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Ausgabe 112-4/2007

HOPPET

HOPPET

Produktion: Happy Zingo Productions; Schweden / Deutschland / Norwegen 2007 – Regie: Petter Næss – Drehbuch: Moni Nilsson-Brännström – Kamera: Marius Johansen Hansen – Schnitt: Inge-Lise Langfeldt – Musik: Nils Petter Molvaer – Darsteller: Ali Ali (Azad), Ronas Gemici (Tigris), Mehmet Aras (Hussein), Per Fritzell (Bosse), Kajsa Bergqvist u. a. – Länge: 89 Min. – Farbe – FSK: noch offen – Verleih: Farbfilm – Altersempfehlung: ab 8 J.

In Deutschland ist der schwedische Regisseur Petter Næss vor allem durch seinen zweiten Film "Elling" (2001) bekannt geworden, der Verfilmung eines bekannten Romans und Theaterstücks über zwei erwachsene Außenseiter der Gesellschaft. Sein nächster Film "Nur noch Bea" (2004) über eine Gymnasiastin auf der Suche nach dem "ersten Mal" und das auch noch mit dem "Richtigen", lief auf mehreren deutschen Festivals, darunter auf dem Kinderfilmfest/14plus der Berlinale. Auch seine sechste Arbeit mit dem Originaltitel "Hoppet" (Hoffnung; 2007), der unter deutscher Beteiligung entstand, ist wieder ein Jugendfilm, diesmal mit starkem gesellschaftspolitischem Hintergrund.

Irgendwo im Mittleren Osten, die Vermutung liegt nahe, dass es sich um den von Kurden bewohnten Norden des Iraks handelt, ist der Krieg ausgebrochen. Ein Dorf wird bombardiert. Azad und sein Bruder Tigris beobachten das Drama von einer Anhöhe aus und verstecken sich in einem Weidenkorb. Seitdem ist Tigris stumm. Azad, der sich die schwedische Leichtathletiksportlerin Kajsa Bergqvist zum Vorbild genommen hat, wird in den folgenden Jahren zum besten Hochspringer seiner Schule. Von einem Tag auf den anderen entscheiden die politisch verfolgten Eltern, ihre beiden Söhne vorab nach Deutschland zu schicken, damit sie später leichter nachkommen können. Ein Manuskript des Vaters, der Schriftsteller ist, wird von den Eltern ebenfalls in den Koffer gepackt. Doch bei einer Zwischenlandung in Stockholm ist Endstation, sie wurden von der Schlepperbande gelinkt und können auch ihre Eltern nicht informieren. Eine ebenfalls mitgereiste Flüchtlingsfamilie nimmt sich der beiden an und erhofft sich dadurch größere Chancen auf ein Bleiberecht in Schweden. Azad und Tigris dürfen deshalb aber ihre wahre Identität nicht preisgeben. In einem kurdischen Hot-Dog-Verkäufer findet wenigstens Azad einen Freund und Helfer, der ihn über das Heimweh hinwegtröstet. Es gelingt ihm sogar, sein Talent als Hochspringer im Schulsportverein unter Beweis zu stellen, doch darf er nicht mit den anderen üben, weil die Gasteltern befürchten, ihr Schwindel könne auffliegen. Azad hat erneut Glück, er findet auch unter den Gleichaltrigen im Sportteam Freunde. Als das Team zu einer Meisterschaft nach Berlin eingeladen wird, reist Azad unter falscher Identität und mit gefärbten Haaren mit, um für die schwedische Mannschaft anzutreten. Auf der Reise und später in Berlin warten noch einige Überraschungen auf ihn.

Petter Næss hat auf den ersten Blick eine Menge Stoff in seinen Film gepackt, von der engen Beziehung zweier Brüder und der Sportlerkarriere des einen bis zur Kurdenproblematik inklusive politischer Verfolgung, Flucht und den menschlichen Schicksalen von Migranten zwischen Illegalität und Integration. Dabei bezieht der Film eindeutig Stellung gegen jede Form von Intoleranz, gegen Vorurteile und den rein verwaltungstechnischen Umgang mit Menschen, die fern ihrer Heimat eine neue Existenz aufbauen.

Ganz ohne Klischees geht es offenbar auch hier nicht. Bei der Einreise nach Deutschland weckt ein engstirniger und biestiger deutscher Grenzbeamter Assoziationen an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze und gar an schlimmere deutsche Vergangenheiten. Dramaturgisch gesehen stellt diese Szene Azads Schlagfertigkeit und die Solidarität der anderen Jugendlichen unter Beweis, was den Grenzbeamten als reine Karikatur erscheinen lässt. An anderer Stelle ist der Film um differenziertere Sichtweisen bemüht, zeigt die Flüchtlinge etwa nicht alle als vorbildhaft und liebenswert und die Schweden nicht frei von Vorurteilen und offenen Ressentiments.

Im Grunde genommen spielen freilich weder die Motivationen noch die Handlungen der Erwachsenen eine übergeordnete und nachvollziehbare oder kritisierbare Rolle. Denn der Film ist ganz aus der subjektiven Perspektive der beiden Brüder und insbesondere von Azad erzählt. Die beiden Jungen fühlen sich von den Eltern nicht in Sicherheit gebracht, sondern schmählich im Stich gelassen, das Manuskript des Vaters ist ihnen vollkommen unwichtig, es hilft ihnen in keiner Weise, sich emotional in einem fremden Land zurechtzufinden, mit dem sie außer der Sportlerin Kajsa Bergqvist zunächst nichts verbindet. Dieser Erzählstil wird konsequent durchgehalten, weder erfährt man Details über Azads Heimat und den Krieg, noch über die Verfolgung der Eltern oder den Inhalt des Manuskripts, geschweige denn etwas über die politischen Hintergründe oder die Situation des kurdischen Volks ohne eigenen Staat. Für Kinder und Jugendliche sind ganz andere Dinge wichtig im Alltag und das macht Petter Næss mit seinem Mut machenden und optimistisch endenden Werk unmissverständlich klar. Auf dem Kinder- und Jugendfilmfestival in Zlín 2007 hat der Film daher gleich drei Hauptpreise erhalten, darunter auch den Preis der Jugendjury.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 113-4/2008 - Interview - "Damit kann sich jedes Kind identifizieren"
KJK 113-4/2008 - Interview - "Nur selten finde ich einen Film, den ich ins Kino bringen will"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.HOPPET im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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KJK-Ausgabe 112/2007

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