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Ausgabe 111-3/2007

"Wenn wir in ihr Gesicht sehen, dann erblicken wir ihr Leben"

Gespräch mit Csaba Bollók, Regisseur des Films "Iskas Reise"

(Interview zum Film ISKAS REISE)

Csaba Bollók, geboren am 7. Dezember 1967 in Eger (Ungarn), absolvierte 1994 die Ungarische Akademie für Theater und Film in Budapest. Seine Kurzfilme, die er mit Unterstützung der Béla-Balázs-Studios realisierte, gewannen zahlreiche Preise. 1998 war "Észak, Észak" sein Spielfilmdebüt. In seinem bei der 38. Ungarischen Filmschau 2007 mit zwei Preisen ausgezeichneten Straßenkinder-Film "Iszka Utazása/Iskas Reise" erzählt er von einem Mädchen, das mehr wie ein Junge aussieht: Als sie um ihren kargen Lohn betrogen wird, kommt sie von einer Vorhölle in die andere, von der versoffenen Mutter geschlagen, endet ihre Flucht in einem verdreckten Heim, die Rückkehr nach Hause ist nur der Beginn einer weiteren Flucht, bei der einmal kurz Hoffnung aufscheint, als sie sich zart verliebt und für eine Mädchenfrisur alle Münzen zusammenkratzt – auch das scheitert, weil ihre Haare verlaust sind. Ein authentischer und bestürzender Film: Nach kurzen Momenten des Glücks führt der Absturz direkt in die Hölle der Ausbeutung, denn hier haben die Stärkeren die Macht. Chancenlose Kinder sind die Verlierer. Hart, realistisch und ein Aufschrei gegen das Fehlen behüteter Kindheit.

KJK: Als ich Ihren Film gesehen habe, dachte ich in den ersten Szenen, dass Iska ein Junge ist, erst später habe ich verstanden, sie ist ein Mädchen. Mária Varga ist sehr beeindruckend, wie haben Sie sie gefunden?
Csaba Bollók: "Das ist interessant, denn die meisten Leute denken zunächst, dass sie ein Junge ist. Dabei gibt es ja am Anfang des Films die Credits zu lesen und da steht bei Iska der Name Mária Varga, aber das vergessen die Leute und verfolgen den Film und halten Iska für einen Jungen. Und erst nach ungefähr 25 Minuten stellen die Zuschauer fest, dass Iska ein Mädchen ist. Sie kommt ins Kinderheim und sagt dort, dass sie kein Junge ist, sondern ein Mädchen. Ich habe Mária ziemlich genau dort gefunden, wo wir den Film auch gedreht haben. Und ihre Geschichte im Film ähnelt zudem sehr ihrem eigenen Leben, auch sie hat als Kind im Müll nach verwertbaren Dingen gewühlt, um ein wenig Geld für ihre Eltern aufzutreiben und ihre Familie mit ihren Brüdern und Schwestern zu unterstützen. Sie hatte ein wirklich hartes Leben, erst in den letzten beiden Jahren geht es ihr besser, seither lebt sie von ihrer Familie getrennt in einem Kinderheim."

Aber es gibt doch auch fiktive Szenen in Ihrem Film?
"Ja, vieles entspricht zwar dem, was Mária erlebt hat, doch das gesamte Ende des Films mit dem Kidnapping ist natürlich fiktiv. Dagegen hat dieser Wunsch, einmal das Meer zu sehen, durchaus etwas mit ihrem Leben und ihren Erfahrungen zu tun. Sie war mit zehn Jahren einmal mit Freunden am Meer und was im Film darüber gesprochen wird, hat sie tatsächlich so empfunden. Wir haben Mária vor den Dreharbeiten interviewt und Teile aus diesem aufgezeichneten Interview später im Film eingesetzt, wenn man nur ihr Gesicht sieht und dazu Passagen aus dem Interview zu hören sind."

Ihr ganzer Film erinnert ein wenig an François Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn", in dem die Hauptfigur Antoine zum Meer aufbricht, auch Iska träumt ja davon, das Meer zu sehen. Hat Sie Truffauts Film beeinflusst?
"Natürlich kenne ich den Film und es mag Parallelen geben, aber mein Film ist nicht eine Art von Hommage, auch wenn beide Filme von Kindern handeln, die von einem Wunsch beseelt sind. Es gibt neben Truffauts 'Sie küssten und sie schlugen ihn' noch einen anderen Film über eine verlassene Jugend, den ich sehr schätze, das ist 'Kes' von Ken Loach."

Es gibt noch eine Szene in Ihrem Film, die an einen anderen Truffaut-Film erinnert: Iska und ihr Freund rennen über eine Brücke und es wirkt fast wie ein Zitat aus "Jules und Jim"...
"Das könnte man denken, auch weil bei 'Jules und Jim' in dieser Szene die Erwachsenen ein wenig kindlich sind und die Frau sich wie ein Mann benimmt. Aber wir haben da nach keinerlei Übereinstimmung gesucht, das hat sich eher so ergeben, denn der Drehort sah eben genau so aus und dort hat es diese Brücke gegeben und die haben wir miteinbezogen."

"Iskas Reise" ist ein harter und realistischer Film, der manchmal fast dokumentarisch wirkt. Haben Sie für diesen Film einen eigenen Stil entwickelt?
"Ich glaube gar nicht, dass das so unbedingt ein eigener oder bestimmter Stil ist, die Kritik in Ungarn hat den Film als magisch und realistisch bezeichnet und diese Charakterisierung gefällt mir eigentlich sehr gut, weil ich versucht habe, Szenen zu drehen, die zwar realistisch sind, aber im Überlebenskampf der Kinder soll es auch immer Momente der Hoffnung oder Freude geben. Da ist zum Beispiel diese Szene beim Fußballspiel, wenn sie Kieselsteine einsammeln und sie in Plastikflaschen tun. Dann schütteln sie die Flaschen und stellen fest, dass man damit Musik machen kann – das ist dann für mich ein typischer Ausdruck ihrer Lebensfreude."

Trotzdem gibt es in Ihrem Film nur wenige Szenen, die Hoffnung geben auf ein besseres Leben für diese Straßenkinder, die von der Familie und vom Staat gleichermaßen vernachlässigt werden ...
"... da sind nur wenig hoffnungsvolle Szenen, das stimmt schon, aber dieses Mädchen hat eine ungeheure Stärke und wenn wir in ihr Gesicht sehen, dann erblicken wir ihr Leben, sie hat es nicht leicht, aber sie bewahrt sich ihre Würde und ist nicht verloren."

Doch Ihr Film hat kein Happy End: Iska hat keine Chance, den Mädchenhändlern zu entkommen. Für mich ist das ein Ende ohne Hoffnung, wenn sie auf dem Schiff gefangen ist.
"Ich hatte das Gefühl, dass wir neunzig Minuten gespannt dem Schicksal dieses Mädchens folgen, aber dann nicht wissen, wie ihr weiteres Leben sein wird. Deshalb will ich auch eine Fortsetzung des Films drehen, das wird nicht gleich mein nächster Film sein, aber ich habe schon Ideen für einen weiteren Film über Iska, der vier oder fünf Jahre später zeigen soll, wie es in ihrem Leben weitergegangen ist, wenn sie 18 oder 19 Jahre alt ist. Kann sie auf ihren eigenen Beinen stehen oder ist sie vielleicht eine Prostituierte geworden? Lebt sie in einer Großstadt oder hat sie das Land verlassen? Wie kommt sie damit zurecht, dass es keinerlei soziale Sicherheit gibt und sie auch von der Familie keine Unterstützung erwarten kann?"

Ist Iskas Lebensweg eigentlich typisch für Straßenkinder in Ungarn?
"Das ist nicht nur typisch für Ungarn, sondern für Straßenkinder in der ganzen Welt. Es gibt in vielen Ländern das Problem brachliegender Industriekomplexe und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit, die dann zur Verwahrlosung von Kindern und zum Alkoholismus der Eltern führen. Die Familien können ihren Kindern keinen Halt mehr geben und die Kinder sind gezwungen, sich Nahrung zu besorgen und mit kleinen Jobs Geld zu verdienen. Und so verlieren sie ihre Kindheit ..."

... sie haben nur eine sehr kurze Phase der Kindheit ...
"... und das ist sehr traurig, sie müssen wirklich viel schneller 'erwachsen' werden."

Ihr Film wurde bei der Berlinale in der Sektion "Generation Kplus" gezeigt und als Kinderfilm angekündigt. Wie schätzen Sie das ein, haben Sie einen Kinderfilm inszeniert?
"Es ist sicherlich ein Film für Heranwachsende, nur die Protagonisten sind Kinder. Natürlich möchte ich, dass möglichst viele Menschen meinen Film sehen, aber es ist absolut kein Kinderfilm. Teenager sollten ihn anschauen, weil er ihnen eindrücklich zeigen kann, wie schwerwiegend der Verlust der Kindheit ist."

Was war bei diesem Film die größte Herausforderung?
"Wahrscheinlich die Filmarbeit mit Kindern."

Haben Sie vorher schon mit Kindern gefilmt?
"Ja, aber eben nicht mit Straßenkindern, die nun mehrere Stunden täglich konzentriert vor der Kamera agieren sollten. Trotzdem habe ich einen Weg gefunden, indem ich immer alles vorher mit ihnen ausführlich besprochen habe. Und auch während der Dreharbeiten hat es immer Pausen gegeben, wenn ich gemerkt habe, dass es für die Kinder eine zu große Belastung werden könnte, denn vierzig Drehtage hintereinander mit konzentrierter Arbeit waren für die Kinder schon eine Herausforderung. Gerade mit Maria war es manchmal schwierig, obwohl wir ein gutes Verhältnis zueinander hatten und sie ihre Sache wirklich hervorragend gemacht hat. Maria ist ein wenig unversöhnlich, aber das hat eben mit ihrem Leben und ihren Erfahrungen zu tun. Iska will einfach ihren Platz im Leben finden, deshalb ist sie auf der Flucht und auf der Suche. Und sie hat einen großen Freiheitswillen."

Interview: Manfred Hobsch

 

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Interviews

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KJK-Ausgabe 111/2007

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