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Ausgabe 91-3/2002

BUNGALOW

Produktion: Peter Stockhaus Filmproduktion / ZDF; Deutschland 2001 – Regie: Ulrich Köhler – Drehbuch: Ulrich Köhler, Henrike Goetz – Kamera: Patrick Orth – Schnitt: Gergana Voigt – Darsteller: Lennie Burmeister (Paul), Devid Striesow (Max), Trine Dyrholm (Lene), Nicole Gäser (Kerstin), Jörg Malchow (Stefan), Maria Hagewald (Dunja), Frank Breitenreiter (Frank) u. a. – Länge: 84 Min.-Farbe – Verleih: offen – Weltvertrieb: mdc int. Schillerstr.7a, 10625 Berlin; www.mdc-int.de – Altersempfehlung: ab 12 J.

Eine neue Generation ist dabei, die deutsche Filmszene zu erobern. Während sich bei Treffen auf höchster Ebene die Regierenden zu Fragen des deutschen Films immer noch mit den Herren Schlöndorff, Wenders & Co unterhalten, verbinden sich im Gegenwartskino die Themen und ihre Vielfalt mit neuen Namen; oft sind es Hochschulabsolventen, die mit beachtlichen Spielfilmdebüts auf sich aufmerksam machen. Die Berlinale 2002 bot mit ihrem neuen Schwerpunkt "german films" Gelegenheit zu Leistungsschau und -vergleich. Auffallend ist, dass viele der Filme ausgesprochene Jugendfilme sind: Filme, die hier und heute spielen, Filme, die durch einen eigenwilligen, unkonventionellen Stil überraschen, Filme mit Protagonisten und Charakteren, die in Bezug zur Lebenswirklichkeit Jugendlicher stehen und – sieht man einmal ab von dem Shootingstar Daniel Brühl – mit vergleichsweise unbekannten Darstellern besetzt wurden: "Bungalow", "Klassenfahrt", "Fickende Fische", "Mutanten", "Nichts bereuen", "Mädchen, Mädchen", "Engel & Joe", "Herz über Kopf", "Wie Feuer und Flamme" u.a.m. stehen für einen Trend, der sich thematisch oft mit der Identitätsfindung und mit dem mühsamen oder amüsanten Weg dorthin beschreiben lässt.

Auch der 19-jährige Paul in "Bungalow" ist auf diesem Weg. Noch hat er es nicht geschafft, der Langeweile des Kleinstadtlebens zu entfliehen. Im Gegenteil. Er verschlimmert seine Situation, als er den Wehrdienst antritt – und dies aus purem Trotz gegen seine linksliberale Familie und seine Freunde. Eines Tages entfernt er sich unerlaubt vom Dienst. Der elterliche Bungalow ist vorübergehend unbewohnt und Paul fährt hin. Dort trifft er überraschend seinen älteren Bruder Max und dessen Freundin Lene. Die drei verstehen sich prächtig und erst später wird Max und Lene klar, dass Paul fahnenflüchtig ist. Max überredet seinen Bruder, freiwillig in die Kaserne zurückzukehren, doch schon wenige Stunden später taucht Paul wieder auf. Aus einer Laune heraus knutscht Lene mit dem jungen Kerl herum. Paul ist auf der Stelle verknallt und versucht, sie für sich zu gewinnen. Leider erfolglos. Max setzt ihn an die Luft.

In seiner Einsamkeit wendet Paul sich an seine Ex-Freundin Kerstin und sie schmieden Pläne, gemeinsam nach Afrika zu fliehen. Paul ist es damit aber nicht wirklich Ernst und schon bald geht ihm Kerstins naive Euphorie auf den Geist. Noch einmal will er Lene sehen und lockt Max mit einem Trick aus dem Haus. Die Feldjäger erscheinen und Lene wird unfreiwillig zu Pauls Gefährtin, als er mit dem Auto abhaut. Ihre Wut über diese 'Entführung' schlägt in Mitleid um, als ihr bewusst wird, dass Paul völlig verzweifelt ist. In einem Hotelzimmer schläft sie mit ihm. Doch Pauls Glück ist nur von kurzer Dauer, die Realität holt ihn ein. Das Ende bleibt allerdings offen: Fährt er zurück mit den Feldjägern zu seiner Kaserne oder besteigt er als Anhalter den Tankwagen, der in die entgegen gesetzte Richtung fährt?

Paul ist genau das, was umgangssprachlich als 'Schluffi' bezeichnet wird. In seinem introvertierten Habitus und in der Ablehnung (spieß-)bürgerliche Werte könnte er auch eine der unangepassten Figuren des 'jungen deutschen Films' sein, die sich in den 60er-Jahren mit zurückgenommenen Gestus und lakonischen Kommentaren gegen die Dominanz und den Mehltau von 'Opas Kino' auflehnten. In "Bungalow" kommt keine Hektik auf. Der Film gönnt sich genau die Zeit, die sich auch Paul lässt, um Lene erfolgreich nahe zu kommen. Ein kurzfristiger Erfolg zwar und auch nicht mehr als nur eine Zwischenstation auf der Strecke zwischen Jugend und Erwachsensein, die Zeit des 'Nicht-mehr' und des 'Noch-nicht'. Das alles hat Ulrich Köhler genau beobachtet und den provinziellen Alltag in einer hessischen Mittelgebirgslandschaft überzeugend visualisiert. Langeweile lässt sich eben nicht durch schnelle Schnitte darstellen. Als interessante Nebenfiguren: Lou Castell und Helke Sander – Ikonen eines deutschen, im Ansatz 'revolutionären' Kinos – als Liebespaar, das sich auf einem Bahnhof verabschiedet. Ihr Mut, Gefühle öffentlich zu zeigen, ist für Paul der Anlass, sich erneut Lene zu nähern und seine Träume nicht nur zu träumen, sondern sie zu erfüllen.

"Bungalow" ist der erste abendfüllende Spielfilm des 1969 in Marburg (Lahn) geborenen Ulrich Köhler. Er studierte von 1989 bis 1991 Kunst in Quimper (Frankreich), anschließend in Hamburg Philosophie und später visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste (Diplom 1998). Dort entstanden auch seine ersten Kurzfilme. Auf seine nächsten Filme darf man gespannt sein.

Horst Schäfer

 

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