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Ausgabe 124-4/2010

"Das Parfüm der Kindheit"

Interview mit Laurent Tirard, Regisseur der erfolgreichen Adaption von Sempés Kultbuch "Der kleine Nick"

(Interview zum Film DER KLEINE NICK)

Die Geschichten rund um "Le petit Nicolas" sind Kult. Und sie sind längst zu Klassikern des, im weitesten Sinne, Comic-Genres avanciert. Aus der Taufe gehoben wurde die Figur im Jahre 1959, die Geschichten erschienen zunächst in einer französischen Wochenzeitung und in einer Comic-Zeitschrift. Für den Text zeichnete René Goscinny verantwortlich – zusammen mit Albert Uderzo der Vater von "Astérix & Obelix" –, die Zeichnungen lieferte Jean-Jacques Sempé. Ab 1960 erschienen die "Nick"-Geschichten auch in Buchform, mit insgesamt fünf Bänden, und wurden in 30 Sprachen übersetzt. Nun wechselte "Der kleine Nick" die Medien und wanderte vom Buch hinüber auf die Leinwand. Laurent Tirards ("Molière", 2007) gleichnamiger Film lief in Frankreich Ende September 2009 an und wurde mit über 5,5 Millionen Zuschauern zu einem der größten Erfolge des jüngeren französischen Mainstream-Kinos der letzten Jahre.

Monsieur Tirard, einen Kinderbuch-Klassiker zu verfilmen, der als Kult gilt, zudem von Goscinny und Sempé erdacht wurde – das dürfte keine geringe Herausforderung gewesen sein.
Laurent Tirard: "Genau die Herausforderung war es, die mich interessiert hat. Und eigentlich hatte ich auch nicht wirklich Angst davor, doch als ich Menschen erzählt habe, dass ich an der Adaption von ‘Le petit Nicolas’ sitze, reagierten alle mit einem ‘Oh, das ist ja gewagt, weißt du, was du da machst?’. Ich versuchte, mir darüber mehr bewusst zu werden, und auch, was die Leute erwarten würden, was sie sehen wollen würden, und was nicht. Ich arbeitete mich dabei sehr in das Universum von Goscinny und Sempé ein, las die Biografie von Goscinny, analysierte, sezierte gewissermaßen die Figur des kleinen Nick. Ich denke dabei, die einzige Art und Weise, einen Film machen zu können, ist, ihn nach seinem eigenen Geschmack zu machen. Ich habe ‘Den kleinen Nick’ so gemacht, wie ich ihn sehe."

Dennoch hat Anne Goscinny, Tochter des verstorbenen Autors, die bei Ihrem Film als Drehbuchberaterin fungierte, sicherlich ein gehöriges Wort mitgesprochen.
"Ja, natürlich. Ich schrieb am Drehbuch, und mal gefiel den Produzenten etwas, mal nicht. Dabei wusste ich immer, was ich erzählen wollte und musste nichts rechtfertigen. In Bezug auf Anne Goscinny hatte ich Rechenschaft abzulegen, denn da war jemand, der sagte: ‘Ah, nein, das wird dem Geist der Sache nicht gerecht – dies kann man machen, das kann man nicht machen.’ Das war ein sehr enger Rahmen und manchmal war das ziemlich unangenehm. Zugleich fördert solch ein Rahmen mit Hindernissen auch die Kreativität. Sempé wiederum war überhaupt nicht in die Entstehung des Films involviert und hat einzig nach der Besetzung des Nicolas mit dem zehnjährigen Maxime Godart geäußert, dass er ihn sich genauso vorgestellt habe."

Wer ist eigentlich dieser kleine Nick für Sie persönlich?
"Nun, am liebsten würde ich antworten: Der kleine Nick – für mich war ich das selbst. Als ich seine Geschichten als kleiner Junge las, identifizierte ich mich vollkommen mit ihm. Ich war sehr introvertiert und ich stelle mir auch den kleinen Nick mit einem Innenleben reich an Imagination vor."

Ist "Der kleine Nick" heute eigentlich noch aktuell?
"Er war eigentlich schon altmodisch und unmodern, als er in den 60er-Jahren in Buchform erschienen ist, und er erschien als sehr brav, sehr artig. Ich denke, eine Kindheit in den frühen 60ern gehabt zu haben, das dürfte eher dem rauen Lebensgefühl aus François Truffauts ‘Sie küssten und sie schlugen ihn’ entsprochen haben als der Welt des kleinen Nick. Doch die Geschichten um ihn herum sind Märchen, es ist nicht deren Aufgabe oder Absicht, die Realität abzubilden, ganz im Gegenteil. Es gibt hier ja auch keine Gewalt, keine Kriminalität, keine Arbeitslosigkeit, keine Scheidung etc. Es ist eine sehr stabile Welt. Eine Welt, wie sie am ehesten die Kinder selbst sehen. ‘Der kleine Nick’ erzählt diese Welt aus der Sicht eines Kindes. Es liegt ein Parfüm der Kindheit über allem. Und ich glaube, hierin liegt der Erfolg davon."

Interview: Thilo Wydra

 

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Ausgabe 124-4/2010

 

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Interviews

Gaviria, Carlos - "Ich wollte ein Porträt von Kolumbien drehen"| Schmitt, Eric-Emmanuel - "In unseren Städten versteckt man den Tod"| Tirard, Laurent - "Das Parfüm der Kindheit"|

Hintergrundartikel

IEP!| WEIL DER MENSCH EIN MENSCH IST|


KJK-Ausgabe 124/2010

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