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Ausgabe 67-3/1996

DAS BAUMHAUS

THE WAR

Produktion: Universal; USA 1995 – Regie: Jon Avnet – Buch: – Kathy McWorter – Kamera: Geoffrey Simpson – Schnitt: Debra Neil – Musik: Thomas Newman – Darsteller: Elijah Wood (Stu Simmons), Lexi Randall (Lidia), Kevin Costner (Stephen), Mare Winningham (Lois) u. a. – Länge: 124 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – FBW: bw – Verleih: UIP (35mm) – Alterseignung: ab 12 J.

Sommer 1970. Der elfjährige Stu Simmons, seine Zwillingsschwester Lidia und befreundete Kinder bauen in einer 800 Jahre alten Eiche ein Baumhaus. Die Geschwister verwenden dabei übrig gebliebene Dielen des alten Hauses, das die Familie kurz zuvor in ihrer Heimatstadt verloren hat. Mehr schlecht als recht schlägt sich seitdem die Familie in einer Notunterkunft durch, zumal der vom Vietnamkrieg gezeichnete Vater nach einem Psychiatrie-Aufenthalt nur schwer Arbeit findet. Um die Familie versorgen zu können, schuftet die Mutter dafür umso härter. So bleiben die Kinder meist unter sich: Für sie bedeutet das Baumhaus ein Ersatzheim, in das sie sich zurückziehen können. Trotz der ärmlichen Verhältnisse könnte alles so schön sein, gäbe es nicht die Bande der verwahrlosten Lipnicki-Kinder aus der Nachbarschaft. Immer wieder kommt es zwischen den rivalisierenden Gruppen zu Balgereien. Erst als Stu dem jüngsten Lipnicki-Sohn das Leben rettet, versöhnen sich die beiden Gruppen. Schließlich bekommt die Simmons-Familie wieder ein eigenes, allerdings sehr renovierungsbedürftiges Haus im Grünen. Im Nachhinein geht damit der größte Traum des Vaters in Erfüllung – auch wenn er selbst das wegen eines Unfalls nicht mehr erleben kann.

Wie schon in seinem Regiedebüt "Grüne Tomaten" von 1992 schildert Jon Avnet, früher ein erfolgreicher Film- und Fernsehproduzent, mit liebevollen Pinselstrichen und in epischer Breite das Landleben im Süden der USA. Erzählt werden die Ereignisse eines Sommers in der Provinzidylle aus der Perspektive der Tochter Lidia, die mit nostalgischem Blick zurückschaut und aus dem Off die Überleitungen zu den einzelnen Szenen spricht. Deutlicher als der verharmlosende deutsche Verleihtitel signalisiert der Originaltitel "The War", dass dabei der Krieg im Mittelpunkt steht: der blutige Krieg der Erwachsenen in der Ferne und der "Kleinkrieg" der Kinder um die Herrschaft über das Baumhaus.

Für junge Zuschauer bieten die spannenden Bandenkämpfe, die abenteuerlichen Streifzüge auf einem Schrottplatz und die Reibereien zwischen Mädchen und Jungen reichlich Identifikationsangebote. Zumal es Avnet gelingt, die jungen Amateurdarsteller ebenso sicher zu führen wie Nachwuchsprofis vom Rang eines Elijah Wood, der schon in etlichen Filmen wie "Sommerparadies" oder "Die Abenteuer von Huck Finn" aufgetreten ist. Die Rolle des Vietnam-geschädigten Vaters bietet Kevin Costner dagegen ungewohnt wenige Entfaltungsmöglichkeiten.

Das stellenweise durchaus sensibel inszenierte Familiendrama, das im übrigen mit schön fotografierten Landschaftsidyllen aufwarten kann, verflacht jedoch über weite Strecken leider zu einem plumpen Botschaftskino. So predigt der traumatisierte Kriegsveteran seinen Sprösslingen immer wieder, Konflikte – wenn irgendwie möglich – friedlich beizulegen, oder er belehrt sie darüber, dass es außer der Liebe nichts auf der Welt gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Zur Illustration seines Traumas dienen klischeehafte Szenen von Kampfeinsätzen, die mittlerweile zum Standardrepertoire jedes zweiten amerikanischen Vietnamfilms gehören: Der erschöpfte Held konnte den schwer verletzten Kriegskameraden bzw. besten Freund nicht mehr rechtzeitig in den rettenden Hubschrauber mitschleppen. Gut gemeint, aber völlig misslungen sind die flammenden Protestreden Lidias und ihrer schwarzen Freundin gegen ihre rassistische Lehrerin. Alles in allem ein sentimentales Melodram über die unwiederbringliche Schönheit der Kindheit und die unzerstörbare Solidarität der Familie.

Reinhard Kleber

 

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Ausgabe 67-3/1996

 

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