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Ausgabe 33-1/1988

HOFFNUNG UND RUHM

HOPE AND GLORY

Produktion, Drehbuch und Regie: John Boorman, Großbritannien 1987 – Kamera: Philippe Rousselot – Schnitt: Ian Crafford – Ton: Ron Davis – Musik: Peter Martin – Darsteller: Sebastian Rice-Edwards (Bill Rohan), Sarah Miles (Grace Rohan), David Hayman (Clive Rohan), Ian Bannen (Großvater) u. a. – Laufzeit: 112 Min. – Farbe – FSK: ab 12, ffr. – FBW: wertvoll – Verleih: Neue Constantin Film (35mm)

Der Film beginnt im September 1939 mit Chamberlains Kriegserklärung im Radio, die mitten in die kleinbürgerliche Beschaulichkeit der Familie Rohan platzt. Diese wohnt in der Rosehill Avenue in einer typischen Londoner Vorstadt mit Doppelhausreihen. Der neunjährige Bill, der Protagonist des Films, und seine beiden Schwestern Dawn und Sue erleben hier die ersten deutschen Fliegerangriffe – als Abenteuer: Wie die anderen Kinder sucht Bill die Straßen und Ruinen nach Bombensplittern ab. Derweil meldet sich sein vom Alltagstrott gelangweilter Vater Clive freiwillig zur Armee, wo er ausgerechnet in einer Schreibstube landet, um für England zu tippen. Bills 15-jährige Schwester Dawn verliebt sich in einen kanadischen Soldaten und wird bald schwanger. Die Mutter Grace arbeitet in der Fabrik von Mac, dem besten Freund ihres Mannes und ihrer alten Jugendliebe, den sie eigentlich lieber geheiratet hätte und zu dem sie sich immer noch hingezogen fühlt. Nach einem Bombenvolltreffer müssen die Rohans in den Bungalow ihrer Eltern ans Themseufer umziehen – ein abrupter Wechsel von tristem Grau in sattes Grün. In dieser Naturidylle blüht Bill so richtig auf – vor allem zusammen mit seinem tyrannischen Großvater, den alle im Frauenhaushalt außer ihm unausstehlich finden. Dawns Hochzeit, für die ihr Bräutigam erst noch von den Fahnen flüchten muss, versammelt die Familie zu einem rauschenden Fest. Bill wird Onkel.

John Boormans Film, den er selber schrieb und produzierte, beruht auf eigenen Kindheitserlebnissen. Dazu meint er: "Dies ist die Geschichte einer Familie, die aber auch von Klassenstruktur handelt, von der neuen Mittelklasse, die sich während der 30er-Jahre entwickelt hatte. Und die des Krieges, wie ich ihn als Kind erlebt habe – einer Zeit zwischen Aufregung und Vergnügen.

Ähnlich wie in Edgar-Reitz' "Heimat"-Film wird hier die Authentizität des Erlebten spürbar. Die Personen des Films wirken wie wirkliche Menschen, allen voran der aus "Ghandi" bekannte Ian Bannen als knorriges Sippenoberhaupt, der skurril und absurd zugleich auf "Volt, Ampere und Watt" zu fluchen versteht.

Mit diesem autobiografischen Stoff, den Boorman schon seit fünfzehn Jahren realisieren wollte, wendet er sich erstmals dem Kinderfilmgenre zu. Nach so unterschiedlichen Genrefilmen wie dem Kultkrimi "Point Blank" und der Science-Fiction-Story "Zardoz" hat er unter anderem abenteuerliche Fantasy-Filme wie "Excalibur" oder "Der Smaragdwald" gedreht. Boorman erzählt nun weitgehend aus der Perspektive eines Kindes, die, wie er sagt, neben dem Gedächtnis als doppelter Filter gewirkt habe: Es gehe ihm nicht um sozialen Realismus, sondern um Träume, Phantasien und Erinnerungen eines Kindes. Dieses Ziel hat er mit "Hope and Glory" erreicht.

Dennoch bleiben Vorbehalte. Denn Boorman gerät durch diese konsequente kindliche Sichtweise in die Gefahr, die Schrecken des Krieges zu verharmlosen. Er erinnert sich: "Wie wunderbar war der Krieg. Es ging um eine gemeinsame Sache, es gab gleiche Rationen, die ganze Gemeinschaft half mit, aber am herrlichsten war eine Form von Mythos, verbreitet von Radio, Zeitungen und Kino, die es den Leuten aus den Doppelhäusern ermöglichte, über ihre Gartentore zu springen, die Schwierigkeiten über Bord und sich selbst in die Arme des Patriotismus zu werfen." Zwar hat der Junge im Film manchmal Albträume – doch letztlich überwiegt die Tendenz, Krieg als bloßes Abenteuer zu sehen.

Dazu trägt auch die enge Verschränkung von Komik und Terror in der zuweilen etwas glatten Episodenkette bei. Die manchmal überstrapazierte Verwendung von Stereotypen (der gestrenge Schultyrann, die altjüngferlichen Tanten) und das gefühlige Schwelgen in der nostalgischen Fluss-Idylle macht dagegen der ansonsten vorherrschende, typische britische Humor wett.

Trotz dieser Schwächen schwingt sich der Film immer wieder zu wundervollen Szenen auf, etwa am Schluss, als Bills Schule bei einem Luftangriff vor Beginn des Unterrichts zerstört worden ist, alle Kinder aus ganzem Herzen jubeln und ein erleichtertes "Danke schön, Adolf!" zu den Bombern geschickt wird.

Reinhard Kleber

 

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KJK-Ausgabe 33/1988

 

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