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Ausgabe 85-1/2001

ALS GROSSVATER RITA HAYWORTH LIEBTE

Produktion: Malte Ludin Svarcova Film GbR Berlin / ZDF / Bernd Lung AG Zürich; Deutschland / Schweiz 2000 – Regie und Buch: Iva Svarcova – Kamera: Hille Sagel – Schnitt: Georg Janett, Ludmilla Korb-Mann – Musik: Annette Focks – Darsteller: Karen Fisher (Hannah), Veronika Albrechtova (Maruschka), Vlastimil Brodsky (Großvater Zikmunt), Ewa Gawryluk (Mutter), Vladimir Hajdu (Vater), Dagmar Manzel (Frau Schmiedt), Charles Brauer (Herr von Hartlieb) u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe – Verleih: Basis-Film (35 mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Hannah und ihre Familie verlassen Ende der 60er-Jahre nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag die Heimat. Sie gehen ins Exil nach Westdeutschland. Nur Großvater Zikmunt, für Hannah die wichtigste Bezugsperson, bleibt zu Hause zurück. Dem Mädchen fällt der Weg in die Fremde außerordentlich schwer. Lange zögert sie, bevor sie zu den Eltern in den altersschwachen Skoda Richtung Westen steigt. Die ersten Erfahrungen als Emigranten sind für die Familie ernüchternd. Auf der anderen Seite stehen für Hannah die Erinnerungen an den Opa. Der kluge aufrechte Mann, einst Gymnasialdirektor, wurde von den politischen Behörden der CSSR schikaniert und gesellschaftlich isoliert. Dennoch beharrte er auf seinen Prinzipien. Hannah bewunderte den Großvater, doch sie sah auch, wie er sich quälte.

Während die Eltern des Mädchens sich in der neuen Gesellschaft einem ersten Konsumrausch hingeben, der sie schließlich mit dem wirtschaftlichen Ruin konfrontiert, sucht Hannah die Zusammenhänge des fremden Umfeldes zu begreifen. Dabei merkt sie, wie sie sich in Anlehnung an die Lebensmaximen des Großvaters durchsetzen kann und dabei Anerkennung findet. Die Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins wird ihr deutlich, als sie im Fotoalbum des Herrn von Hartlieb, der einst als deutscher Besatzer in Prag der Feind ihres Großvaters war, das Bild einer schönen Frau sah, von der sie dachte, es sei eine Jugendfreundin des Opas. Beide Männer waren Verehrer der Schauspielerin Rita Hayworth. Als die Familie, getrieben von wirtschaftlicher Not, in die Tschechoslowakei zurückkehren will, ist es Hannah, die kurz vor der Grenze die Umkehr einleitet. Sie will ihre Lebenschancen nicht mehr gegen ein vermeintlich bequemes Dasein eintauschen.

Die Jury, die dem Film beim X. Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus den ersten Preis im Kinder- und Jugendfilmwettbewerb zusprach, meinte in der entsprechenden Begründung, der Film sei "lehrreich und zugleich kinderfreundlich, teilweise ernst und teilweise auflockernd lustig". Damit wurde sehr genau die Vielschichtigkeit der Arbeit Iva Svarcovas erfasst. Das ernste Thema der Emigration mit allen Momenten von Verlust, Unsicherheit und Demütigung wird in einem heiter-ironischem Grundton erzählt. Hannah selbst kommentiert die Familiengeschichte aus dem Off heraus. Sie tut es in der Art, die sie von ihrem Großvater übernommen hat und die unmittelbar den hintersinnigen und widerständigen tschechischen Humor aufnimmt. Ein Kabinettstück dieser Art Humor liefert einer der großen Schauspieler des tschechischen Films, Vlastimil Brodsky – dessen Kunst in Deutschland u. a. aus Frank Beyers "Jakob der Lügner" bestens bekannt ist – als Großvater Zikmunt. Der alte Mann wird von Sicherheitsbeamten erniedrigt, er bejaht im Wissen darum, dass es kein Wiedersehen geben wird, die Flucht der ihm am nächsten stehenden Menschen in das Ausland und er muss bereits ein zweites Mal die Besetzung seines Heimatlandes durch ausländische Truppen erleben. All diesen Schicksalsprüfungen begegnet er mit einer solchen flexiblen und hintersinnigen Ironie, die es ihm nicht nur ermöglicht, seine persönliche Würde und Integrität zu wahren, sondern die ihn letztendlich deutlich als moralischen Sieger aus den Konflikten hervorgehen lässt. Iva Svarcova fand eine Erzählhaltung, die die bereits an früheren Arbeiten festgemachten Beobachtungen bestätigt, und setzt mit hoher Sensibilität die Traditionen der tschechischen Filmschule fort. Ein Garant für solche Kontinuität war sicher auch der Umstand, dass der Milan Kundera-Schüler Jiri Polak den Film dramaturgisch betreut hat.

Für Hannah ist der Großvater das prägende Vorbild. Indem sie dessen Haltung aufnimmt, kann sie sich in der fremden Umgebung durchsetzen, ohne sich in gesichtsloser Anpassung zu verlieren. Schließlich versteht sie es auf diesem Weg, für sich Gewinn aus den freieren gesellschaftlichen Strukturen abzuleiten, aber auch selbst Impulse zu setzen. Hier greift der Film, der äußerlich sehr konkret historisch eingebunden ist, in höchst aktuelle Diskussionen ein und fragt insbesondere aus der Sicht der Kinder nach den Problemen der Emigration und der Assimilation. Doch er deutet in weit stärkerem Maße auf die Chancen der Begegnung mit dem Fremden hin und auf die Möglichkeiten, sich dadurch sowohl der eigenen Geschichte als auch der Verkrustung gesellschaftlicher Strukturen bewusst zu werden. Dies ist ein Thema, was nach dem Fall der Mauer nicht nur im Hinblick auf andere Völker von großer Bedeutung ist, sondern das auch etwas mit der Begegnung der Deutschen aus Ost und West zu tun hat. Der Weg Hannahs und ihrer Familie von Prag nach Nürnberg in den 60er-Jahren kann auch als Metapher für den Weg der Ostdeutschen nach 1989 in die Bundesrepublik verstanden werden.

Iva Svarcova hat ihren Film zweisprachig gedreht – deutschsprachige Passagen sind tschechisch untertitelt und umgekehrt. So lässt sich das Thema kongenial vermitteln. Eine komplette Synchronisation als Tribut an gängige Sehgewohnheiten wäre sowohl ein ästhetischer als auch ein inhaltlicher Verlust. Heinz Ungureit vom ZDF hatte nach der Lektüre des Drehbuches den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass aus der Vorlage ein Film entstehen würde, der "ohne Zeigefinger oder Parolen zum Verständnis unter Menschen verschiedener Herkunft beitragen wird". Iva Svarcova hat ihm und damit dem Publikum diesen Wunsch erfüllt.

Klaus-Dieter Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 85-1/2001 - Interview - "Mich interessieren einfache Menschen, die sehr viel bewegen können"

 

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