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Ausgabe 46-2/1991

OLLE HEXE

Produktion: DEFA Studio Babelsberg GmbH, Gruppe "Johannisthal", Deutschland 1990 – Regie: Günter Meyer – Szenarium: Anne Goßens – Drehbuch: Günter Meyer, Helmut Bergmann – Kamera: Helmut Bergmann, Eliane Rehor – Schnitt: Helga Wardeck – Ton: Wolfgang Stab – Musik: Johannes Schlecht – Darsteller: Anne Szarvasy, Tobias Gottschlich, Anne-Else Paetzold, Hajo Müller – Laufzeit: 79 Min. Farbe – Verleih: Progress Film-Verleih (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Paul und Anna streiten sich im Fahrstuhl: Sie will hinauffahren, er herunter. Durch eine Fehlschaltung stoppt der Fahrstuhl nicht im Erdgeschoss, sondern rast immer tiefer. Die beiden Kinder landen auf einer Müllhalde, die zum Reich einer bösen Hexe gehört. Das blinde Pferd Andante erklärt ihnen, dass die Hexe es auf ihre Jugend abgesehen hat, weil ihre Lebensuhr bald abläuft. Nur ein Sieg über die Hexe ermöglicht den Kindern die Rückkehr ins Menschenreich. Auf dem Weg zum Hexenschloss treffen die drei einen Wecker ohne Zeiger und einen Ritter ohne Mut. Bei zahlreichen Abenteuern und Kämpfen mit der Hexe lernen Paul und Anna, sich zu vertragen. Schließlich gelangen sie ins Schloss, wo es zu einem gefährlichen Duell kommt. Die Hexe hat sich nämlich in ein riesiges Spinnenmonster verwandelt. Mit einer Kriegslist kann Paul das Untier endlich besiegen. So bekommt am Ende jeder, was ihm fehlt: Der Ritter findet seinen Mut wieder, das Pferd sieht wieder, und der Wecker erhält die Zeiger zurück. Die beiden Kinder sind Freunde geworden und kehren zu den Menschen heim.

Der ostdeutsche Kinderfilmregisseur Günter Meyer weist mit dieser effektvollen Inszenierung dem in seiner Existenz gefährdeten DEFA-Kinderfilm einen möglichen Ausweg aus der Krise, in die die Babelsberger Studios seit dem Wegfall der staatlichen Subventionen geraten sind. "Olle Hexe" orientiert sich in Tricktechnik und Ausstattungsaufwand unübersehbar an erfolgreichen westlichen Fantasy-Filmen wie zum Beispiel "E.T." oder "Die unendliche Geschichte". Zwar erreicht der Film mit der in Babelsberg verfügbaren Technik und einem Budget von rund drei Millionen Mark noch nicht den Standard internationaler Mammutproduktionen, doch insbesondere das furiose Schlussduell, das ein Feuerwerk an Special Effects zündet, zeigt die Marschrichtung in eine kommerzielle Zukunft an. Der Trend zum Fantasy-Film, den schon "Der Drache Daniel" von Hans Kratzert einläutete, wird umso deutlicher, wenn man neuere konventionelle Märchenfilme der DEFA wie "Gänseprinzessin", "Rapunzel" oder "Verflixtes Missgeschick" dagegen hält.

Ins Bild passt denn auch das geschickte Aufgreifen des Modethemas Umweltzerstörung, etwa wenn die Kinder durch eine trostlose Einöde ziehen oder einen toten Wald durchqueren. Allerdings schießt Meyer in seinem Drang, die kleinen Zuschauer, an die sich sein Film in erster Linie richtet, zu fesseln, zuweilen übers Ziel hinaus. Der Stationenweg zum Beispiel, der die Mutproben für Junge und Mädchen fein säuberlich aneinanderreiht, zieht sich doch arg in die Länge. Daran ändern auch die heiter-ironischen Zwischenspiele wenig. Hier haben sich Meyer und die Szenaristin Anne Goßens ("Unternehmen Geigenkasten", "Hasenherz") in ihrem Bemühen um Ausgewogenheit offenkundig verschätzt. Die beiden Spezialisten fürs Heitere, die schon bei den DDR-Fernsehserien "Spuk unterm Riesenrad" (1979) und "Spuk im Hochhaus" (1983) zusammenarbeiteten, konnten sich dennoch eine banale Botschaft nicht verkneifen. Im Presseheft des Ost-Berliner Progress Film-Verleihs betonte Meyer: "Aufrufe wie 'Seid nett zueinander!' meine ich ganz ernst und wörtlich. Weil es aber nicht meine Art ist, auf die Tränendrüse zu drücken, versuche ich diese 'Botschaft' – ein großes Wort – heiter und mit Spaß an die Frau, den Mann, vor allem an das Kind zu bringen."

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 47-2/1991 - Interview - "Der Zuschauer muss wirklich um seine Helden bangen"

 

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Ausgabe 46-2/1991

 

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