Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe 'Johannisthal', DDR 1988 – Regie: Jürgen Brauer – Szenarium: Gabriele Herzog, nach dem Buch von Benno Pludra – Kamera: Jürgen Brauer, Dieter Chill – Schnitt: Evelyn Carow – Musik: Ralf Hoyer – Ton: Peter Foerster, Christian Müller – Darsteller: Franziska Alberg (Jessica) Johanna Schall (Jessicas Mutter), Gojko Mitic (Vater Jakko), Hermann Beyer (Albert Wagenführ), Wenke Kleine-Benne (Tine), Karsten Janson (Hannes) u. a. -Laufzeit: 86 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: Unidoc (35mm)
Die ersten Bilder dieses neuen DEFA-Films verheißen eine klassische Piratengeschichte aus längst vergangenen Tagen, doch schon bald wird die Aufmerksamkeit auf ein Mädchen unserer Zeit gelenkt, das übermütig am Strand entlang läuft und im Sand einen merkwürdigen Fund macht. Mit einem Stein, der in ihrer Hand zu leuchten und zu sprechen beginnt und sich als das Herz von William Red, Sohn des legendären Schmugglers Clifford Red, vorstellt, kehrt Jessica ins Dorf zurück. Da der Findling für die anderen nichts weiter ist als ein ganz gewöhnlicher Stein, bekommt die Zehnjährige bald noch mehr Probleme, als sie ohnehin schon hat. Seit sich für ihre Mutter, mit der sie bisher ganz gut allein gelebt hat, ein Mann aus der Stadt interessiert und öfter zu Besuch kommt, reagiert Jessica abweisend, ist trotzig und traurig, will, dass ihr richtiger Vater kommt.
Jetzt beweist der Stein seine wahre Kraft und die Geschichten, die er aus seinem Vorleben erzählt, beflügeln Jessicas Phantasie. Vor ihren Augen spielt sich dieses durchaus widersprüchliche Leben des Piraten William ab und Jessica fühlt sich ihm, der ebenfalls vaterlos aufwuchs, verbunden. Als sie eines Tages ihren wirklichen Vater kennen lernt, einen Zirkusreiter auf Tournee, wundert sie sich eigentlich nicht, dass dieser genauso aussieht wie William Red. Nun kann sie ihren abtrünnigen Freunden zeigen, dass sie auch einen Vater hat. Aber das Glück währt nur einen kurzen Moment. So sehnlich sie wünscht, dass sie wieder eine richtige Familie werden, so sehr kränkt es sie, dass auf ihren Vater kein Verlass ist und dass er sich auch jetzt nicht um sie kümmert. Eine Erkenntnis, die Jessica hilft, mit ihrer Situation zurechtzukommen. Damit wird auch ihr besonderer Begleiter, "das Herz des Piraten", dem sie ihre Wünsche, Hoffnungen, Zweifel und ihren Ärger anvertraut hatte, überflüssig. Jessica könnte sich ein Leben in der Stadt mit ihrer Mutter und deren neuen Mann vorstellen.
Immer wieder sind Kinderbücher von Benno Pludra in der DDR verfilmt worden. Der erste Film nach einer Vorlage dieses auch bei uns bekannten Schriftstellers, "Die Reise nach Sundevit", entstand 1966 unter der Regie von Heiner Carow, wobei schon damals – in Schwarzweiß – die reizvolle Ostseelandschaft eine wesentliche Rolle spielte. Jürgen Brauer stand damals an der Kamera; der"Reise nach Sundevit" folgte die Kameraarbeit für zahlreiche Filme. "Das Herz des Piraten" ist – nach "Pugowitza", "Gritta vom Rattenschloss" und "Hilde, das Dienstmädchen" (Co-Regie mit Günter Rücker) – sein vierter Film als Regisseur und Kameramann.
Die Geschichte von Jessica, die zwischen eigenen Glücksvorstellungen, den Lebensansprüchen ihrer Mutter und den nicht einfachen Beziehungen zu Gleichaltrigen einen Weg für sich sucht, wird in ausdrucksstarken Bildern vor dem Hintergrund einer sommerlichen Küstenlandschaft erzählt. Bemerkenswert ist auch die sparsam eingesetzte Musik, durch die eine geheimnisvolle Stimmung in den Piratenszenen erzeugt wird. Obwohl der Film ein ernstes Thema behandelt, schwingt oft eine Heiterkeit mit; allerdings weniger durch die etwas platten Einsichten ins Touristenleben an der See, als durch den norddeutschen Sprachduktus, den die Kinder im Film ganz natürlich und unbefangen verwenden.
Es ist ein Film, der sich Zeit lässt, um die Gefühle und Entwicklungen des Mädchens (sensibel gespielt von Franziska Alberg) nachvollziehbar zu machen, und der eine schöne, weil wohltuend unprätentiöse Mutter-Tochter-Beziehung vorstellt. Johanna Schall verkörpert eine nachdenkliche Mutter, die nicht gleich für alles Patentrezepte hat, die aber versucht, ihre Vorstellungen der Tochter zu vermitteln. So bietet "Das Herz des Piraten" eine Reihe von Identifikationsmöglichkeiten und Denkanstößen, insbesondere für Kinder, die solche Situationen aus eigener Erfahrung kennen und sich im Beziehungsgeflecht der Eltern behaupten müssen.
Christel Strobel
Zu diesem Film siehe auch:
KJK 39-3/1989 - Kinder-Film-Kritik - Das Herz des Piraten
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