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Ausgabe 53-1/1993

"Honigkuckuckskinder"

Verkehrte Welt – "Die Honigkuckuckskinder" erleben eine seltsam verdrehte Rezeption

(Film in der Diskussion zum Film DIE HONIGKUCKUCKSKINDER)

Ich war ziemlich entsetzt, wie die im Film mit Ausländern umgegangen sind. Ich finde, jeder, der diesen Film sieht, fängt an nachzudenken ..." Mit dieser Meinung steht Julia, Schülerin der vierten Klasse einer Münchner Hauptschule, nicht alleine da. Wann immer "Die Honigkuckuckskinder" auf ein Publikum zwischen sechs und zwölf Jahren treffen, äußert sich dieses hinterher so oder ähnlich über den Film. Man sollte meinen, dass sich ein Filmemacher keine bessere Referenz für sein Produkt wünschen kann: Willy Brunners "Sozialmärchen mit Krimi-Flair" erreicht seine Zielgruppe und wird begeistert aufgenommen. Das wird Kevin McCallister auch. Im Fall der "Honigkuckuckskinder" sind die Reaktionen der Kinder nicht nur begeistert, sondern gleichzeitig auch nachdenklich. Sie treffen genau die Intention des Films, der anprangert, wie in diesem Land mit Fremden umgegangen wird und die Kinder zum unbefangenen Umgang mit großen und vor allem kleinen Leuten anderer Nationalitäten aufruft.

Zwar sieht man dem Film an, dass er mit geringen Mitteln produziert wurde – die Schauspieler agieren oft hölzern und holperig, die Kulissen wirken künstlich, vieles erscheint improvisiert, und zwei Straßensänger müssen kommentierend wechselweise wettmachen, was die filmische Dramaturgie nicht schafft oder eigentlich starke Szenen noch einmal unterstreichen. Dennoch wurde der Film auch von der Filmkritik wohlwollend aufgenommen als wichtiger – und einziger aktueller – Beitrag zu einem Thema, das aus keinem Kinder– oder Klassenzimmer mehr ausgeschlossen werden dürfte.

Doch obwohl der Film beim Publikum ankommt und auch die Hüter der cineastischen Tugenden ihn bei allen Mängeln und aller Plakativität für pädagogisch wertvoll erachten, macht er nur äußerst mühselig Karriere. Er hatte seine Premiere beim Kinderfilmfest/Filmfest München im Juni 1992, wird immer wieder erfolgreich vor Schulklassen aufgeführt, lief im November bei der Internationalen Filmwoche Mannheim und beim Kinofest im westfälischen Lünen. Auf den Spielplänen der wichtigen Kinderfilmfestivals in Essen oder Frankfurt suchte man ihn dagegen vergeblich. Denn die Pädagogen und Funktionäre in den Auswahlgremien der Festivals führen – wenn überhaupt – ausgerechnet cineastische Argumente für ihre Ablehnung an. Die eigentlichen Gründe dürften anderswo zu suchen sein. "Die Honigkuckuckskinder" schaffen bei den Kindern, die den Film sehen, eine hervorragende Basis, um das Thema Fremdenhass weiter zu behandeln. Dies steht aber offensichtlich nicht im Lehrplan. Sei es, dass unsere gestandenen Vergangenheitsexperten damit überfordert sind, wenn sie plötzlich von der Gegenwart der Geschichte, Politik und Sozialkunde eingeholt werden. Oder, wahrscheinlicher noch, dass die Pädagogen von 1993 der blauäugigen Überzeugung sind, Fremdenhass, Pogrome, gar organisierter Rechtsextremismus seien in Deutschland kein Thema mehr oder höchstens eins, das von den Medien hemmungslos hochgespielt wird.

Inzwischen hat Globus "Die Honigkuckuckskinder" in sein Verleihprogramm aufgenommen und wird den Film ab Januar 1993 mit zwanzig Kopien vertreiben. Auf dem Saarbrücker Max-Ophüls-Festival wird er im Rahmen einer Sonderreihe zu sehen sein. Und die Filmbewertungsstelle hat ihm das Prädikat "wertvoll" verliehen. Die Stimmung angesichts dieser Fortschritte wird allerdings nachhaltig durch die Tatsache getrübt, dass auf dem Weg dahin erst Rostock und Mölln zu Synonymen für die neue deutsche Mordlust werden mussten.

Bärbel Schnell

 

Kinderstimmen zu Willy Brunners "Honigkuckuckskindern"

Ihr Film hat sehr deutlich die Freundschaft zwischen schwarz und weiß, aber auch Feindschaft, Hass und Unterdrückung gezeigt. Er hat mir auch in der Hinsicht gut gefallen, dass sich drei verschiedene Kinder gegen ihre und der anderen Fesseln aufbäumten und es schließlich schafften, sie zu zersprengen. (Mika Saller, Klasse 4 a)

Man sah auch bei diesem Film, wie sich Ausländer fühlen. Ich fand auch gut, dass man sieht, wie die Ausländer behandelt wurden: ausgetrickst, verspottet, geschlagen, geärgert. (Manfred Wroblewski)

Ich fand an dem Film gut, dass er anregte, Ausländer zu verstehen, zu schätzen und den Hass zu ihnen zu zerstören. (Sebastian Brand)

Ich fand an dem Film gut, dass es die Zuschauer erschüttert, wie es den Ausländern und Armen überhaupt geht. Dass man sich darüber Gedanken macht. (Julia Vordermaier)

Das Ende des Films hat mich ziemlich verwundert. Denn in allen anderen Filmen werden Gauner eingesperrt. Doch in diesem Film wurden sie verjagt. (Stefan Schipp)

Ich fand an dem Film gut, dass man zeigt, wie arm Ausländer sind. Und ich fand gut, dass dieser Chef bestraft wurde. Ich fand aber gemein, wie die Ausländer benutzt wurden. (Mario Hartmann)

Am besten fand ich die Freundschaft zwischen der Weißen und der Schwarzen. (Sebastian Krämer)

Man sieht, wie sich Ausländer fühlen. (Marion Hofmann)

Ich fand, wie ich im Kino saß, dass die Leute – z. B. Afrikaner, Türken und so – arm dran sind. Ich habe mich wie einer gefühlt und finde, man soll ihnen helfen. (Florian Zrenner)

Der Film hat mir gefallen: Am Ende ist er nicht mit Polizei ausgegangen, sondern sie haben sich selber befreit. (Daniela Muth, Klasse 4 a)

Zusammenstellung: Lutz Gräfe

 

Die Schwierigkeiten von pädagogischen Institutionen mit der Beurteilung des Films "Die Honigkuckuckskinder" werden auch in der Begründung für den ablehnenden Bescheid der Obersten Jugendbehörden (AGOL) ersichtlich (Sitzung vom 23. bis 26.11.92). Zitat aus dem Brief an den Produzenten und Regisseur Willy Brunner:

"Mit Ihrem Film setzte sich die Auswahlkommission sehr ausführlich auseinander. Sie honorierte Ihr Engagement und das hohe ethische Anliegen des Vorurteilsabbaus und der Völkerverständigung. Honoriert wurde auch das deutlich erkennbare Bemühen, die kindlichen Identifikationsfiguren zu Hoffnungsträgern für eine gerechtere Zukunft zu machen. Den Ausschlag für die Nicht-Empfehlung gab der übereinstimmende Eindruck, dass die Erzählstruktur, die dramaturgische Konzeption und die darstellerische Umsetzung diesem hohen moralischen Anspruch leider nicht gerecht werden. Neben filmästhetischen Aspekten geht es dabei auch um die Frage, inwieweit es angesichts der heutigen innenpolitischen Lage vertretbar ist, in wohlmeinender Absicht neue Schwarz-Weiß-Klischees anzubieten, indem die Deutschen von wenigen Ausnahmen abgesehen vom Drehbuch her in die Schurken- oder Neurotikerrolle gedrängt, die Ausländer hingegen als makellos und gutherzig gezeichnet werden. Wir bedauerten das Auseinanderklaffen von guter Absicht und eher problematischer Umsetzung."

 

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