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Ausgabe 75-3/1998

DAS LEBEN VON JESUS

LA VIE DE JÉSUS

Produktion: 3B Productions / CRRAV / Norisfilms; Frankreich 1997 – Regie und Buch: Bruno Dumont – Kamera: Philippe van Leeuw – Darsteller: David Douche (Freddy), Marjorie Cottreel (Marie), Geneviève Cottreel (Yvette), Kader Chaatouf (Kader), Sebastien Delbaere (Gégé), Sebastien Bailleul (Quinquin), Samuel Boidin (Michou), Steve Smagghe (Robert) u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – Fassung: O.m.U. – Vertrieb: TADRART FILMS, 70, rue d'Assas, F-75006 Paris, Fax 00331 4549 178568 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Irritierend wie der Titel und vor allem nachhaltig beeindruckend ist das Spielfilmdebüt von Bruno Dumont, der Ende 1997 bei der 10. Verleihung der Europäischen Filmpreise als europäische Entdeckung des Jahres galt und mit dem Fassbinder-Preis ausgezeichnet wurde. Denn wer bei "Das Leben von Jésus" einen im engeren Sinn biblischen Stoff erwartet oder wenigstens, dass eine der Hauptfiguren Jesus heißt, ist auf der falschen Spur und muss sich bald eigene Gedanken über die Bedeutung des Titels machen, was denn auch der Sinn der Sache ist.

Es geht um Freddy und seine Freunde: arbeitslose Jugendliche vom Land, mitten in der französischen Provinz in Bailleul, die ohne ausreichende Schulbildung sind. Den größten Teil ihrer Zeit gammeln sie herum, erfinden Mutproben und fahren am liebsten mit ihren frisierten Mopeds umher, mit Vorliebe durch die Straßen der Kleinstadt, dass es nur so dröhnt. Einer der Freunde liegt im Krankenhaus und wird an Aids sterben. Stumm und hilflos müssen sie seinem Tod zusehen. Freddy lebt allein mit seiner Mutter. Er leidet an epileptischen Anfällen und ist deshalb auch in ärztlicher Behandlung. Er hat es nicht leicht im Leben, weiß nicht so recht, was er damit anfangen soll, aber im Gegensatz zu den anderen hat er eine feste Freundin, Marie, die als Kassiererin im Supermarkt arbeitet. Ihre Liebe ist intensiv, aber wenig kommunikativ und einfühlsam. Oft küssen sie sich stundenlang, ohne miteinander reden zu können. Als sich ein Araber für Marie interessiert, reagiert Freddy eifersüchtig und unangemessen. Vollends aus der Bahn geworfen wird er jedoch, als er – aus einer undefinierbaren Mischung aus Frustration, Jux und Mutprobe – mit seinen Kumpels eine Schülerin bedrängt und von ihr verlangt, sie solle ihre Hose runterlassen. Das Dorf reagiert entsetzt, auch Marie beginnt sich von ihm zurückzuziehen ...

Dumonts Film ist gut für ältere Jugendliche geeignet, besonders auch in ländlichen Regionen, in denen mangelnde Zukunftsperspektiven sich anders auswirken als in der Großstadt und motorisierte Kraftproben unter angehenden Männern kein Einzelfall sind. Zum einen, weil es in dieser unter die Haut gehenden Intensität und ungeschminkten, aber nie vordergründigen oder eindimensionalen Darstellung von Realität fast nichts Vergleichbares auf dem Markt gibt, zum anderen, weil er genügend Identifikationen mit den sehr widersprüchlich angelegten Figuren ermöglicht und zum Nachdenken anregt: über (männliche) Rollenbilder, Sexualität, Erwartungen vom Leben, Einstellung zu dem "Fremden" und mitunter Bedrohlichen, sei es die Liebe oder der Hass, eine ungewöhnliche Krankheit oder ein Ausländer. Und wenn Dumont die sexuelle Nötigung der Schülerin, die in einschlägigen Teenie-Klamotten eher als dummer "lustiger Streich" inszeniert worden wäre, in seiner ganzen Tragweite für alle Beteiligten zeigt, entpuppt er sich als Realist und Moralist – und damit wären wir wieder beim Titel.

Holger Twele

 

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Ausgabe 75-3/1998

 

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