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Ausgabe 46-2/1991

DIE FEDERTASCHE

OH, XIANG XUE

Produktion: Chinesisches Kinderfilmstudio TJ-Beijing, Volksrepublik China 1989 – Regie: Wang Haowei – Drehbuch: Tie Ning, Wang Liu, Xie Xiaojin, nach einer Vorlage von Tie Ning – Kamera: Li Chengsleng – Schnitt: Zhang Qian, Qian Lengleng – Ton: Tao Jin – Musik: Zhang Qianyi – Darsteller: Xue Bai, Zhuang Li, Tang Ye, Ma Enran u. a.– Laufzeit: 85 Min. – Farbe – Weltvertrieb:. China Film Export Import Corporation, TJ-Beijing

Shanghai, Peking, Kanton – es sind Bilder von übervölkerten Millionenstädten, die man zunächst mit China assoziiert. Dabei lebt ein Großteil der chinesischen Bevölkerung auf dem Lande, in der chinesischen Bergwelt, in abgelegenen Ansiedlungen, die manchmal gar nicht über eine Straße zu erreichen sind. Die Menschen, die hier in spärlich eingerichteten kleinen Häusern wohnen, führen ein entbehrungsreiches, von harter körperlicher Arbeit geprägtes Leben. Nur selten stehen ihnen landwirtschaftliche Maschinen zur Verfügung, die die Arbeit an den steilen Berghängen etwas erleichtern. Und bevor das Land bebaut werden kann, müssen mühsam viele Steine weggeräumt werden. Öl wird per Hand in einer Steinmühle gepresst, Wäsche und Gemüse im Fluss gewaschen. Und seit den Reformen, seit also wieder sehr viel mehr auf die einzelnen Menschen zurückverteilt wurde, werden auch die Kinder wieder stärker in die täglich anfallenden Arbeiten eingebunden.

"Oh, Xiang Xue" – deutsch "Die Federtasche" – spielt in dem Bergdorf Tai'ergon. Es ist Sommer. Das Mädchen Xiang Xue und ihre Freundinnen genießen die Ferien, baden im Fluss oder tollen spielend und kichernd durch das Dorf und seine wunderschöne Umgebung. Doch immer zieht es sie zu der eben eröffneten Bahnstation und den Gleisen, auf denen einmal am Tag der Zug aus dem fernen Peking naht. Staunend drücken sich die Mädchen in der kurzen Zeit, die der Zug an ihrer Station hält, die Nasen an den Zugfenstern platt. Sie bewundern die Reisenden aus den fernen Städten, ihre moderne Kleidung, und die Dinge, die sie bei sich haben. Und zögernd beginnen sie, ihre abgeschiedene kleine Welt mit den Augen der Fahrgäste zu sehen, erahnen die Schönheit der Bergwelt, die ihnen so selbstverständlich geworden ist, werden sich aber auch der Makel, die ihre eigene Kleidung hat, bewusst. Nachdem die anfängliche Verlegenheit gewichen ist, beginnen die Mädchen, Quitten, Eier und Nüsse an die Reisenden zu verkaufen. Dabei entdeckt Xiang Xue eine Federtasche, eine aus Plastik, die ihr so viel schöner erscheint als die hölzernen Griffelkästen, die die Kinder im Dorf haben. Und sie weiß, so eine Federtasche möchte sie auch! Eines Tages nimmt das Mädchen all seinen Mut zusammen und klettert mit dem Eierkorb in den Zug. Xiang Xue hat in einem der Abteile wieder eine Federtasche gesehen. Doch bevor der geplante Tausch zustande kommt, setzt sich der Zug in Bewegung.

Die chinesische Filmemacherin Wang Haowei hat länger als ein Jahr in dem Bergdorf Tai'ergon gelebt, bevor sie "Oh, Xiang Xue", eine Auftragsarbeit, mit Mitteln des chinesischen Kinderfilmstudios Beijing realisierte. Als Hauptdarstellerin wählte sie die in China populäre Schauspielerin Xue Bai, eine Frau Mitte Zwanzig, die die vielleicht 13- oder 14-jährige Xiang Xue – zumindest für den europäischen Zuschauer – überzeugend darstellt. Nur wenige der anderen Rollen wurden mit Schauspielern besetzt: Das Dorf spielt sich selbst.

Entstanden ist ein eindrucksvoller, leiser Film mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen, der auf jede musikalische Verdichtung verzichtet. Einzig die Gänge der Mädchen zum Bahndamm, ihr vorsichtiges Erkunden der Gleisanlagen und der herannahende Zug werden durch eine eintönig sehnsuchtsvolle Lautmalerei besonders hervorgehoben.

Dieser Film, nach einer literarischen Vorlage von Tie Ning, vermittelt einen nachhaltigen Eindruck vom Leben in der chinesischen Bergwelt. Und deshalb sollte er nicht nur den Jugendlichen in Peking, Shanghai und Kanton zugänglich gemacht werden!

Silke Bartlick

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 46-2/1991 - Kinder-Film-Kritik - Die Federtasche

 

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Ausgabe 46-2/1991

 

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