigneten Vorführorten unterstützen.
"Ja, das sind keine regelrechten Organisationen. Eher vergleichbar mit Ihren Bürgerinitiativen – Eltern und Lehrer. Es geht dabei nur um den Wunsch, gute Filme zu sehen. Ideologie spielt hier keine Rolle."
Vorhin war die Rede von einer "Wende" in Japan, einer Besinnung auf alte Werte. Wie ist das zu verstehen? Der Frieden sei nicht sicher, sagten Sie.
"Es sind viele Gesetzesänderungen vorgesehen, die unsere Freiheiten einschränken sollen. Auch ist die militärische Zusammenarbeit mit den USA stärker geworden. Deutlich wird die Entwicklung außerdem an der zunehmenden Verehrung für den Königsschrein, einem Symbol für militärische Macht. Viele Leute pilgern zu ihm, um dort zu beten. Selbst unser altes Nationallied, was nach dem Krieg verpönt war, wird mehr und mehr in den Schulen gesungen."
"Bokuchans Kampf" zeigt sehr viel Brutalität und Aggression, deren Stau sich im Lager, das die Kinder aufnimmt, entlädt. Welche Rolle spielen Tradition und Gehorsam im heutigen Japan in Bezug auf die Kinder?
"Es gibt große Probleme mit Kindern in Japan. Das liegt, wie Sie sagen, am traditionellen Erziehungssystem. Man kann jeden dritten Tag in der Zeitung von einem Kinderselbstmord lesen. Die Familien wohnen zwar noch zusammen, aber es gibt keinen Zusammenhalt mehr. Sie leben getrennt in einem Haus. Die Familienstruktur löst sich auf. Erwachsene leben unter großem Stress. Die Eingebundenheit in die japanischen Wirtschaftsprozesse hat Leute ohne Liebe und ohne innere Werte hervorgebracht. Die Kinder bekommen zu wenig Liebe von den Eltern. Liebe heißt lediglich, das Kind eine gute Schule besuchen zu lassen oder ihm einen guten Beruf zu ermöglichen."
War den Kinderdarstellern Ihres Films die dargestellte Situation fremd, haben sie sich einfinden können?
"Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wie die Kinder diese Situation verstanden haben. Vielleicht haben sie nur wenig begriffen. Sie konnten zum Beispiel nicht verstehen, was Hunger eigentlich ist. Die einfache Kost im Film hat sie amüsiert. Es ist schwer, eine Zeit verständlich zu machen, die vierzig Jahre zurückliegt."
Wer ist der Darsteller des Bokuchan?
"Bokuchan ist ein ganz normales Kind. Sein Vater ist Geschäftsführer in einem Kamerageschäft, und seine Mutter ist Hausfrau. Bei den Dreharbeiten war er zehn Jahre alt."
Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
"Anti-Kriegs-Filme sind sehr wichtig. Doch was Kinder gerne sehen, ist oft etwas anderes. Daher will ich jetzt mal was Lustiges produzieren."
Mit Yutaka Osawa sprach Detlef Berentzen
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