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Ausgabe 92-4/2002

GROSSE MÄDCHEN WEINEN NICHT

Produktion: Deutsche Columbia Pictures Filmproduktion / Egoli Tosselt Filmproduktion; Deutschland 2001 – Regie und Drehbuch: Maria von Heland – Kamera: Roman Osnin -Schnitt: Jessica Congdon – Musik: Niclas Frisk, Andreas Mattsson – Darsteller: Anna Maria Mühe (Kati), Karoline Herfurth (Steffi), Josephine Domes (Tessa), Tillbert Strahl-Schäfer (Klaus) – Länge: 92 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Columbia Tristar (35 mm) Altersempfehlung: ab 14 J.

Seit die Sony-Tochter Deutsche Columbia 1998 ihre deutsche Produktionsabteilung gründete, hat sie einiges vorzuweisen. Mit "Anatomie" brachte sie 2000 den erfolgreichsten deutschen Film überhaupt in die Kinos und mit "Was tun, wenn's brennt?" erzielte sie immerhin einen Achtungserfolg bei der Kritik, auch wenn der Film an der Kasse durchfiel; unverdient, wie ich hier bemerken möchte. Was diese Produktionen vor allem auszeichnete, war der Wille, ein jugendliches Publikum anzusprechen und dabei dennoch gutes Kino zu machen und sich nicht in die – wenn auch erfolgreichen – Niederungen von Machwerken wie "Harte Jungs" zu begeben. Auch "Große Mädchen weinen nicht" ist ein solcher Film geworden.

Schon seit ihrem sechsten Lebensjahr sind die 17-jährige Kati und die gleichaltrige Steffi die besten Freundinnen, vielleicht gerade weil sie aus unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Denn Katis Eltern haben andauernd Streit und zudem ein Problem damit, dass ihre Tochter langsam erwachsen wird, sich stylt und erste Beziehungen zu Jungs hat. Ganz anders bei Steffi. Ihre Eltern scheinen so was wie Traumeltern zu sein, lieben sich immer noch und lassen ihrer Tochter viel Freiheit. Doch als die zwei eines Abends in einem Szeneladen entdecken, dass Steffis Vater eine Geliebte hat, bricht für Steffi diese heile Welt zusammen. Sie glaubt ihre Verletzung nur durch Rache heilen zu können. Rache an ihrem Vater, dessen Freundin und wenn's sein muss, sogar an deren Tochter Tessa. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Sie finden heraus, wo die Geliebte wohnt und aus harmlosen Streichen werden lebensgefährliche Pläne. Es beginnt mit dem Verkleben des Türschlosses; dann schicken sie Tessa zu einem Pornoproduzenten, dessen Adresse sie von ihrer Schulkameradin Yvonne haben. Doch Kati hat Gewissensbisse, ihr ist unwohl bei dem Gedanken, der an dem Ganzen völlig unschuldigen Tessa eine solche Falle zu stellen und kann Tessa gerade noch davor bewahren, vergewaltigt und vielleicht sogar ermordet zu werden. Doch Steffi hat sich inzwischen so in ihre Rachepläne verrannt, dass sie jedes Maß verloren hat. Sie fühlt sich von Kati verraten, also wird auch diese Ziel ihres blindwütigen Zorns, bis sie sich am Ende ganz allein auf der Welt fühlt und nur noch einen Ausweg sieht: Selbstmord. Doch Kati lässt sie nicht im Stich.

Das klingt zunächst einmal sehr konstruiert. Doch obwohl Maria von Helands Kinodebüt reichlich Probleme aufhäuft, betreibt sie die Entwicklung ihrer Figuren konsequent bis zum bitteren Ende. Auch wenn der Beginn etwas langatmig, zuweilen fast schwerfällig wirkt und man lange Zeit das Gefühl nicht los wird, die Filmemacherin interessiere sich nicht wirklich für ihre Figuren, so distanziert erscheint einem alles, gewinnt der Film in der zweiten Hälfte deutlich an Kraft und Geschwindigkeit. Vielleicht gerade in dem Maße, in dem sich das Schwergewicht und die Erzählperspektive immer mehr von Steffi zu Kati verlagert. Anna Maria Mühe in ihrem ersten Film und die bereits aus "Crazy" und "Küss mich, Frosch" bekannte Karoline Herfurth sorgen dabei durch ihr intensives, aber unaufgeregtes Spiel genauso für die stets authentisch wirkende Atmosphäre wie der Soundtrack aus angesagter Popmusik. Wobei hier wie auch in der gesamten Erzählweise immer erkennbar bleibt, dass man sich zwar den Jugendlichen, ihrer Welt und ihrer Musik nähern will, die Filmemacherin es aber konsequent vermeidet, sich anzubiedern. Kein Meisterwerk, aber ernstzunehmendes Kino für Kids, das sein Publikum nicht für dumm verkaufen will und dennoch unterhalten möchte. Und davon gibt es auch hierzulande nicht allzu viel.

Lutz Gräfe

 

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