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Ausgabe 49-1/1992

HERZSPRUNG

LA FRACTURE DE MYOCARDE

Produktion: Belbo Films, Frankreich 1990 – Regie und Drehbuch: Jacques Fansten – Kamera: Jean-Claude Saillier – Schnitt: Colette Farruggia – Musik: Jean-Marie Sénia, Jacques Fansten – Darsteller: Sylvian Copans, Nicolas Marodi, Delphine Gouttman, Olivier Montiège – Laufzeit: 105 Min. – Farbe – Internationaler Vertrieb: Films Transit, 402, rue Notre Dame est, Montréal, Quebec H2Y 1C8, Kanada – Altersempfehlung: ab 10 J.

Der französische Kinderfilm zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es so gut wie keine reinen Kinderfilmer gibt, aber immer wieder begabte und renommierte Filmemacher, die eindrucksvolle Kinderfilme schaffen. Das gilt auch für den neuen Film des hierzulande fast unbekannten Jacques Fansten: Eine kleine Provinzstadt in Frankreich. Hier lebt der ca. zwölfjährige Martin allein mit seiner Mutter. Doch seit einigen Tagen erscheint er seinen Schulkameraden und Freunden irgendwie verändert: seltsam abwesend und teilnahmslos. Da er auf ihre Versuche herauszufinden, was passiert ist, nicht reagiert, beschließen sie ihm nachzuspionieren. Und so entdecken sie die traurige Wahrheit: Martins Mutter ist verstorben und der Junge will nicht, dass das bekannt wird, da er sonst ins Erziehungsheim müsste. Kurzerhand beschließt die Freundesclique, Martin zu helfen. Es entsteht eine sich ständig vergrößernde Gruppe solidarischer Kinder, die gegen die Erwachsenenwelt zusammenhalten. In einer Nachtaktion wird Martins Mutter in einer alten Standuhr zum "Friedhof" – einer kleinen Wiese – gefahren und dort beerdigt. Auch sonst kümmert sich die Gruppe rührend um ihren Freund: Er wird bekocht, sie machen mit ihm Hausaufgaben und schützen ihn vor allzu neugierigen Erwachsenen. Natürlich kann so was heutzutage nicht lange gut gehen. Misstrauische Erwachsene schalten das Jugendamt ein, das sich an Martins Fersen heftet. Trotz aller Versuche der Kinder können sie Martin nicht vor dem Heim bewahren. Aber sie werden ihn auch dort nicht vergessen, und so entlässt einen der Film zwar ohne Happy End, aber nicht ohne Hoffnung.

Fanstens 14. Spielfilmarbeit ist keineswegs eine Geschichte über Kinder und wie sie mit dem Tod umgehen, sondern ein Film über die Kraft kindlicher Solidarität in und gegen eine Erwachsenenwelt, die ihnen zusehends fremder wird und der sie nicht trauen. Als der zuständige Richter in der Schule einen Briefkasten einrichten lässt, wo die Schüler – natürlich anonyme – Informationen über Martin abgeben sollen, steht auf einem der Zettel: "Wir haben kein Vertrauen." Die konsequent aus der Sicht der Kinder inszenierte Geschichte erinnert nicht nur an große französische Kinderfilme wie etwa "Taschengeld" von François Truffaut, sondern nicht zuletzt auch an den Poetischen Realismus der 80er-Jahre. Fansten, der selbst ein großer Bewunderer Jean Renoirs ist, hat sich hier einer Geschichte und Erzählstruktur bedient, die an Renoirs Arbeit "Das Verbrechen des Monsieur Lange" erinnert. Hier wie dort deckt eine Gruppe durch solidarisches Handeln Gesetzesbrecher und hier wie dort bestimmt die Parteinahme des Filmemachers für seine Akteure Klima und Moral der Geschichte.

Dabei kommt Fanstens Film ohne jede Belehrung aus: Unaufdringlich und behutsam dringen wir in die Welt der Kinder ein, von denen einige – vor allem die Mädchen – schon fast keine Kinder mehr sind. Und wir erleben die Erwachsenen aus ihrem Blickwinkel und lernen sie nur in dem Maße genauer kennen, wie sie sich den Kindern nähern. Dabei machen die Kinder so manche überraschende Entdeckung. Das Besondere an "Herzsprung" sind jedoch ohne Zweifel die Dialoge – gelegentlich recht derb, aber immer klar und natürlich – und die authentischen Darsteller. Dass dabei, trotz trauriger Begleitumstände, auch so manch witzige Sequenz herauskam, ist vor allem diesen stimmigen Dialogen zu danken: So ist die Fahrt zur Beerdigung (zumindest in der Originalfassung) eine gelungene Gratwanderung zwischen schwarzem Humor und bitterem Ernst. Bleibt zu hoffen, dass die Synchronisation hier nicht durch Vergröberung das feine Gespinst zerstört. Aber auch die anrührenden kleinen Liebesaffären untereinander, die nie lächerlich oder peinlich wirken, sowie Fanstens Gespür für Atmosphäre sorgen für eine manchmal recht vergnügliche Stimmung. Ein heiterer und trauriger, spannender und anrührender Film ohne falsche Sentimentalitäten, ein Film für Kinder zwischen Kindheit und Jugend und für alle Erwachsenen, die nicht vergessen wollen, wie die Kinder die Welt sehen.

Lutz Gräfe

 

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Filmtitel - "H":

 

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