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Ausgabe 83-3/2000

"Für mich haben Bilder eine größere Magie als Worte"

Gespräch mit Majid Majidi

(Interview zum Film DIE FARBE DES PARADIESES, zum Film HIMMELSKINDER und zum Film DER VATER)

Das 18. Kinderfilmfest im Rahmen des Filmfest München widmete dem iranischen Filmemacher Majid Majidi (41) ein Regie-Porträt. KJK-Mitarbeiterin Frauke Hanck traf Majid Majidi beim Filmfest München, wo er seine Filme persönlich vorstellte.

KJK: Wie einst im Sozialismus Osteuropas die Filmemacher erzählerische Umwege virtuos zu gehen verstanden, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen, kann man im Iran im Kinderfilm oft realistischer sein als in den anderen Genres. Denn der kindliche Blick aufs Leben ist unverdorben. Ist das vielleicht auch für Sie eine Motivation, Filme mit Kindern zu drehen?
Majid Majidi: "Alle westlichen Journalisten stellen diese Klischeefrage, weil die iranische Kinoproduktion außerhalb des Landes zu wenig bekannt ist. Von 60 bis 70 Filmen pro Jahr produzieren wir etwa 7 bis 8 Kinderfilme. Glücklicherweise haben die einen Weg in die internationale Welt gefunden. Ich bin nicht durch Zensur-Probleme motiviert in meiner Arbeit. Vielmehr interessiert mich die Welt der Kinder, weil aus ihr sehr viel Schönes und Weises kommt, aus dem die Erwachsenen lernen können. Ehrlich gesagt, ich glaube gar nicht, dass ich im landläufigen Sinne Kinderfilme mache."

Warum haben Sie sich fürs Filmemachen entschieden? Sie könnten Ihre Geschichten ja auch in Buchform erzählen.
"Die Sprache des Films ist sehr viel ausdrucksstärker als das geschriebene Wort. Und mit dem Film lässt sich breiter weltweit kommunizieren als mit Literatur. Für mich haben Bilder letztendlich doch eine größere Magie als Worte. – Glauben Sie, dass es gut ist, dass ich Filmemacher geworden bin?"

Ja! Es ist wunderbar. Denn in Ihre Filme kann man eintauchen, in ihnen versinken wie in einem großen Roman. Doch durch das Geschehen auf der Leinwand verliert man nie den Kontakt zur Realität.
"Ich denke, Filme haben eine Kraft der Wirklichkeit, wie sie das direkte Erzählen hat. Ich erinnere mich an meine Großmutter, die uns Kindern vor dem Einschlafen Geschichten erzählte. Ich wollte immer unbedingt wach bleiben, um sie zu Ende zu hören, um ja nichts zu verpassen. Die Handlung, der Inhalt haben mich sehr berührt und gleichzeitig hatten all diese Geschichten eine große Weisheit und Moral."

Das rasante Video-Clip-Tempo und die digitalen visuellen Möglichkeiten haben sicher auch vor dem Iran nicht Halt gemacht. Hat es da der ruhige, intensive Erzählrhythmus Ihrer Filme nicht schwer?
"Nein. Wir haben auch immer wieder Test-Vorführungen gemacht, nicht nur im Iran, auch im Ausland. Überall sind diese Filme sehr gut angekommen. 'Die Kinder des Himmels' und 'Die Farbe des Paradieses' sind in mehreren Ländern gezeigt worden und laufen in den USA und in Japan jetzt schon drei Monate. Ich war selbst bei Vorführungen dabei und konnte mich von der absolut positiven Reaktion der Kinder überzeugen. Natürlich gibt es auch bei uns im Iran Computer und Computerspiele, vielleicht nicht in dem Maße wie im Westen. Aber wir sollten darüber nicht die Seele des Menschen vergessen, sie nicht vernachlässigen, denn sie ist etwas sehr Sensibles."

Wie finden Sie Ihre Geschichten?
"Aus den Menschen heraus, aus Situationen, Beobachtungen, Erfahrungen. Es kann sein, dass Monate vergehen, in denen das Thema sozusagen heranreift. Und wenn es dann wirklich sitzt, dann muss ich einsteigen. Dann ist die Zeit für mich gekommen. So ist es mir auch wieder mit meinem allerneuesten Film ergangen, den ich gerade schneide. Das ist eine Geschichte, in der ein Afghane im Mittelpunkt steht. Sie spielt in Teheran. Aber ich möchte mit diesem Film aufmerksam machen auf die Armut des afghanischen Volkes, das wirklich verloren ist und keinen Rückhalt mehr hat. Ich glaube, die Welt hat schon vergessen, dass es diesen Ort Afghanistan gibt. Und ich hoffe, dass ich diesen Film auf der kommenden Berlinale zeigen kann."

Das Gespräch mit Majid Majidi führte Frauke Hanck

 

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Ausgabe 72-3/2000

 

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