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Ausgabe 63-3/1995

BRIEFE AN ERWACHSENE

Produktion: CMP Film & Video Productions AG /Pro 7 /TSR, Schweiz 1994 – Regie und Buch: Alice Schmid – Kamera: Helena Vagnières – Schnitt: Uschi Meyer – Musik: Carl Hänggi – Darsteller: Ria, Khat Srei Wong, Em Theay, Liu Khat u. a. – Länge: 52 Min. – Farbe – Verleih: EZEF – Altersempfehlung: ab 12 J.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen liegen derzeit über 100 Millionen Landminen in mindestens 62 Ländern der Erde vergraben. Tagtäglich fordern sie unschuldige Opfer in der Zivilbevölkerung. Schätzungsweise jedes dritte oder vierte Opfer ist ein Kind. Monatlich werden nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 1.200 Menschen durch Minen getötet, weitere 450 grausam verstümmelt. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF hat bereits umfangreiche Aufklärungskampagnen und Rehabilitierungsprogramme in Ländern wie Kambodscha, Afghanistan, Kroatien, Ruanda, Somalia, Angola und Mozambique gestartet. Durch eine bundesweite Unterschriftenaktion regte die Hilfsorganisation 1994 eine breite Diskussion über das zu Unrecht kaum beachtete Thema an. Vor dem Hintergrund, dass allein in Deutschland im vergangenen Jahr nach Angaben von UNICEF rund 355 Millionen Mark an Steuergeldern für Erforschung und Entwicklung von Minentechnologie ausgegeben wurden, fordert die Organisation eine internationale Ächtung von Bau, Export und Anwendung von Landminen.

In diesem Zusammenhang ist der Film "Briefe an Erwachsene" von Alice Schmid über die Erfahrungen kambodschanischer Kinder zu sehen. Darin lässt sie die etwa siebenjährige Ria erzählen, wie diese mit ihrer Familie nach zwei Kriegsjahren in das zerstörte Heimatdorf zurückkehrt. Bei der Begrüßung durch den Nachbarjungen Wong reißt sich Rias kleiner Bruder Jay-Jay von ihrer Hand los und tritt auf eine scharfe Mine. Zwar kann der Vater das schwer verletzte Kind in ein Krankenhaus bringen, doch am Ende stirbt Jay-Jay. Obwohl die Minenfelder mit Warnschildern markiert sind, können sich die Dorfbewohner auch außerhalb davon nie sicher fühlen. Die Kinder dürfen daher nur in bestimmten Gebieten spielen. Alle Haustiere sind angekettet. Das Mädchen will Tänzerin wie ihre Großmutter werden, die täglich fleißig mit ihr übt.

Weil jemand einige Warnschilder gestohlen hat, tritt auch Wong auf eine Mine und verliert ein Bein. Dennoch kann er in der nächsten Stadt weiter für den Herausgeber einer Zeitung arbeiten. Mit Protestbriefen will Ria die Minenhersteller zur Einstellung ihrer Produktion bewegen. Den Brief befestigt sie an einigen bunten Luftballons, die ein Schrotthändler mitgebracht hat. Beim Überleben im Dorf hilft ein Lehrer, der den Kindern in der Schule beibringt, wie man die verschiedenen Minentypen erkennt. Nachdem Ria erstmals in einem Tempel getanzt hat, vergisst sie in ihrer Aufregung, auf versteckte Minen zu achten. Bei einer Explosion verliert auch sie ein Bein und kann keine Tänzerin mehr werden. Wong hilft ihr, die Verzweiflung zu überwinden, indem er dafür sorgt, dass ihre Geschichte und ihre Briefe an die Erwachsenen in der Zeitung abgedruckt werden.

Indem der schwierige Alltag im Nachkriegskambodscha konsequent aus dem Blick der Heldin geschildert wird, gelingt es der Regisseurin, Mitgefühl mit den Kriegsopfern zu wecken. Durch die lineare Erzählweise, ruhige Bilderfolgen und eine einfache Sprache wird das Anliegen auch jüngeren Zuschauern nahe gebracht, zumal direkte Gewaltszenen fehlen. Allerdings drängt sich der didaktische Impetus dabei des Öfteren in den Vordergrund, nicht zuletzt durch den distanzierenden Off-Kommentar des Mädchens. So lässt die Regisseurin Ria einmal sagen: "Ich glaube, die Minen merken nicht, dass Frieden ist." Angesichts mehrjähriger alltäglicher Erfahrungen mit Krieg und Vertreibung erscheint eine solche Naivität selbst bei der arglosen Ria wenig glaubwürdig.

Überzeugender wirken dagegen die lakonischen Alltagsbeobachtungen und die Erklärungen zur Minengefahr. Welcher Erwachsene und erst recht welches Kind weiß denn schon über Bonbon-Minen Bescheid? Ria sagt dazu einmal: "Es gibt Menschen, die erfinden sogar Schmetterlingsminen, ganz kleine aus Plastik. Sie fallen aus dem Hubschrauber wie Blätter vom Himmel und reißen den Kindern die Hände ab." Mit solchen Sätzen schafft es das kleine Mädchen in seinen Briefen ohne Mühe, die Erwachsenen zum Nachdenken zu bringen. Das ist immerhin der erste Schritt zu einer möglichen Veränderung.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 65-3/1996 - Hintergrund - "Briefe an Erwachsene"

 

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