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Ausgabe 90-2/2002

ALI ZAOUA

Produktion: Playtime; Marokko / Frankreich 2000 – Regie: Nabil Ayouch – Buch: Nabil Ayouch, Nathalie Saugeon – Kamera: Vincent Mathias – Schnitt: Jean-Robert Thomann – Musik: Krishna Levy – Darsteller: Said Taghmaoui, Straßenkinder aus Casablanca – Länge: 90 Min. – Farbe – Verleih: Arsenal (O.m.U.) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die zwölfjährigen Jungen Ali, Kouka, Omar und Boubker leben als Straßenkinder im Hafen von Casablanca. Sie leben von kleinen Diebstählen und krummen Geschäften, schnüffeln oft gemeinsam Klebstoff und stehen sich im täglichen harten Überlebenskampf auf den Straßen bei. Ali ist von seiner Mutter, einer Prostituierten, weggelaufen und träumt davon, ein Seemann zu werden und zu einer Insel mit zwei Sonnen zu reisen. Bei einer Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Straßenbande wird er von einem Stein am Kopf getroffen und tödlich verletzt, Omar wagt es aber zunächst nicht, Alis Mutter die Wahrheit zu sagen. Die Kameraden verstecken die Leiche in einem Kellerverlies, um ihn später "wie einen Prinzen" zu bestatten. Dafür müssen sie jedoch eine beachtliche Summe Geld beschaffen. Das ist gar nicht so einfach und mit einigen Rückschlägen verbunden.

Der 1969 in Fes geborene Nabil Ayouch wuchs als Sohn eines Marokkaners und einer Französin in Paris auf. Nach einem Theaterstudium drehte er Kurzfilme und Werbespots und 1997 seinen ersten Langfilm, den Korruptionskrimi "Mektoub", der in Marokko mit mehr als 350.000 Zuschauern zum Publikumshit avancierte. Für seinen zweiten langen Film "Ali Zaoua" begleitete er die Sozialarbeiter eines Straßenkinderprojekts in Casablanca zwei Jahre lang, ehe er die Laiendarsteller auswählte und mit einem Trainingsprogramm für die Filmarbeit begann. Die Hilfsorganisation Bayti begleitete die jungen Darsteller, von denen einige zunächst zu ihren Familien zurückgefunden haben, eine Zeitlang auch noch nach dem Ende der Dreharbeiten.

Der beinahe dokumentarischen Düsternis vergammelter Hinterhöfe, schmutziger Hafenanlagen und trostloser Bauruinen setzt Ayouch immer wieder märchenhafte Momente und die Poesie der Fluchtphantasien der Jungen entgegen. Wenn sich Kreidezeichnungen an Hauswänden gelegentlich in naive Zeichentricksequenzen mit optimistischen Themen verwandeln, lockern sie die dominierende Tristesse des Geschehens auf und gewähren den Protagonisten als auch den jungen Zuschauern gelegentlich Erleichterung und eine Art Hoffnungsschimmer.

Einige Szenen, in denen sexueller Kindesmissbrauch und Armutsprostitution der Jungs angedeutet werden, sind so behutsam gestaltet, dass sie heutige Heranwachsende nicht überfordern. Erfreulicherweise vermeidet die Inszenierung vordergründige Mitleidseffekte, begegnet den Protagonisten mit Respekt und im Vertrauen darauf, dass sie die Chancen zu besseren Lebensumständen nutzen können. Mehrere Publikumspreise belegen, dass "Ali Zaoua" nicht nur ein Kritikerliebling ist, sondern auch das Potenzial hat, zumindest in anspruchsvollen Filmtheatern auf ein breiteres Echo zu stoßen.

Reinhard Kleber


Auf dem Internationalen Festival für Kinder- und Jugendfilme in Zlín 2001 wurde Nabil Ayouchs Film mit dem Hauptpreis "Goldener Schuh" für Jugendfilme ausgezeichnet.

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 86-2/2001 - Interview - "Sie haben mir mehr gegeben"

 

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