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Ausgabe 106-2/2006

DIE WOLKE

DIE WOLKE

Produktion: Clasart Filmproduktion Markus Zimmer; Deutschland 2005 – Regie: Gregor Schnitzler – Drehbuch: Marco Kreuzpaintner, nach dem gleichnamigen Roman von Gudrun Pausewang – Kamera: Michael Mieke – Schnitt: Alex Dittner – Darsteller: Paula Kalenberg (Hannah), Franz Dinda (Elmar), Hans-Laurin Beyerling (Uli), Richy Müller (Elmars Vater) – Länge: 103 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Concorde Filmverleih München – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der erste Kuss zwischen Hannah und ihrem Mitschüler Elmar wird jäh von Sirenengeheul beendet: Ein Störfall in einem nahe gelegenen Atomreaktor schickt eine radioaktive Wolke über Hannahs hessische Heimat. Hannahs Mutter sitzt in Schweinfurt fest und ist wahrscheinlich bereits tot, als Hannah ganz auf sich gestellt mit ihrem kleinen Bruder Uli und den Fahrrädern Richtung Bad Hersfeld flieht. Hannah muss mit ansehen, wie Uli von einem Auto überfahren wird. Fremde nehmen sie mit zum Bahnhof, wo die rettenden Züge hoffnungslos überfüllt sind. Der verseuchte Regen holt Hannah ein ... Hannah erwacht in einem Sanatorium voller verstrahlter Kinder. Dort findet Elmar sie, setzt sich aus Liebe der sicheren Kontaminierung aus. Sein Vater holt ihn weg, will ihn ins sichere Amerika schicken. Hannahs Glatze macht ihr Schicksal für alle sichtbar, sehr zum Kummer von Tante Helga, die das Mädchen mit zu sich nach Hamburg nimmt. Doch Hannah kann und will keine Normalität leben. Außerdem hat sie noch etwas zu erledigen, da Uli nie begraben wurde ...

Am 26. April 1986 ereignete sich der Super-GAU von Tschernobyl. Gudrun Pausewang schrieb mit "Die Wolke" ein engagiertes Aufklärungswerk, für das sie den Jugendliteraturpreis 1988 erhielt; ein Bestseller, der noch heute schulische Pflichtlektüre ist. Zum zwanzigsten Jahrestag von Tschernobyl kommt nun "Die Wolke" ins Kino, geschrieben und inszeniert als Katastrophenfilm mit Liebesgeschichte und Aufrüttelungs-Absicht. Frau Pausewang äußert sich wohlwollend über die Verfilmung ihres Werks, neben dem FBW-Prädikat "besonders wertvoll" ziert den Film auch ein "Gütesiegel" von Greenpeace. Das Thema Atomenergie ist aktuell wie lange nicht mehr, worauf eine wahre Flut an Pressemitteilungen zum Film hinweist. Zweifellos ist es wichtig und notwendig, über die Gefahren zu informieren und Denkanstöße wider das Vergessen zu geben. Darin – und nicht in der eher durchschnittlichen literarischen Qualität – liegt das Verdienst von Pausewangs Roman. Ähnlich verhält es sich nun mit Schnitzlers Film, der trotz beeindruckender Kamera (Michael Mieke) und solider schauspielerischer Leistungen von Paula Kalenberg und Franz Dinda nicht überzeugen kann.

Die arg faktenlastige Romanvorlage ergänzt Kreuzpaintners Drehbuch um die Liebesgeschichte zwischen Hannah und Elmar, Motto: "Liebe überwindet alles". Doch diese Liebe wird lediglich behauptet, nicht gezeigt. Es gibt keine Entwicklung zwischen den beiden Jugendlichen, willkürlich trennt sie die Katastrophe und führt sie immer wieder zusammen. Regisseur Schnitzler betont, dass anders als in amerikanischen Katastrophenfilmen nicht die Katastrophe der Hauptdarsteller ist. Aber so fehlt dem Film letztlich die Konsequenz des Genres. Vor allem überzeugen die jugendlichen Figuren nicht: Hannah und Elmar sind unerträglich vernünftig und aufgeklärt; sie gehen für ihre erste Liebe selbstlos die größten Risiken ein. Das ist kaum auszuhalten, erst recht nicht zu glauben. Kaum spürbar in der Figur Hannah sind die emotionalen Folgen des grausam miterlebten Todes des kleinen Bruders, der eigenen Verstrahlung, des Verlusts der Familie und des Zuhauses. Das Trauma reduziert sich auf Hannahs Glatze, ihre Resignation wird schnell durch innere Stärke vertrieben. Den Zuschauer nehmen die Ereignisse sicher mehr mit als Hannah.

Sein Publikum wird der Film in dankbaren Lehrern und in Jugendlichen mit politischem Bewusstsein finden. Als Aufklärungswerk in Ergänzung zu Pausewangs Roman hat der Film wohl seine stärkste Berechtigung und Chance.

Ulrike Seyffarth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 106-2/2006 - Kinder-Film-Kritik - Die Wolke

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE WOLKE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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Hintergrundartikel

... am Anfang hörte es sich wie Krach an ...|

Kinder-Film-Kritiken

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