EIKON Südwest / SWR; Israel / Deutschland 2008 – Regie und Buch: Leon Geller, Marcus Vetter – Kamera: Nadav Hekselman – Schnitt: Saskia Metten – Musik: Erez Koskas – Länge: 90 Min. – FSK: ab 12 – Verleih: Arsenal (OmU) – Altersempfehlung: ab 14 J.
Seit Jahrzehnten schwelt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – scheinbar ausweglos. Gerade deswegen verdient der israelisch-deutsche Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" umso größere Beachtung. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter und sein israelischer Kollege Leon Geller schildern darin ebenso einfühlsam wie prägnant die Aufsehen erregende Versöhnungstat eines palästinensischen Vaters, dessen zwölfjähriger Sohn in den besetzten Gebieten von einem israelischen Soldaten erschossen wird.
Am 5. November 2005 spielt der zwölfjährige Ahmed Khatib mit Freunden im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland, das als Rekrutierungsstätte für Selbstmordattentäter gilt. Bei einer Razzia hält ein israelischer Soldat das Plastikgewehr, das Ahmed gerade in der Hand hat, für echt und schießt. Der Palästinenserjunge wird tödlich am Kopf getroffen. In einem Krankenhaus im israelischen Haifa können die Ärzte nur noch seinen Hirntod feststellen. Der Krankenpfleger Raymond Shehaded fragt Ahmeds Vater Ismael, ob er die Organe Kindern in Israel spenden möchte. Ismael zieht seine Frau Agla zu Rate. Nachdem auch der Imam und der Kommandeur der Al Aksa-Brigaden in Jenin zugestimmt haben, willigt Ismael in die Organspende ein.
Ein Baby stirbt kurz nach der Transplantation, fünf andere Kinder können gerettet werden. Der Fall erregt in der Region großes öffentliches Aufsehen und macht internationale Schlagzeilen. Zwei Jahre später bricht Ismael auf, um die Kinder kennen zu lernen. Während drei Familien anonym bleiben wollen, kann er drei andere Kinder besuchen. An der Grenze zu Libanon trifft er das fröhliche Drusenmädchen Sameh, das Ahmeds Herz erhalten hat. In der Wüste Negev begegnet er dem lebhaften Beduinenjungen Mohammed, der dank der neuen Niere nicht mehr täglich zur Dialyse muss, sondern begeistert mit dem Fahrrad herumkurven kann. Den schwierigsten Besuch absolviert Ismael mit Hilfe eines Verwandten mit israelischem Pass in Jerusalem: Dort lebt die zweite Nierenempfängerin Menuha Levinson, die Tochter eines ultra-orthodoxen Ehepaars. Menuhas Vater Yaakov hatte bei der Operation offen zugegeben, dass ihm ein jüdischer Spender lieber gewesen wäre. Im Film bedauert er später diese Äußerung, die Begegnung mit Ismael gestaltet sich für beide Seiten gleichwohl als sehr schwierig.
Marcus Vetter und Leon Geller begleiten Ismael auf dieser heiklen Reise durch das ’feindliche' Israel, die für den 42-jährigen Vater eine befreiende Wirkung hat: Durch die Begegnungen mit den Kindern, in denen Ahmed gleichsam fortlebt, kommt er seinem verlorenen Sohn wieder nahe. Inzwischen hat Ismael als Leiter eines Jugendzentrums in Jenin, das von der italienischen Stadt Cuneo finanziert wird, eine neue Aufgabe gefunden. Dort betreut er rund 200 Kinder und Jugendliche. Der Film ist eindeutig aus der Perspektive des Palästinensers erzählt, wodurch die israelische Sichtweise automatisch in den Hintergrund rückt. Die beiden Regisseure betten die bewegende Geschichte geschickt in das gesellschaftliche Umfeld ein, das auf beiden politischen Seiten von Misstrauen und Hass geprägt ist.
Die Kamera registriert aufmerksam, wie schwer sich die strenggläubige Familie Levinson tut, ihre tiefsitzenden Vorurteile und Ängste gegenüber den Arabern zu überwinden. Ismael wiederum musste sich anfangs in Jenin fragen lassen, warum er dem Feind helfe. Er hat ihnen erwidert: "Kinder sind nicht meine Feinde, sie tragen keine Schuld." Mehr noch: Diesen Kritikern kann er im Film in einer geschickten intellektuellen Volte den politischen Effekt seiner humanitären Geste entgegenhalten: "Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres, als einen Soldaten zu töten. Glaubst du, es hat den Israelis gefallen, was ich getan habe?"
Die Frontlinien der Realpolitik gingen auch an den beiden Filmemachern nicht spurlos vorbei. In der Zielsetzung, "Vorurteile abzubauen" und "Hoffnung zu geben", waren sie sich zwar einig. Während jedoch der jüdische Nachwuchsregisseur Geller, der mit dem Kurzfilm "Roads"" (2007), seiner Abschlussarbeit an der Filmhochschule in Tel Aviv, 14 internationale Preise und eine Oscar-Nominierung erhielt, den Schwerpunkt vor allem auf die Beziehung zwischen Ismael und Sameh legen wollte, ging es für den renommierten Dokumentaristen und dreifachen Grimme-Preis-Träger Vetter darum, "alle Stationen des Vaters bei seiner Reise zu verfolgen und auch den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis zu zeigen".
Vetter hat sich in dieser Frage offenkundig weitgehend durchgesetzt, was dem Film nicht nur eine größere analytische Tiefenschärfe und politische Relevanz ermöglicht, sondern dem Publikum auch mehr Anregungen zum Nachdenken und zur Diskussion gibt. "Das Herz von Jenin" erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Publikumspreis auf dem Filmfestival Dubai 2008, den DEFA-Förderpreis auf dem Dok-Festival 2008 in Leipzig und im Februar 2009 in Berlin den "Cinema for Peace Award" als bester Dokumentarfilm.
Reinhard Kleber
DAS HERZ VON JENIN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.
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