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Ausgabe 111-3/2007

AZUR UND ASMAR

AZUR ET ASMAR

AZUR UND ASMAR

Produktion: Nord-Ouest Productions, Mac Guff Ligne Studio O, France 3 Cinema, Rhone Alpes Cinéma / Artemis Prod. / Lucky Red / Zahorimedia, Intuitions Films; Frankreich / Belgien / Italien / Spanien 2006 – Regie, Buch, Figurendesign, Realisation: Michel Ocelot – Schnitt: Michèle Peju – Musik: Gabriel Yared – Stimmen: Cyril Mourali, Karim M'Ribah, Hiam Abbass, Patrick Timsit u. a. – Länge: 98 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Wild Bunch, Paris, e-mail: Ikalmar@exception-wb.com; Rechte Deutschland: Telepool GmbH, München – Altersempfehlung: ab 8 J.

Das Fremde vermag Angst und Vorurteile zu erzeugen, manchmal allerdings auch Neugier. Letzteres kann die Welt ein Stück voranbringen. Wer offen mit dem Unbekannten umgeht, erweitert seinen Horizont und bestenfalls ergänzen sich unterschiedliche Lebenswelten, woraufhin etwas Neues entstehen kann.

Als kleine Buben wissen Azur und Asmar noch nichts von Fremdheit oder von verschiedenen Kulturen. Dieselbe Brust nährt sie, nämlich die der arabischen Mutter des dunkeläugigen Asmar. Aber auch dem blonden, blauäugigen Azur ist diese Frau, seine Amme, eine liebevolle Mutter. Wie Brüder verbringen sie ihre Kindheit, kabbeln sich, raufen und abends schlafen sie brav nebeneinander ein. Aus einer entrückten Zeit erzählt Michel Ocelot ("Kiriku und die Zauberin") in seinem jüngsten Animationsfilm. Von Anfang an spielt er mit märchenhaften Elementen, wenn die Mutter nicht nur aus ihrer fernen, schönen Heimat erzählt, wo die Fee der Djinns auf ihre Befreiung harrt, sondern solche elfenartigen Wesen auch nachts den Schlaf der Jungen bewachen.

Es ist ein mittelalterlich anmutendes Frankreich, in dem die Geschichte beginnt. Die Jungen werden größer und Azurs Vater schickt seinen Sohn zum Lernen weg in die Stadt. Damit hat sich die Arbeit der Amme aus seiner Sicht erledigt. Hartherzig jagt er sie samt ihrem Sohn ohne jeglichen Lohn aus dem Haus. Doch Azur vergisst weder die Wärme noch die Träume seiner Kindertage und beschließt als junger Mann, gegen den Willen seines Vaters übers Meer zu ziehen in das Land, aus dem seine Ziehmutter kam. Das empfängt ihn unwirtlich: Nach einem Schiffbruch an Land gespült, trifft er auf Menschen, die sich vor seinen blauen Augen gruseln, weil der Volksglaube hier besagt, solche Augen würden Unglück bringen. Azur schließt die seinen und wandert fortan als Blinder durch das fremde Land, dessen Sprache ihm als Kind geläufig war, die er aber fast vergessen hat. Von dem orientalischen Zauber des Landes bekommt er so erst einmal wenig mit.

Aber da wir uns in einem Märchen befinden, geschieht ein Wunder: Azur findet seine Ziehmutter wieder, die sich hier zu einer wohlhabenden einflussreichen Frau gewandelt hat. Dank ihr kann er seine Augen wieder öffnen. Denn sie, die "zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Religionen" kennt, hält gar nichts von abergläubischen Vorurteilen. Sein Bruder Asmar sieht zuerst nur den Rivalen in ihm. Beide wollen sie die verwunschene Fee, von der sie als Kinder so viel hörten, erlösen. Doch je gefährlicher ihre Abenteuer auf dem Weg dorthin sich gestalten, desto stärker stellt sich ihre frühere Verbundenheit wieder ein. Und schließlich will jeder dem anderen den gemeinsamen Erfolg allein überlassen – und damit auch die Hand der hübschen, klugen Fee. Für das Dilemma dieser brüderlichen Großherzigkeit hält der Film eine wunderbare Auflösung parat.

Ausgesprochen liebevoll, mit viel Poesie und immer wieder aufblitzendem Witz, plädiert Michel Ocelot in "Azur et Asmar" für ein tolerantes Miteinander von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen. Große Hoffnung setzt er dabei auf die weibliche Hälfte der Menschheit, die hier meist warmherziger, sensibler und klüger gezeichnet wird als ihr männliches Gegenstück. Doch auch die beiden Helden Azur und Asmar lernen, ihr unterschiedliches Wissen zusammenzubringen, um gemeinsam die Fee befreien zu können. Und genauso ergänzen die Kulturen einander. Das ist die zentrale Botschaft des Animationsfilms. Die Szenen in Frankreich werden jenseits der sturen Vaterfigur nicht negativ gezeigt. Auch hier gibt es üppige Blumenwiesen und häusliche Geborgenheit. Das maghrebinische Land erweist sich anfangs als düster, um dann in immer leuchtendere Farben getaucht zu werden in den Szenen auf dem Markt oder im paradiesischen Innenhof der Mutter.

Die Produktion – beim diesjährigen Internationalen Trickfilm Festival Stuttgart mit dem Preis für den besten Animationslangfilm ausgezeichnet und beim KinderFilmfest München mit dem Publikumspreis – entstand am Computer. Auf den ersten Blick zwar wie eine 2-D-Animation wirkend, deren Figuren weich in die Hintergründe übergehen, eine Einheit mit ihrer Welt bilden, um immer wieder mit sehr plastischen Effekten aufzuwarten, sind die Grenzen zwischen 2-D- und 3-D-Animation hier letztendlich aufgelöst, was die Unzulänglichkeit solcher Begriffe für die Beschreibung künftiger Fantasiewelten deutlich macht. Jenseits dieser technischen Entwicklungen faszinieren einfach die exotische Ornamentik und die Farbenfreude dieses Märchens. Ocelot will uns an den Sieg des Guten glauben lassen und verzaubert uns zumindest für eineinhalb Kinostunden.

Ina Hochreuther

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 112-3/2007 - Hintergrund - „Azur und Asmar“

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.AZUR UND ASMAR im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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