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Ausgabe 86-2/2001

HILFE! ICH BIN EIN FISCH

HELP! I'M A FISH

HILFE! ICH BIN EIN FISCH

Produktion: Munich Animation Film GmbH / Kinowelt Medien AG / A-Film ApS / Egmont Imagination / EIV Entertainment Filmproduktion / TerraGlyph Rights Limited; Deutschland / Dänemark / Irland 2000 – Regie: Michael Hegner, Stefan Fjeldmark – Buch: Stefan Fjeldmark, Karsten Kiilerich, John Stefan Olsen – Musik: Sören Hyldgaard – Sprecher: Roman Wolko (Fly), Clemens Ostermann (Chuck), Chiara Reuße (Stella), Carin C. Tietze (Mutter), Walter von Hauff (Vater), Regina Lemnitz (Tante), Rainer Basedow (Hai), Gudo Hoegel (Krabbe), Dieter Landuris (Professor MacKrill) u. a. – Länge: 80 Minuten – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Kinowelt (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Schon vom ersten Bild an hat man den Eindruck, dass dieser Film der vermutlich amerikanischste europäische Zeichentrickfilm der letzten Jahre ist. Und tatsächlich: in Gestaltung, Handlung und Kombination von Zeichen- und Computertrick muss sich dieses Trickfilmmärchen nicht neben vergleichbaren amerikanischen Produkten verstecken. Das hängt nicht nur mit der Ausarbeitung der Charaktere zusammen, sondern auch mit der wohltemperierten Übernahme aus Versatzstücken von Trickfilmen der letzten Jahre. Und obwohl der Film keine 90 Millionen Dollar in der Herstellung gekostet hat, ist er – laut Produzent Eberhard Junkersdorf – auch ohne konkrete Zahlenangaben der bislang teuerste europäische Trickfilm.

Eigentlich wollte der 13-jährige Fly ja zum Angeln gehen, aber da seine Eltern ausgehen möchten, haben sie für ihn und seine kleine Schwester Stella die dicke Tante Anna als Babysitter geholt. Die Tante wird von ihrem intelligenten – und rundlichen – Sohn Chuck begleitet. Aber als Tante Anna beim Märchenvorlesen in Stellas Zimmer einschläft, sind die Kinder nicht mehr zu halten. Fly holt sein Angelzeug und bringt seinen Cousin Chuck durch die Androhung, ihm anderenfalls eines seiner Computerprogramme zu löschen, schließlich dazu, ihn und Stella zu begleiten. Zunächst geht alles gut. Aber dann merken die Kinder, dass sie die Flut außer Acht gelassen haben und auf einem Felsen festsitzen. Sie können nicht zurück an Land. Als sie sich verängstigt gegen die Felswand drücken, während das Wasser immer näher kommt, geht plötzlich eine Geheimtür auf ... und schon sind sie mitten in einem wilden Abenteuer. Hinter der Geheimtür ist nämlich das Labor von Professor MacKrill, der davon überzeugt ist, dass die Polarkappen abschmelzen werden.

Indem er die Menschen in Fische verwandelt, will MacKrill ihnen neuen Lebensraum schaffen. Das Mittel dazu hat er bereits hergestellt, aber noch nicht getestet. Es hat nur einen Schönheitsfehler: Wenn man es benutzt, muss man sich binnen 48 Stunden wieder mit Hilfe des Gegenmittels zurückverwandeln, sonst bleibt man ein Fisch. Die Kinder finden das unheimlich und wollen sich auf und davon machen. Aber da ist Stella verschwunden. Chuck entdeckt, dass sich Stella in einen Seestern verwandelt hat, weil sie durstig war und das Mittel des Professors für Limonade gehalten hat. Aber da hat Fly den Seestern schon ins Meer geworfen, damit er nicht austrocknet. Die Kinder und der Professor machen sich auf die Suche nach Stella, aber eine Riesenwelle wirft ihr Boot um. Rettung vor dem Ertrinken gibt es nur, wenn sie sich in Meerestiere verwandeln. So wird Fly zu einem Fisch und Chuck zu einer (bebrillten) Qualle. Was die Kinder nicht wissen ist, dass das Gegenmittel auf dem Meeresgrund gesunken ist und leckt. Ein vorbeischwimmender Hai und ein Lotsenfisch (der sich später Joe nennt) werden durch das Gegenmittel intelligent. Das erschwert den Kindern die Rückkehr in ein normales Leben, denn Joe will seine neu gewonnene Intelligenz nutzen, um sich ein unterseeisches Imperium aufzubauen. Dazu muss er auch andere Fische intelligenter machen.

Joes Machtrausch ist mit sehr viel Liebe zum Detail erzählt und erinnert an ähnliche Szenen in "König der Löwen". Man stellt sich allerdings die Frage, wie sich Joe in so kurzer Zeit (keine 48 Stunden!) sein transformiertes Gefolge diktatorisch und militärisch gefügig machen kann. Aber man sollte diese Frage so schnell vergessen wie sie einem in den Kopf kommt, weil man sonst auch den "Verfischungstrank" in Frage stellen müsste und damit die Geschichte aufrebbeln und zerpflücken würde. Gestehen wir der Geschichte also eine eigene Logik und Konsequenz zu. Joe findet bald heraus, dass drei in Fische verwandelte Menschen in seiner Umgebung sind. Er will sie dazu zwingen, ihm zu helfen. Aber noch sind die Menschen gewitzter. Sie entkommen und brauen sich das Gegenmittel selbst, da sie sich die Zutaten des Tranks gemerkt haben. Von da an eskaliert die Geschichte, bis die Fäden im Labor von MacKrill wieder zusammenlaufen.

Insgesamt hat diese Fabel sehr viel Witz und Drive, auch wenn sie manchmal ihre eigene Logik etwas überdreht. Die Balance von Spannung und Spannungslösung wird gut gehalten und gefährlich wirkende Szenen werden immer wieder durch humorvolle Einschübe abgebogen und relativiert. Die Animation ist nicht nur für europäische Maßstäbe sehr gelungen. Das Resultat ist ein buntes Trickfilmmärchen, das bei allem Unterhaltungswert nicht nur so klug ausgetüftelt ist, dass selbst kleine Handlungsstränge immer wieder mit Liebe zum Detail weiterverfolgt werden, sondern dass es auch mit leichter Hand Bedenkenswertes vermittelt: Vorurteile werden abgebaut, Eltern werden an ihre Verantwortung erinnert, Intelligenz erweist sich als lebensrettend, selbst der unternehmungslustigste Junge kann seinen Egoismus überwinden, Umweltthemen finden Berücksichtigung und auch der Hang, Macht auszuüben und zu missbrauchen, wird aufs Korn genommen.

Natürlich könnte man an einzelnen Details herummäkeln. Etwa daran, dass sich die Kinder samt ihrer Kleidung in Fische – und wieder zurückverwandeln. Aber diesen Denkfehler teilt die Geschichte mit zahllosen ähnlichen Fabeln, in denen sich Menschen in andere Wesen verwandeln. Deshalb sei es nur als Randnotiz erwähnt. Man könnte auch sagen, dass die Gigantomanie der Macht an eine ähnliche Szene im "König der Löwen" erinnert. Oder dass die dicke Tante im Aussehen der dicken Dame in den Pippi Langstrumpf-Trickfilmen ähnelt. Aber betrachten wir die Fabel nüchtern, so erweist sie sich als ein modernes Märchen, spannend und lustig, bunt und grafisch ansprechend, technisch brillant und kurzweilig erzählt und sogar mit einigen Körnchen Wahrheit und gut versteckten (und deshalb nicht erhoben zeigefingrigen) ethisch-moralischen Grundwerten garniert. "Hilfe! Ich bin ein Fisch" kann sich wirklich sehen lassen.

Wolfgang J. Fuchs

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 87-2/2001 - Interview - Animation für die ganze Familie

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.HILFE! ICH BIN EIN FISCH im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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