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Ausgabe 114-2/2008

HÖHERE GEWALT

Produktion: Filmakademie Baden-Württemberg, in Co-Produktion mit Hessischer Rundfunk; Deutschland 2007 – Regie und Drehbuch: Lars Henning Jung – Kamera: Mathias Prause – Schnitt: Sabine Smit – Musik: Torsten G. Mauss & Volker Bertelmann – Darsteller: Vinzenz Kiefer (Strecker), Tobias Schenke (Betz), Anna Bertheau (Jasmin), Alice Dwyer (Maike), Natalie Spinell (Steffi), Christian Polito (Sören) – Länge: 96 Min. – Farbe – Kontakt: mail@hoeheregewalt-film.de – Altersempfehlung: ab 14 J.

In seinem Langfilmdebüt "Höhere Gewalt" erzählt der 1977 in München geborene Lars Henning Jung von sechs Jugendlichen, die nach dem Schulabschluss für ein Wochenende zu einem einsamen Landhaus an einem See fahren. Ihr Umgang miteinander ist von Aggressionen bestimmt und mit sexuellen Phantasien aufgeladen. Strecker, der Wortführer der Gruppe, will nicht akzeptieren, dass die selbstbewusste Jasmin nichts mehr von ihm wissen will und nun mit seinem besten Freund Sören liiert ist. Seinen Frust lässt Strecker an der zart besaiteten Steffi aus. Derweil hat Betz ein Auge auf die junge Maike geworfen – ihre Zurückweisung stachelt ihn zu immer hartnäckigeren Annäherungsversuchen an. Die vom Alkohol geförderte aggressive Stimmung findet ein erstes Ventil in einem makabren Rollenspiel, bei dem Maike nach einem keltischen Brauch als Menschenopfer dargebracht werden soll. Es heizt die Machtphantasien und Macho-Allüren von Strecker und Betz an und beeinträchtigt zunehmend deren Wahrnehmung der Wirklichkeit. Als sich Frustrationen und Provokationen in einer fatalen Gruppendynamik weiter aufschaukeln, geht einer zu weit und vergewaltigt Maike. Die restlichen Gruppenmitglieder beschließen, es dem Täter heimzuzahlen, schießen dabei aber weit übers Ziel hinaus.

In rauen Bildern, oft mit einer nervösen Handkamera gefilmt, registriert das Jugenddrama, wie sich die Rollen von Anführer und Prügelknaben in der Clique verfestigen und wie Machtphantasien außer Kontrolle geraten. Sein Konzept erläutert der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasste, so: "Mein Film beschreibt kein Milieu und keinen Einzelfall, sondern soll exemplarisch die Mechanik einer Gruppe mit ihrer oft strengen Rollenverteilung analysieren und den Prozess, in dem der Einzelne seine Verantwortung dem wohligen Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein, opfert."

Leider hat Jung, der an der Filmakademie Baden-Württemberg von 2000 bis 2007 Regie/Szenischer Film studierte, das spannende Psychogramm passagenweise mit dem Off-Kommentar eines beteiligten Jünglings unterlegt, der in vermeintlicher Coolness daher schwadroniert. Dessen Bemerkungen lenken aber eher vom Geschehen ab als dass sie es bereichern würden. Zudem lehnen sich einige szenische Elemente zu stark ans Horrorfilmgenre an, was die Ernsthaftigkeit des erzählerischen Ansatzes stellenweise zu untergraben droht. Unnötig drastisch und obszön wirkt, zumindest außerhalb der jungen Zielgruppe, die Wortwahl der Jungs, die damit eigene Unsicherheiten zu kaschieren versuchen.

Auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2008 in Saarbrücken lief "Höhere Gewalt", der in seiner Konzentration auf fast nur einen Schauplatz geradezu kammerspielartig wirkt und ohne Erwachsenenfiguren auskommt, im Wettbewerb. Alice Dwyer wurde dort für ihre Leistung zur besten Nachwuchsdarstellerin gekürt. Die Schüler-Jury ließ sich von "Höhere Gewalt" zu lebhaften Diskussionen anregen und zeichnete den Film mit ihrem Preis aus. "Es war erschreckend zu sehen, wie scheinbar harmlose Kleinigkeiten zwischen Jugendlichen eine Eigendynamik entwickeln hin zu extremen Gewaltexzessen", erklärten die jungen Juroren zur Begründung. Der Film sei zwar provokant und wirke durch Bilder und Sprache abstoßend, nach ihrer Meinung benötige ein solches Thema aber eine derartige Inszenierung.

An der Akademie in Ludwigsburg ist übrigens auch das fast zeitgleich realisierte, themenverwandte Psychodrama "Teenage Angst" von Thomas Stuber entstanden. In seinem ersten Langfilm, der 2008 in der Berlinale-Reihe "Perspektive Deutsches Kino" zu sehen war, schildert Stuber, wie drei reiche Jünglinge in einem Elite-Internat aus spielerischen Erprobungen heraus in wachsende Gewaltexzesse verfallen, die sich gegen den Schwächsten der Gruppe richten.

Trotz einiger dramaturgischer Überzeichnungen ist "Höhere Gewalt" insofern sehenswert, als der Film zeigt, wie verhängnisvoll Aktionen der Ausgrenzung sein können, die Außenseiter in eine Opferrolle drängen können, wie schnell die Spirale der Gewalt überdreht wird und wie raffiniert ein skrupelloser Anführer schwache Mitläufer zu Taten mit ungeahnten Folgen bringen kann. Und nicht erst die jüngste politische Debatte über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts verdeutlicht die Tragweite der Problematik. Insbesondere der schockierende Gewaltakt im Gefängnis von Siegburg, in dem ein junger Mann von seinen jungen Mitinsassen nach stundenlangen Quälereien zum Selbstmord gezwungen wird, zeigt, wohin eine falsche Toleranz-Einstellung führen kann, wenn man den Anfängen nicht früh genug wehrt.

Reinhard Kleber

 

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Filmtitel - "H":

 

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KJK-Ausgabe 114/2008

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