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Ausgabe 110-2/2007

ABGEROCKT

FÖRORTSUNGAR

Produktion: Gilda Film Stockholm, in Koproduktion mit Sonet Film / Sandrew Metronome / TV3 / Break Even & Filmhouse; Schweden 2006 – Regie: Ylva Gustavsson und Catti Edfeldt – Drehbuch: Ylva Gustavsson und Hans Renhäll – Kamera: Jallo Faber – Schnitt: Roger Sellberg – Musik: Fabian Torsson – Darsteller: Beylula Kidane Adgoy (Amina), Gustaf Skarsgård (Johan), Embla Hjulström (Mirre), Jennifer Brown (Janet) u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Trust Film Sales Dänemark. e-mail: trust@trust-film.dk – Altersempfehlung: ab 8 J.

Die neunjährige Amina ist vor drei Jahren mit ihrem Großvater aus Afrika nach Schweden gekommen und lebte seither in einem Auffanglager. Nun müssen sie untertauchen, weil ihre Aufenthaltsgenehmigung abgelehnt wurde. Sie werden bei Johan untergebracht, der in einer grauen Vorstadtsiedlung von Stockholm wohnt. Johan ist Rockmusiker und Gelegenheitsjobber, ebenso liebenswert wie chaotisch. Die stille Amina freundet sich mit dem wilden Nachbarsmädchen Mirre an, das HipHop liebt und auch in der Jungenclique das Sagen hat. Als Aminas Großvater unerwartet stirbt, würde Amina gern bei Johan bleiben. Der schreckt vor der gewaltigen Verantwortung zurück, obwohl er dem Großvater versprochen hat, sich um Amina zu kümmern. Zusammen mit der attraktiven Sozialarbeiterin Janet suchen Amina und Mirre nach Möglichkeiten, um Johan als künftigen Pflegevater zu unterstützen. Johan hat Amina längst ins Herz geschlossen, aber als er sein Musikerdasein gefährdet sieht, bleibt er dabei, nur vorübergehend für Amina sorgen zu wollen, bis sie ihre Aufenthaltsgenehmigung bekommt und zu einer richtigen Familie darf. Die Situation eskaliert, als Johan fälschlich verhaftet und Amina in ein Heim gesteckt wird. Bis Amina ihr Zuhause und ihren neuen Papa bekommt, müssen sie und Mirre mit vereinten Kräften noch einige Dinge in Ordnung bringen.

Was ist eine richtige Familie? Diese Frage stellen die Regisseurinnen Ylva Gustavsson und Catti Edfeldt ("Sixten" 1994) in ihrem mitreißenden Film "Abgerockt". Da sind Amina und ihr alter Großvater, deren Familie mit dem gesamten afrikanischen Dorf ausgelöscht wurde. Da ist Johan, der ein bisschen so ist wie die Knäckebrote mit Smileygesicht aus Mayonnaise, die er Amina zum Frühstück macht: lustig, aber nicht unbedingt vernünftig. Johan hat keine Erfahrung darin, für andere Verantwortung zu übernehmen. Dass er sich dessen bewusst ist, macht ihn gleichzeitig verantwortungsvoller als etwa Mirres stets übellaunige Tante, die sich überhaupt nicht um ihre Nichte kümmert. Da ist der stets betrunkene Pekka, der seine Tochter in Finnland seit Jahren vermisst. Die spezielle Flüchtlingssituation, die aus Amina und ihrem Großvater Illegale macht, ist hier nur eine extreme Form der Auseinandersetzung mit Familie und Identität. "Birds of different feathers/Flocked here together", heißt es in dem Rap, mit dem wir in die Vorstadtsiedlung geführt werden: Multinational und eben in allen möglichen Formen von Familie lebt man hier zusammen, Konflikte inbegriffen.

"Abgerockt" kommt darüber hinaus als peppiges Musical daher und lockert mit witzigen Gesangseinlagen auf. Jeder Figur ist eine Musikrichtung zugeordnet, von HipHop über Rock bis Elvis und Tango spiegelt die Musik die Vielfalt und Persönlichkeiten der Menschen in der Vorstadt wider. Dass die Figur der frechen Mirre an Pippi Langstrumpf erinnert, mag kein Zufall sein (Catti Edfeldt machte Regieassistenz bei diversen Lindgren-Verfilmungen). Dagegen verblasst die passivere, introvertierte Amina mitunter, die am stärksten in leiseren Szenen ist, beispielsweise wenn sie Johan erklärt, dass zum Vatersein nur die Kontrolle übers Zähneputzen mittels Atemfrischetest gehört.

Alles in allem zeigt "Abgerockt" mit (einmal mehr) skandinavischer Lässigkeit starke Kinder, die den Erwachsenen mindestens ebenbürtig sind. Ob der Krimiplot um die Hehlerbande im Keller vielleicht zuviel des Guten für einen ohnehin randvoll gepackten Film ist, stellt sich vermutlich einem jungen Publikum nicht, das von der Action und Cleverness seiner Helden begeistert sein wird. Fest steht: "Abgerockt" macht Laune, Musik und Besetzung passen, und welch ein Gewinn, wenn sich dabei so leicht auch noch Inhalte vermitteln lassen.

Ulrike Seyffarth

 

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Ausgabe 110-2/2007

 

Inhalt der Print-Ausgabe 110-2/2007|

Filmbesprechungen

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Interviews

Ahmad, Yasmin - "Ich möchte die Menschen ermutigen, anstelle der Kälte die Liebe zu wählen"| Neumann, Bernd - "Jugendschutz grenzüberschreitend verbessern"| Pöldma, Janno und Heiki Ernits - "Wir wollten einfach nur einen guten Film machen, der Kindern gefällt"| Rosenbaum, Uwe - "Leider stecken die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Geld ins Serielle"| Schmid, Johannes und Philipp Budweg - "Uns geht es um inhaltliche Fragen, nicht um oberflächlichen Erfolg"| Shaul, Dror - "Sweet Mud ist der bessere Titel"| Sugmakanan, Songyos - "Ich bin ein Fan von Horror-Filmen"|


KJK-Ausgabe 110/2007

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