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Ausgabe 136-4/2013

EXIT MARRAKECH

Bild: EXIT MARRAKECH
© Studiocanal / Ascot Elite

Produktion: Desert Flower Filmproduktion; Deutschland 2013 – Regie und Buch: Caroline Link – Kamera: Bella Halben – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Niki Reiser – Darsteller: Ulrich Tukur (Heinrich), Samuel Schneider (Ben), Hafsia Herzi (Karima), Marie-Lou Sellem (Lea), Josef Bierbichler (Dr. Breuer), Abdesslam Bouhasni (Ahmed), Mourad Zaoui (Abdeslam) u. a. – Länge: 122 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Studiocanal Filmverleih (Deutschland); Constantin Film (Österreich), Ascot Elite Film (Schweiz) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Letzter Schultag im Internat: Direktor Breuer entlässt seine Schüler in die Sommerferien. Es ist ihm ein Anliegen, den ernsthaften, in letzter Zeit etwas bedrückt wirkenden  Ben im persönlichen Gespräch zu ermuntern, die Zeit der Freiheit zu nutzen, fürs Leben und nicht zum Bücherlesen. Gern würde der Junge mit seinen Freunden nach Nizza fahren, aber Lea, seine alleinerziehende Mutter, schickt ihn zum Vater Heinrich, dem erfolgreichen Regisseur, der in Marrakech Lessings "Emilia Galotti" für ein Theaterfestival inszeniert. Schon die Ankunft ist enttäuschend. Heinrich hat keine Zeit, seinen Sohn am Flughafen abzuholen. Immerhin hat er dessen 17. Geburtstag nicht vergessen, überrascht ihn mit einer Mitternachtsparty. Das gesamte Team gratuliert Ben, dem sympathischen Sohn des Regisseurs. Am nächsten Morgen zieht der Junge, während sein Vater noch schläft, mit seiner Kamera los, durchstreift neugierig Plätze und Bazare, lässt sich auf das Fremde ein. Sein Vater liegt stattdessen lieber am Pool des Luxushotels und liest Paul Bowles. Mit der ihn umgebenden Realität will er nichts zu tun haben, belehrt seinen Sohn: "Manchmal ist die Fantasie spannender als die Realität."

Ben hingegen taucht ab in die Realität. Mit Ahmed und Abdeslam, zwei marokkanischen Jungs aus dem Team, stürzt er sich ins Nachtleben. Sie treffen Karima, schön und jung, eine Prostituierte, die im Nachtclub den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdient. Ben ist das egal, er ist fasziniert von ihr, will keinen Sex, sondern einfach Zeit mit ihr verbringen und ist zum ersten Mal richtig verliebt. Er lässt sich auch nicht abwimmeln, als Karima mit dem Bus in ihr entlegenes Heimatdorf im Atlasgebirge fährt. Damit bringt er das Mädchen in eine heikle Situation. Nur weil Vater und Bruder noch auswärts sind, wird er von Karimas Mutter empfangen, muss aber im Haus der Großmutter logieren – eine Nacht, wie er sie noch nie erlebt hat. Mittlerweile sucht Heinrich immer ungehaltener nach seinem Sohn, der per Handy nicht zu erreichen ist. Nun macht ihm auch noch seine geschiedene Frau Lea die Hölle heiß, dass er Ben aus den Augen verloren hat, was lebensbedrohlich ist für den Diabetiker, der regelmäßig Insulin braucht. Doch Ben ist sich der Gefahr noch nicht bewusst, lässt sich berauschen vom Himmel über der Wüste. Die Polizei ist alarmiert, findet Ben und übergibt ihn dem Vater in einer schäbigen Station am Rande der Wüste. Es muss erst zum Crash kommen, damit beide ihre emotionale Distanz überwinden und zueinander finden.

In ihren Filmen erzählt Caroline Link (Jahrgang 1962) immer wieder von Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Hier ist es eine  konfliktreiche Vater-Sohn-Konstellation. Ein spröder Anfang steht für Unbeholfenheit und Desinteresse: Der erfolgsgewohnte Vater (von Ulrich Tukur sympathisch uneitel und ganz der Geschichte dienend gespielt) interessiert sich weder für Land noch Leute, sondern nur für seinen kulturellen Auftrag. In diesem Gefüge ist der Sohn (von der Neuentdeckung Samuel Schneider überzeugend und gewinnend verkörpert) ein Störfaktor. Auch Ben hat kein Interesse an der Welt des Vaters, den er lange nicht mehr gesehen hat.

Caroline Link gelingt es, beider Verhalten ohne Schuldzuweisung zu zeigen und die langsame Annäherung der gegensätzlichen Charaktere, die Überwindung der Sprachlosigkeit nachvollziehbar zu machen. Ohne pädagogisches Pathos kommt es am Ende dieser unfreiwilligen gemeinsamen Zeit zur Versöhnung zwischen Vater und Sohn und zur gegenseitigen Anerkennung. Jetzt ist Ben bereit, die nachgereiste neue Familie seines Vaters und damit auch seine kleine Halbschwester am Strand zu treffen. "Exit Marrakech" ist eine eindringliche Coming of Age-Geschichte und somit ein typischer Caroline-Link-Film.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 136-4/2013 - Interview - "Ich möchte gerne Filme machen, die gesehen werden und im Kino Erfolg haben"

 

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Ausgabe 136-4/2013

 

Inhalt der Print-Ausgabe 136-4/2013|

Filmbesprechungen

AME & YUKI – DIE WOLFSKINDER| DER BLAUE TIGER| EXIT MARRAKECH| GRÜSSE VON MIKE| HORIZON BEAUTIFUL| DAS KLEINE GESPENST| DER KÖNIG UND DER VOGEL| DIE LEGENDE VOM WEIHNACHTSSTERN| DER MOHNBLUMENBERG| REUBER| SCHERBENPARK| SPUTNIK| TURBO – KLEINE SCHNECKE, GROSSER TRAUM| ZAYTOUN|

Interviews

Jäger, Stefan - "Fast jeder Junge in Äthiopien hat Messi als Vorbild"| Link, Caroline - "Ich möchte gerne Filme machen, die gesehen werden und im Kino Erfolg haben"| Ranisch, Axel - "Ich wollte mal etwas für Kinder machen, weil ich von Kindern umgeben bin"|

Hintergrundartikel

"Bekas"| Ideen für die pädagogische Arbeit: "Sputnik"|

Kinder-Film-Kritiken

Horizon Beautiful| Kopfüber| Eine Kurzfilm-Auswahl vom 36. Int. Kinderfilmfestival LUCAS| Das Pferd auf dem Balkon|


KJK-Ausgabe 136/2013

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