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Ausgabe 117-1/2009

KLASSENKAMPF

Produktion: filmworks Uli Kick / BR / Arte; Deutschland 2008 – Regie und Buch: Uli Kick – Kamera: Stefan Schindler, Uli Kick, Waldemar Hauschild, Thomas Riedelsheimer – Schnitt: Gaby Kull-Neujahr – Musik: Wolfgang M. Neumann – Länge: 97 Min. – Farbe – Kontakt: filmworks Uli Kick, München, e-mail: ulikick@aol.com – Altersempfehlung: ab 12 J.

Der ganz normale Schulwahnsinn: Eine neunte Klasse in einer Münchner Hauptschule, es geht um Alles oder Nichts, um Aufstieg in die M-Klasse, um doch noch die Mittlere Reife an der Realschule zu bestehen, oder darum, zumindest den Quali abzulegen und wenigstens einen ordentlichen Hauptschulabschluss zu bestehen, damit man eine Lehrstelle findet. Oder aber die Schüler scheitern und zwar nicht nur in der Schule, sondern setzen ihre gesamte Zukunft aufs Spiel. Denn wer jetzt, mit 16 Jahren, versagt, kann nur noch "Hartz IV werden". Das lernen wir aus Uli Kicks Dokumentarfilm, der das letzte, das entscheidende Jahr dieser Neuntklässler begleitet hat. Ihre Lehrerin kämpft beharrlich gegen den Frust der Jugendlichen an, gegen ihre Resignation und ihre Auflehnung. Kick hatte sich mit zwei Kameras in der Klasse eingerichtet, mit einer immer die Klassenleiterin im Blick, um keine ihrer Reaktionen zu verpassen, und mit der anderen Kamera beobachtete er die Schüler, die mal schlafend, mal pöbelnd, das andere Mal zu spät kommend den Unterricht stören. Keiner scheint den Jugendlichen bisher den Ernst der Lage erklärt zu haben, die Lehrerin kämpft gegen Windmühlen, wenn sie zum dritten Mal eine Aufgabe einzusammeln versucht und keiner das Papier dabei hat, wenn sie zum zwanzigsten Mal erklärt, wie man sich richtig bewirbt und eine Schülerin kann beim Bewerbungstestgespräch nur ein handbeschriebenes Zettelchen vorweisen.

Als Zuschauer wird man zunächst ziemlich aggressiv, wenn man diese "Null-Bock"-Mentalität beobachten muss und die Versuche der Lehrerin ins Leere laufen sieht. Bis man ganz allmählich begreift, was hinter der Verweigerungshaltung steckt. Wir lernen einige der Jugendlichen besser kennen, in kurzen Statements, die zwischen die Aufnahmen des Schulalltags geschnitten sind, erfahren wir von ihren Schicksalen, ihren Fähigkeiten und Nöten, die im allgemeinen Schulstress untergehen. Da ist der junge Albaner, der zuhause seinem durch den Krieg erblindeten Vater das Essen kocht, in der Schule aber ist der Junge unerträglich. Das Mädchen, das sich um die kleine Schwester kümmert, auch schon mal das ganze Wochenende lang, weil ihre Mutter an Krebs erkrankt ist und der Lehrerin dann ein "ich hab andere Probleme" entgegen schleudert, oder aber der Stepptänzer, der begeistert an seiner weiteren Tanzkarriere arbeitet.

Das sind jeweils ganz besondere Karrieren und Schicksale, die wir uns in unserem bequemen Kinosessel kaum vorstellen können. Dass das Schulsystem auf der ganzen Linie versagt, weiß man spätestens nach diesem Film, dessen Titel programmatisch für eine verlorene Schülergeneration steht, denn hier geht es nicht nur darum, dass es einen täglichen Kampf in der Klasse zu schlagen gilt, sondern es geht auch um eine wenig bevorzugte sogenannte "bildungsferne" Klasse, die nach der Grundschule auf die Einbahnstraße der Verlierer eingebogen ist und von da gibt es praktisch kein Zurück mehr.

Katrin Hoffmann

 

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Ausgabe 117-1/2009

 

Inhalt der Print-Ausgabe 117-1/2009|

Filmbesprechungen

DIE BRÜCKE – 2008| DIE DREI ??? – DAS VERFLUCHTE SCHLOSS| FROHE ZUKUNFT| HEXE LILLI – DER DRACHE UND DAS MAGISCHE BUCH| IHR KÖNNT EUCH NIEMALS SICHER SEIN| KLASSENKAMPF| MADAGASCAR 2| MASOUMEH UND DER SCHNURRBART| MEIN FREUND AUS FARO| DAS MORPHUS GEHEIMNIS| NOVEMBERKIND| DIE PERLMUTTERFARBE| SOS – EIN SPANNENDER SOMMER| DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN – 2008| TINTENHERZ| WÄCHTER DER WÜSTE| DIE WILDEN HÜHNER UND DAS LEBEN| WILLI UND DIE WUNDER DIESER WELT|

Interviews

Cantet, Laurent - "Schule, das ist mal große Komödie, mal große Tragödie"| Laakmann, Catherine - Die schönen Blumen, die im Schatten stehen| Rosenmüller, Marcus H. - "Ich habe den Film nicht nur für Bayern gemacht!"| Schindler, Christina - "Ich habe gespürt, das ist mein Medium"| Theede, Christian - "Wir setzen nicht auf den Lügner und Aufschneider, sondern auf die Schlauheit des kleinen Mannes"|

Hintergrundartikel

Afrikanische Filme bei EZEF auf DVD|


KJK-Ausgabe 117/2009

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