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Ausgabe 92-4/2002

ANNA WUNDER

Produktion: Pandora Film Produktion / C-Films AG; Deutschland / Schweiz 2000 – Regie und Buch: Ulla Wagner – Kamera: Jolanta Dylewska – Schnitt: Lilo Gerber – Musik: Thomas Osterhoff – Darsteller: Alice Deekeling (Anna Wunder), Renee Soutendijk (Sophie Wunder), Stephan Dellgrün (Rolli Wunder), Marlon Kittel (Micky), Filip Peeters (Fritz) u.a. – Länge: 98 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Basis (35mm) – Alterseignung: ab 12 J.

In einer deutschen Kleinstadt zu Beginn der sechziger Jahre wächst die elfjährige Anna alles andere als behütet auf. Immer den quengeligen Bruder im Schlepptau, muss sie sich zunehmend um ihre allein erziehende, ebenso temperamentvolle wie labile Mutter Sophie kümmern, die ihre Sorgen allzu oft im Alkohol ertränkt. Anna wünscht sich nichts so sehr wie einen Vater, doch der ist angeblich schon lange tot. In diesem merkwürdigen Sommer überschlagen sich die Ereignisse: Der Nachbar Fritz stellt sich als Annas Onkel heraus und beginnt, um die Mutter zu werben. Und der halbwüchsige Micky macht Anna schöne Augen. Doch dann kommt alles anders als gedacht. Kurz bevor Sophie stirbt, beichtet sie der Tochter, dass der Vater Fritz doch noch lebt – irgendwo in Frankreich. Anna macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach ihm.

Das Kleinstadtdrama der Kinodebütantin Ulla Wagner hat seine Stärken in der treffenden Darstellung des kleinbürgerlichen Miefs der Adenauer-Ära und in der souveränen Kameraführung der renommierten polnischen Kamerafrau Jolanta Dylewska. Sie können jedoch unplausible Wendungen des Drehbuchs, klischeehafte Figurenzeichnungen und Schwächen in der Schauspielerführung nur partiell ausgleichen. Die doppelte Sehnsucht von Mutter und Tochter – die eine sucht einen neuen Mann, die andere den vermissten Vater – ist das dramaturgische Kernstück, das mit allerlei Nebenhandlungen ausgeschmückt wird. Der soziale Niedergang der alkoholkranken Mutter verläuft zur Enttäuschung des Publikums dabei jedoch genauso stationenhaft und vorhersehbar wie das schrittweise Erwachsenwerden der pubertierenden altklugen Heldin, die allzu flott und konfliktarm sämtliche Probleme zu meistern scheint. Die Plausibilität der melodramatischen Verwicklungen wird überdies ziemlich strapaziert, wenn Anna ohne nennenswerte Französischkenntnisse den verlorenen Vater im entfernten Frankreich auf eigene Faust aufzuspüren versucht. Der bisher vor allem mit Kurzfilmen hervorgetretenen Regisseurin gelingt es leider nur partiell, Renee Soutendijk von ihrem Hang zu Übertreibungen bei der Darstellung der seelisch haltlosen Mutter abzuhalten.

Ulla Wagner hat sich mit ihrem Langfilmdebüt einiges vorgenommen, ein Kino-Wunder will sich wegen der weitgehenden Orientierung an gängigen TV-Mustern aber nicht einstellen. Gleichwohl gewann der Film, der bereits vor zwei Jahren fertig gestellt wurde, beim Filmfestival "Reel to Real" im kanadischen Vancouver den Youth Jury Award.

Reinhard Kleber

 

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Ausgabe 92-4/2002

 

Filmbesprechungen

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