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Ausgabe 61-1/1995

27 STUNDEN

27 HORAS

Produktion: Producciones Cinematograficas Madrid, Spanien 1986 – Regie: Montxo Armendariz – Buch: Montxo Armendariz, Elias Querejeta – Kamera: Javier Aguirresarobe – Schnitt: Juan I. San Mateo – Musik: Angel Illarramendi, Imanol Lazabal, Luis Mendo – Darsteller: Martxelo Rubio, Maribel Verdu, Jon Donosti, Antonio Banderas, Andre Falcon u. a. – Länge: 90 Min. – Altersempfehlung: ab 16 J.

27 Stunden im Leben des jungen Spaniers Jon aus San Sebastian. Er hat die Schule hingeschmissen, sich mit seinem Vater überworfen; er fixt und versucht mit allen möglichen Mitteln, irgendwie an Geld zu kommen. Jon ist ohne Wissen seines Vaters bei seinem Onkel untergekommen.

Der Film beginnt an einem Morgen um 7.00 Uhr. Im Hafen trifft Jon seinen Freund Patxi, der weiterhin die Schule besucht, sich mit Aushilfsarbeiten sein Taschengeld verdient. Gemeinsam stehlen sie eine Kiste mit frisch gefangenen Fischen; Jon verkauft sie weit unter Wert an eine Marktfrau. Damit wäre das Geld für den ersten Stoff bereits beschafft. Seine Freundin Maite ist ebenfalls abhängig. Sie lebt aber mit Rafa zusammen, weil er mehr Geld hat als Jon und mit Drogen dealt. Jon und Maite verabreden sich für den Nachmittag.

Jon braucht Geld oder Arbeit. Wie auf einem Sklavenmarkt werden von den Betreibern illegaler Unternehmen Kräfte angeheuert. Die meisten Bewerber haben kein Glück; Jon gehört mit dazu. Er streunt durch die Stadt, sucht seine Chance, pumpt sich Geld von seinem Onkel. Gemeinsam mit Maite und Patxi unternimmt er am Nachmittag mit einem kleinen Ruderboot einen Ausflug zu einer nahe gelegenen Insel. Für kurze Zeit genießen sie den Abstand von dem hektischen Leben in der Stadt. Sein Freund Patxi will Jon und Maite von den Drogen abbringen, wird aber nicht ernst genommen. Maite spritzt sich, wird bewusstlos. Hastig rudern die beiden Freunde zurück und bringen sie in die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Es wird dunkel. Jon ist weiter auf der Suche nach Geld oder Stoff und schreckt sogar vor einem (erfolglosen) Diebstahlversuch in seinem Elternhaus nicht zurück. Er erfährt am Telefon, dass Maite gestorben ist. Schmerz und Trauer werden alsbald von der Sucht verdrängt. Abstecher in Kneipen, Bars und einschlägigen Treffpunkten bringen nicht weiter. Patxi sieht, wie sein Freund leidet. Er verspricht ihm Hilfe, schließt ihn ein, besorgt ihm aber keinen neuen Stoff.

Wieder ist es 7.00 Uhr morgens. Jons Onkel kommt von einer durchzechten Nacht zurück. Jon leidet unter schweren Entzugserscheinungen. Er verlässt das Haus und bittet Patxi, ihn noch einmal zur Insel zu bringen. In der dort zurückgebliebenen Tasche von Maite sind sicher noch ein paar Gramm. Sie finden das Gesuchte. Patxi rudert zurück, mit einem abgeschlafften Jon im Boot. Dieser verliert das Bewusstsein und schließt die Augen. Es ist 10.00 Uhr. 27 Stunden im Leben des jungen Jon; vielleicht seine letzten.

"27 Stunden" ist eine beklemmende Studie über das Leben junger Menschen, die entweder in der Gesellschaft keine Anerkennung finden oder sich ihr bewusst verweigern. Der Film schildert in Form einer authentisch wirkenden Alltagsreportage eine in sich geschlossene Jugendszene, die von der repressiven Hierarchie an den Rand gedrängt wurde und von Dealern und Schwarzhändlern ausgebeutet wird. In seiner Struktur gleicht der Film dem "Tee im Harem des Archimedes" von Mehdi Charef (Frankreich 1985), auch wenn es hier um einen anderen Schauplatz geht. Jon ist der Typ des enttäuschten und unangepassten Jugendlichen; intelligent, introvertiert, wortkarg und ohne Erwartungen oder Perspektiven. Sein Freund Patxi hingegen will sich nicht unterkriegen lassen und arbeitet an einer Verbesserung seiner Lebensverhältnisse. Die junge Maite findet nicht mehr die Kraft, zu ihren Gefühlen zu stehen und mit Jon eine feste Bindung einzugehen. Sie ist – in doppelter Hinsicht – abhängig von Rafa (gespielt von Antonio Banderas), der für sich begriffen hat, dass auch mit Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit und unsauberen Tricks Karrieren aufgebaut werden können.

27 Stunden Einblick in die Lebensrealität Jugendlicher einer nordspanischen Küstenstadt: ein beinahe düsteres, depressives Bild, wären da nicht ausreichend Anhaltspunkte für Erkenntnisse und Folgerungen. Gleichgültigkeit und Egoismus verstärken, beschleunigen den sozialen Abstieg; Solidarität und Freundschaft hingegen schaffen Halt und Zuversicht. "27 Stunden" hat ein offenes Ende. Vielleicht hat Patxi seinen Freund Jon noch rechtzeitig zum rettenden Ufer bringen können.

Horst Schäfer

 

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Ausgabe 61-1/1995

 

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KJK-Ausgabe 61/1995

 

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