(Interview zum Film DER HIMMEL IST MEIN HAUS)
Der indonesische Regisseur Slamet Rahardjo Djarot war zum 14. KinderFilmFest nach Berlin gekommen, wo sein Film "Der Himmel ist mein Haus" unter großer Publikumsanteilnahme im Wettbewerb lief und den Preis der UNICEF-Jury erhielt. Das folgende Gespräch führte die KJK-Redaktion (Hans und Christel Strobel).
KJK: Wie wurde Ihr Film "Der Himmel ist mein Haus" in Ihrem Land, in Indonesien, aufgenommen?
Slamet Rahardjo Djarot: "Zehn Tage, bevor der Film offiziell in den Vertrieb kam, zeigte ich diesen Film in Jakarta in einem großen Kino und lud zu dieser Vorstellung auch die 'verrückten' Unternehmer ein, die diesen Film mitfinanziert hatten. Im Kinosaal waren sowohl arme als auch reiche Leute, und sie haben sich gegenseitig angestarrt. Aber nachher, während des Films, haben sie gemeinsam gelacht, da spielten die sozialen Unterschiede keine Rolle mehr. Nach dem Film kamen auch die armen Kinder mit ihren Fragen, denn sie sahen, die Reichen haben ja auch ihre Probleme. Und die Reichen haben in diesem Film gesehen, dass letztlich jeder seinen Stolz, seine Würde hat. Ich folgere daraus: Der Grund für das Nichtverstehen der beiden Gruppen liegt im Mangel an Information. Ich will mit meinem Film zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Aber der Verleih hat den Film in Jakarta nur einen Tag ins Kino gegeben! Das ist die Überheblichkeit der Verleiher, der wirtschaftlich starken Gruppe, diese Leute haben ihre eigenen Wurzeln gekappt."
Unter welchen finanziellen Bedingungen ist der Film entstanden und welche Möglichkeiten der Auswertung gibt es?
"Der Film ist nur von privaten Geldern, Sponsoren, finanziert worden. Insgesamt betrugen die Kosten 400 Mill. Rupien (ca. 400.000 DM). Zwei Jahre dauerte die Arbeit am Drehbuch. Für die Dreharbeiten brauchten wir vier Monate, und weitere sechs Monate benötigten wir, um den Film fertig zu stellen. Es gibt in Indonesien eine Bestimmung, dass inländische Filme mindestens zwei Tage (!) im Kino laufen müssen. Für die Filmproduktion gibt es auch eine staatliche Unterstützung. Ich hatte keine Schwierigkeiten, den Film ins Kino zu bringen – mit Ausnahme von Jakarta, wo es eine sehr starke wirtschaftliche Gruppe gibt, die den Filmmarkt beherrscht, eine Art Monopol. Es gibt auch ein 'Staatliches Unternehmen für die Vermarktung der nationalen Filmindustrie', aber sie haben nicht einmal ein eigenes Kino. Es ist interessant, obwohl diese Institution existiert, verfügt sie über sehr wenig Mittel. Die privaten Filmmogule haben mehr zu sagen als dieses staatliche Unternehmen."
Hat Ihr Film Aussichten, im indonesischen Fernsehen gezeigt zu werden?
"Die Möglichkeiten bestehen immer, aber das Problem liegt darin, dass das Fernsehen staatlich geregelt ist. So ist die Möglichkeit, angenommen zu werden, nicht so groß. Ich habe kein Interesse, Profit zu machen, aber auch Idealismus braucht eine finanzielle Basis. Ich hoffe, dass der Erziehungsminister meinen Film kauft. Es ist bisher nicht möglich gewesen, den Film an das Fernsehen zu verkaufen. Wir Indonesier haben unseren Geschmack schon verändert aufgrund der amerikanischen und europäischen Einflüsse."
Welche Rolle spielen Kinderfilme in der indonesischen Filmproduktion?
"Ich bin der Meinung, dass wir unbedingt Kinderfilme machen müssen, denn damit sprechen wir von der Zukunft. In den letzten fünf Jahren sind in Indonesien allerdings nur zwei Filme für Kinder entstanden. Leider werden die Kinderfilme stiefmütterlich behandelt. Unsere Filmproduktion wird durch den Filmimport beeinflusst, die ausländischen Filme sind aber leider zum größten Teil qualitativ schlecht. Das Bild der Amerikaner und Europäer in diesen Filmen ist geprägt durch Gewalt und Sex, so dass Indonesier denken müssen, Angehörige dieser Völker seien nur gewalttätig, ausschweifend und kulturlos. Das hängt von den Filmen ab, die aus diesen Ländern importiert und gezeigt werden. Unsere Aufgabe ist es, Filme zu drehen, um damit unsere eigene Identität zurück zu gewinnen. 350 Jahre holländische Kolonialisierung hat zweierlei bewirkt: Einerseits die Vorstellung, dass in Europa alles besser ist, andererseits müssen wir unsere Identität, die dadurch zerstört wurde, wiedergewinnen."
Was war der Ausgangspunkt für Ihren Film?
"Meine sechsjährige Tochter sah viele amerikanische, europäische und japanische Filme im Fernsehen, sie bekam die Mentalität von Europäern, Amerikanern, Japanern mit, aber keine indonesische Identität. Ich habe den Film 'Der Himmel ist mein Haus' gemacht, um die Kinder wieder zu ihren eigenen Wurzeln zu führen, an diese zu erinnern. Ich selbst hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die von Tradition und Religion geprägt ist. Aufgrund der Eindrücke in meiner Kindheit entstand der Wunsch, mein Wissen weiterzuvermitteln. Ich habe diesen Film für Kinder gemacht, aber ich will damit auch die Erwachsenen erreichen. Es wird gesagt, dass keine Kritik in Indonesien möglich sei, das stimmt so pauschal nicht. Sie ist schon möglich, aber aus der eigenen Kultur, der eigenen Identität, durch die Figuren und die Kinderdarsteller. Ich bemühe mich, der Armut mit Phantasie zu begegnen und sie auf diese Weise zu bekämpfen."
"Der Himmel ist mein Haus" gibt auch einen realistischen Einblick in das Leben am Rande der Hauptstadt.
"Wir haben ein Problem: Jakarta ist die Hauptstadt – und diese Stadt ist wie ein großer Traum. Jeder versucht, nach Jakarta zu kommen. Aus diesem Grund hat die Regierung das Ziel, die Leute in andere Regionen umzusiedeln. Bevor die Familien aus ihrem Dorf nach Jakarta ziehen, besprechen sie, wie jeder selbstständig seinen Weg gehen wird und – wenn etwas passiert – ob die Kinder mit den Eltern gehen oder diese selbst ihr Glück versuchen. So ist die Szene im Film zu verstehen: Als Gempols Familie von der Polizei an einen anderen Ort gebracht worden ist, geht Gempol nicht zu seinen Eltern, sondern bleibt allein in der Hauptstadt und macht sich dann auf den Weg zu seiner Großmutter."
Wo haben Sie den Darsteller des Gempol gefunden?
"Als ich die Darsteller für meinen Film suchte, entdeckte ich den Jungen in einem Hotel in Ostjava. Er hat dort im Restaurant als Kellner gearbeitet. Ich war fasziniert von seinen Augen und von seiner Natürlichkeit. Jetzt lebt er in meiner Familie, ich habe ihn adoptiert."
Sind Sie überrascht von den Reaktionen auf Ihren Film hier beim Kinderfilmtest Berlin?
"Ich bin dankbar für den Geist der Freundschaft, der meinem Film hier entgegen gebracht wird, und ich bin direkt etwas eifersüchtig, dass solche Reaktionen im Ausland, aber nicht in meiner Heimat möglich sind."
Das Gespräch führten Christel und Hans Strobel
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