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Ausgabe 62-2/1990

ALADINS WUNDERLAMPE

WOLSCHEBNAJA LAMPA ALADDINA

UdSSR 1967 – Produktion: Zentrales Studio für Kinder- und Jugendfilme Maxim Gorki, Moskau – Regie: Boris Ryzarew – Buch: Grigori Borissowitsch Jagdfeld, Viktor Stanislawowitsch Witkowitsch – Kamera: W. Dulzew, L. Ragosin – Musik: A. Maravejow – Darsteller: Boris Bystrow (Aladin), Dodo Tschogowadse (Prinzessin Budur), O. Koberidse (Sultan), G. Milljov (Der Allerweiseste), G. Sadychow (Großwesir) – 69 Min. – Farbe – FSK: o. A.

Es war einmal vor langer Zeit: Da lebte in der schönen, weißen Stadt Bagdad, mitten in der Wüste, Aladin, Sohn einfacher Leute, der eines Tages das Antlitz der schönen und stolzen Prinzessin Budur erblickte. Eigentlich hätte er dafür sterben müssen, doch ein fremder Mann, der sich als sein Onkel ausgibt, rettet ihn und führt ihn in die "Stadt der Schatten". Hier soll er für den unbekannten Fremden – wir wissen inzwischen, dass er ein wahrhaft finsterer Geselle ist, dessen Namen Scheitan (arabisch für Satan) Aladin Mas Mas ist – die Wunderlampe besorgen, denn so rieten es Scheitan die Sterne. Doch als er den unschuldigen Aladin ermorden will, wird dieser unsichtbar. Das war der Geist der Lampe, der Dschinn, der auch fortan seine schützende Hand über seinen Freund Aladin halten wird.

Zurück in Bagdad, lässt Aladin erst einmal Budur zu sich zaubern, doch er wird alsbald eingesperrt und vor den Sultan geführt. Als er um die Hand der Prinzessin anhält, wird er in den Kerker gesperrt, und der Sultan und seine Berater hecken einen Plan aus, damit Budur Aladin vergisst. Sie reden ihr einfach ein, alles sei ein Traum gewesen und verschaffen ihr einen neuen Bräutigam, doch Aladin und der Dschinn sorgen dafür, dass er ihr nicht zu nahe kommt. Nun arrangiert Budur eine Hochzeitsfeier und redet ihrem Vater ein, alles sei ein Traum. Aber unter den Brautleuten kommt es zum Streit um die Lampe, die so in die Hände des Zauberers Scheitan gelangt, der dem Dschinn befiehlt, Aladin zu töten. Nun ist guter Rat teuer, aber Aladin hat eine gute Idee: Dschinn soll einfach das Gefäß wechseln, dann ist er Scheitan gegenüber nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Und so wird am Ende doch alles gut: Budur und Aladin werden ein Paar und der ganze Hofstaat singt: "In Bagdad gibt's was Neues"

Boris Ryzarews erster Märchenfilm ist eine durchaus freie Adaption der bekannten Geschichte von Aladin, der hier zum Beispiel kein Dieb, sondern ein einfacher Bewohner der Stadt ist. Und auch sonst variierten die versierten Märchenspezialisten Jagdfeld und Witkowitsch so manches Element, und es entstand eine durchaus eigenständige Version, die etwa den antifeudalistischen Trend der Vorlage stärker betont. Denn der Sultan ist hier – noch stärker als in den westlichen Varianten – ein Dummkopf, der von einem Beraterstab umgeben ist, der seine Weisheit nur vortäuscht, in Wahrheit aber nur oberflächliches Geschwätz zu bieten hat. Und die Prinzessin etwa erweist sich zunächst als äußerst lebensfremde Person, die noch nicht mal weiß, wie eine Ziege aussieht und die erst einmal von ihrem Hochmut kuriert werden muss. Ganz im Gegensatz dazu steht die Freundlichkeit der einfachen Leute, z. B. in Aladins Haus, wo zunächst die Prinzessin und dann der Sultan hingezaubert werden, um hier etwas über das Leben zu erfahren und eine Lektion in Mitmenschlichkeit zu erhalten. Und der Dschinn ist – wie zuletzt auch in Disneys "Aladdin" – ein freundlicher und gutmütiger Geselle.

Ryzarew gelang hier mit recht einfachen Mitteln ein durchaus ansprechender und zu Zeiten sehr komischer Märchenfilm. Zwar erreichen die Tricks nicht den Standard des 20 Jahre früher entstandenen Meisterwerkes "Der Dieb von Bagdad", aber das tut ihrer Überzeugungskraft kaum Abbruch. Und vor allem die Sequenz in der "Stadt der Schatten", Bagdads dunklem Ebenbild, zeichnet sich durch kreativen und äußerst wirksamen Einsatz verfremdeten Tons aus, die einem so manchen Schauer über den Rücken jagt. Zwar fehlt dem Film ein wenig der Zauber anderer Versionen, aber die Spiellaune aller Beteiligten und der stark antifeudalistische Witz machen daraus ein für den Filmemacher typisches Werk, der hier schon in seinem Märchenfilmdebüt jene Themen anspricht, die auch zukünftig seine Filme ausmachen werden. Und so bietet er gute Unterhaltung für Menschen ab 6 Jahren.

Lutz Gräfe

 

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Ausgabe 62-2/1990

 

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