Zum Inhalt springen

Ausgabe 79-3/1999

HÄNSEL UND GRETEL IM ZAUBERWALD

Produktion: Atlas Saskia Filmproduktion / Cinevox / Iris Filmproduktion / Fama AG; Deutschland / Luxemburg / Schweiz 1998 – Regie und Design: Volker Collmann – Buch: Rolf Giesen, Michaela Rothmund, Per Lygum, Volker Collmann – Schnitt: Dorothea Brühl – Musik: Jens Beese, Volker Collmann – Länge: ca. 60 Min. – Farbe – Verleih: AFM (35mm) – Alterseignung: ab 8 J.

Hänsel und Gretel wohnen mit ihren armen Eltern in einer schäbigen Hütte mitten im Wald. Obwohl der Vater, ein Holzfäller, hart arbeitet, reicht sein Verdienst längst nicht an allen Tagen, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Im gleichen Wald haust die hässliche Hexe Griselda, die sich nach Lust und Laune verwandeln kann, zum Beispiel in einen Raben. Mit List und Tücke gelingt es ihr, die beiden aufgeweckten Kinder in ihr Haus zu locken, das sie vorher in ein verführerisches Lebkuchenhaus verwandelt hat. Einmal in die Falle geraten, wird Hänsel in einen Käfig gesperrt, während Gretel der Hexe im Haus zunächst einmal Gesellschaft leisten muss. Nach aufregenden Abenteuern, in denen ein launischer Hahn, verwandelte Reiher und etliche andere Tiere des Zauberwaldes auftreten, schaffen es die Geschwister am Ende, die Hexe zu besiegen und den Zauber zu brechen.

Ähnlich den "Bremer Stadtmusikanten", die der Münchner Produzent Eberhard Junkersdorf für den Kinoweltmarkt in "Die furchtlosen Vier" transformierte, wurde auch das berühmte Grimm-Märchen "Hänsel und Gretel" in der vorliegenden Zeichentrickversion erheblich bearbeitet und – etwa durch ein Grammophon – modernisiert. Da der überlieferte Märchenstoff für einen abendfüllenden Kinofilm offenbar nicht ausreichte, für die öffentliche Filmförderung aber eine Mindestlänge von 60 Minuten erforderlich war, pappten die Autoren an den Story-Kern eine willkürlich wirkende Rahmengeschichte um drei singende Vögel, die in keinem inneren Zusammenhang mit den Titelfiguren steht.

Die deutsch-luxemburgisch-schweizerische Co-Produktion, deren Realisierung sich über zehn Jahre hingezogen hat, erreicht in keiner Hinsicht auch nur den Qualitätsdurchschnitt der neueren deutschen Animationsfilme, vom US-Industriestandard ganz zu schweigen. Dies überrascht umso mehr, als der Regiedebütant Volker Collmann ja an handwerklich durchaus respektablen Zeichentrickfilmen beteiligt war: Beim "Kleinen Punker" (1991) etwa war er als Background Artist tätig, beim Katzenkrimi "Felidae" (1993/94) wirkte er bei Layout, Design und Animation mit und beim "Kleinen Arschloch" (1995/96) zeichnete er für Art Direction, Design und Layout verantwortlich. Das zeichnerische Niveau von "Hänsel und Gretel" dagegen bleibt – unter anderem wohl wegen enger Budgets – dürftig und zudem oft disparat: Ohne ersichtlichen Grund werfen Figuren manchmal Schatten, manchmal aber auch nicht. Ein gravierender Fehler ist den Zeichnern zudem bei Hänsels Käfig unterlaufen: Die Gitterstäbe sind so weit voneinander entfernt, dass der schlanke Junge, dem die Filmemacher eine anachronistische Popper-Frisur verpasst haben, problemlos zwischen ihnen hindurchschlüpfen und entkommen könnte.

Vollends misslungen ist der Soundtrack. Vor allem die monotone und zudem dumpf klingende Disco-Musik wirkt wie ein Fremdkörper in dem Grimm-Märchen. Mögen dagegen etwa die dissonanten Töne zu den Zauberkunststückchen der Hexe am Kamin noch passen, so kommen auch sie nicht über simple Verdoppelungseffekte der Bildebene hinaus. Mangelndes Gefühl für Timing offenbart überdies die Sequenz mit der gefangenen Gretel im Mittelteil, die viel zu lang geraten ist. Von der geheimnisvollen Magie der Märchenvorlage ist in dieser lärmigen Verfilmung fast nichts mehr übrig geblieben, und die gruselige Schauerwirkung, die von der Menschen fressenden Hexe im Original ausgeht, wurde zu einer Aneinanderreihung oberflächlicher Horror- und Verwandlungseffekte verflacht, die sich am Schluss – wie in einem realen Action-Film aus Hollywood – zu einer Feuerball-Explosion steigern, in der die Hexe verglüht. Fazit: Ein Glück, dass die Brüder Grimm dieses Opus nicht mehr sehen können.

Reinhard Kleber

 

Permalink für Verlinkungen zu dieser Seite Dauerhafter, direkter Link zu diesem Beitrag


Filmtitel - "H":

 

HACHIKO – EINE WUNDERBARE FREUNDSCHAFT| HÄNDE WEG VON MISSISSIPPI| HÄNSEL UND GRETEL – 1954| HÄNSEL UND GRETEL – 2006| HÄNSEL UND GRETEL IM ZAUBERWALD| HÄRTETEST| DAS HÄSSLICHE ENTLEIN & ICH| HALBE PORTIONEN| DER HALS DER GIRAFFE| HALS ÜBER KOPF| HALTE STILL, STIRB, ERWACHE| EINE HAND VOLL GRAS| DAS HANDBUCH DES JUNGEN GIFTMISCHERS| EINE HANDVOLL PARADIES| HANNAH MONTANA – DER FILM| HANNI & NANNI 2| HANNI & NANNI 3| HANNI UND NANNI| HANS IM GLÜCK| HAPPY FEET| HAPPY TIMES| HARD ROAD| HARRIET, DIE KLEINE DETEKTIVIN| HARRY POTTER UND DER FEUERKELCH| HARRY POTTER UND DER HALBBLUTPRINZ| HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHOENIX| HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN| HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES – TEIL 1| HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES – TEIL 2| HARRY POTTER UND DIE KAMMER DES SCHRECKENS| HARUN – ARUN| HASENHERZ| HASS| HASS IM KOPF| DAS HAUS DER KROKODILE| DIE HAUSSCHLÜSSEL| HAVANNA STATION| HEARTS IN ATLANTIS| HEAVENLY CREATURES| HEFFALUMP – EIN NEUER FREUND FÜR WINNIE PUUH| HEIDI – 2001| DER HEIMKEHRER| HEJAR – GROSSER MANN, KLEINE LIEBE| HELDEN WIE WIR| HENRI| HENRY UND VERLIN| HERCULES| HERKULES UND DIE SANDLOT-KIDS| HERR BELLO| HERR DER DIEBE| DER HERR DER RINGE – DIE GEFÄHRTEN| DER HERR DER RINGE – DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS| DER HERR DER RINGE – DIE ZWEI TÜRME| HERR FIGO UND DAS GEHEIMNIS DER PERLENFABRIK| DAS HERZ DES PIRATEN| DAS HERZ VON JENIN| HERZLICH WILLKOMMEN ODER UNBEFUGTEN EINTRITT VERBOTEN| HERZLICH WILLKOMMEN ODER UNBEFUGTEN ZUTRITT VERBOTEN| DER HERZOG| HERZOG ERNST| HERZSPRUNG| DER HEUSCHRECK UND DIE AMEISE| EINE HEXE IN UNSERER FAMILIE / EINE HEXE IN DER FAMILIE| HEXE LILLI – DER DRACHE UND DAS MAGISCHE BUCH| HEXE LILLI – DIE REISE NACH MANDOLAN| HEXEN AUS DER VORSTADT| HEXEN HEXEN| HI, TERESKA| HIER IST ESTHER BLUEBURGER| HIER KOMMT LOLA!| HILFE! ICH BIN EIN FISCH| HILFE, ICH BIN EIN JUNGE!| DER HIMMEL FÄLLT| DER HIMMEL HAT VIER ECKEN| DER HIMMEL IST MEIN HAUS| DER HIMMEL IST MEIN HAUS| HIMMEL UND HÖLLE – 1990| HIMMEL UND HÖLLE – 1994| HIMMEL UND HUHN| HIMMELSKINDER| HIN UND HER| HINTER DEN WOLKEN| HIRTENREISE INS DRITTE JAHRTAUSEND| DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE| DER HOBBIT – SMAUGS EINÖDE| HODDER RETTET DIE WELT / HODDER DER NACHTSCHWÄRMER| HODJA AUS PJORT| HÖHER ALS DER HIMMEL| HÖHERE GEWALT| DIE HÖLZERNE KAMERA| HOFFNUNG UND RUHM| HOLUNDERBLÜTE| HOMMAGE AU CINÉMA| DIE HONIGKUCKUCKSKINDER| HOOK| HOP| HOPPET| HORIZON BEAUTIFUL| HOT DOGS – WAU, WIR SIND REICH| HOW ARE THE KIDS? | HOWARDS HANDEL| DIE HÜTER DES LICHTS| HUGO CABRET| HUGO, DAS DSCHUNGELTIER| HUI BUH — DAS SCHLOSSGESPENST| HULK| DIE HUMMEL UND DER FROSCH| DER HUND AUS DER ELBE| HUNGER – SEHNSUCHT NACH LIEBE| HUSTY|


KJK-Ausgabe 79/1999

 

Anzeigen:

Einzelne Ausgaben:

Filmtitel nach Alphabet:

Zusatzmaterialien:

Volltext-Suche:

 

 


Sonderausgaben bestellen!