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Ausgabe 86-2/2001

DAS LIED VOM JUNGEN AKKORDEONSPIELER

KÖZIMNIN KARASY

Produktion: Kazakhfilm / Miras Film; Kasachstan 1994 – Regie: Satybaldy Narymbetov – Buch: Iztule Izmaganbetova, Satybaldy Narymbetov – Kamera: Hasan Kydyraliev – Schnitt: Svetlana Nijazova – Darsteller: Daulet Taniev (Esken), Petya Haytovich (Yurij), Bachytzhan Alpiesov (Vater), Rayhan Itkozhanova (Mutter), Sovetbek Zhumadylov (Soldat), Ahan Sataev (Student) – Länge: 90 Min. – s/w und Farbe – Verleih: Neue Visionen (35mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Der aufgeweckte Esken wächst in einem kleinen Dorf in Kasachstan auf, wo er den jüdischen Jungen Jurij aus Petersburg kennen lernt. Da Esken Akkordeon spielen kann, darf er bei abendlichen Vergnügungen meist länger aufbleiben als seine gleichaltrigen Kameraden. Gemeinsam mit anderen Dorfjungen streifen Esken und Jurij umher und beobachten, was sich rundherum so abspielt.

Ihre besondere Aufmerksamkeit richtet sich natürlich auf das andere Geschlecht: So sehen sie heimlich dem Liebesspiel der Dorfhure zu, verfolgen das Geturtel junger Verliebter beim Tanzabend oder überraschen junge Frauen beim Bad in einem Teich. Auf der anderen Seite muss Esken auch miterleben, wie sein Vater wegen seiner Gastfreundlichkeit gegenüber japanischen Kriegsgefangenen beim Geheimdienst als Spion denunziert wird und für zwei Jahre inhaftiert wird.

Dass der kasachische Regisseur Satybaldy Narymbetov Filmklassiker von François Truffaut, Federico Fellini und Jean Vigo studiert hat, lässt sich bei seinem stimmungsvollen Pubertätsdrama kaum übersehen. In seinem zweiten Spielfilm verarbeitet er Erinnerungen an seine Kindheit in einem kleinen Dorf in der Nachkriegszeit zu einer nostalgisch-heiteren Provinzburleske. Konsequent erzählt Narymbetov aus der Sicht eines intelligenten Dorfjungen, der seine Mitmenschen aufmerksam beobachtet. Das überschaubare Dorf erweist sich dabei als ein facettenreicher Mikrokosmos, in dem sich kleine und große Katastrophen, Liebeleien und Intrigen genauso ereignen wie in der großen weiten Welt. Besonders hübsch sind einige Miniaturen über grotesk-absurde Phänomene der Sowjetherrschaft geraten, etwa wenn ein eifersüchtiger Dorfpolizist seine Stellung missbraucht, um einen Rivalen beim Werben um die hübsche Bibliothekarin auszuschalten.

Die Poesie der Inszenierung, die Dorfjungenthematik und die ins Schwarzweiß-Material eingestreuten Farbsequenzen finden sich übrigens auch in dem zwei Jahre später entstandenen Dorfdrama "Beschkempir" des kirgisischen Regisseurs Aktan Abdikalikow. Trotz mancher Holprigkeiten und einiger surrealer Metaphern, deren Bedeutung sich dem westlichen Betrachter nicht so leicht erschließen, entfaltet die sensible Dorfchronik einen faszinierenden Charme – nicht zuletzt dank der ausdrucksstarken Gesichter der hierzulande unbekannten Darsteller. Da die episodische Erzählweise und die überwiegende Schwarzweiß-Fotografie des mehrfach ausgezeichneten Filmes den heutigen Sehgewohnheiten von Kids zuwiderläuft, sollten diese vorsichtshalber darauf hingewiesen werden.

Reinhard Kleber

Der Film war 1995 beim Kinderfilmfest der Berlinale zu sehen, damals unter dem Titel "Die Kindheit des Akkordeonspielers".

 

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