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Ausgabe 106-2/2006

HÄNSEL UND GRETEL – 2006

Produktion: Kinderfilm GmbH / ZDF / Moviepool; Deutschland 2006 – Regie: Anne Wild – Drehbuch: Peter Schwindt, nach dem Märchen der Brüder Grimm – Kamera: Wojciech Szepel – Schnitt: Dagmar Lichius – Musik: Mari Boine – Darsteller: Sibylle Canonica (Hexe), Johann Storm (Hänsel), Nastassja Hahn (Gretel), Henning Peker (Vater), Claudia Geisler (Stiefmutter), Erzähler (Stimme): Christian Steyer u. a. – Länge: 78 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Telepool GmbH, e-mail: hertel@telepool.de – Altersempfehlung: ab 8 J.

Um es vorwegzunehmen, ich halte das dreistrophige, populäre Kinderlied von "Hänsel und Gretel" (trad., 19. Jht.) nach wie vor für die gelungenste Transformierung des gleichnamigen Märchens der Brüder Grimm (1810) in eine andere Kunstform, das die beiden vor allem einer Familie Wild aus Kassel verdankten und später (1843) mit Passagen aus dem Elsässischen erweiterten. Das Liedchen schildert getreulich die Vorgänge und verbleibt – anders und trotzdem – im Duktus der Vorlage. Vor allem ironisiert es auf feine, kindlich verständliche Weise, die nicht gerade, gelinde gesagt, feinen Ereignisse, besonders das eine, ohne sie zu verkleinern. Die heitere Melodieführung gestattet Nähe und Abstand zugleich.

Beides – Ironie und Heiterkeit – ist in der vorliegenden Filmadaption nicht zu erkennen. Sie wären mögliche Zugänge zum Märchen gewesen (siehe Engelbert Humperdincks Oper). Stattdessen kommt der Film schwergewichtig, fast depressiv, düster daher, aller Ausleuchtung zum Trotz. Zu direkt, zu pur wird die Fabel ins Bild gesetzt, mit sichtlichem Aufwand zwar, aber auch immer erkennbar, wo ihm – ökonomische – Grenzen gesteckt wurden, beim Pfefferkuchenhaus zum Beispiel. Alles ist wie bei den Grimms und alles ist anders – fremd. Die Kamera (Wojciech Szepel) zeigt gern in Slowmotion bei Empörung, Erschrecken und Entdecken, was sie kann. Der Schnitt (Dagmar Lichius) unterstreicht dies effektvoll, aber auf die Dauer ermüdend im ewigen Wechsel von Totale auf Detail und umgekehrt. Der Beleuchter (Mathias Beier) illuminiert geradezu festlich den (deutschen) Märchenwald. Musik und Gesang der Norwegerin Mari Boine unterstreichen das Voodoo-Ambiente nicht nur vorm Hexenhaus mit Knochenbäumchen (Szenenbild: Martina Brünner). Auf den Erzähler (Christian Steyer) ist Verlass; wenn's dramaturgisch ruckt und zuckt und nicht recht vorwärts gehen will, kommt er ganz konventionell zum Einsatz. Nicht der Märchenton, der Grusel dominiert.

Die Grimms sind anwesend und doch nicht da. Die Poesie war eingeladen, aber wollte sich nicht einstellen. Gretel bestätigt es gleich zweimal: "Es ist alles so schrecklich!" und "Es ist wie verhext!" Stimmt. Auf Fabelerweiterungen, wie die Entdeckung der Hexe und ihres Vorhabens, hätte Autor Peter Schwindt gut und gern verzichten können, um dafür mehr – vielleicht innovative – Kreativität auf die leidige Ofenszene zu verwenden. Die ist nun wirklich zum Gruseln, wenn sie nicht so lächerlich wäre in ihrer Plumpheit: inszenatorisch, darstellerisch, bildlich. Und es weckt schlimme Assoziationen, bestätigt Vorurteile gegenüber diesem und den "grausamen" (deutschen) Märchen bzw. negative Urteile zu ihrer Verfilmung (Genschow und Janssen, beide 1954, sowie "Simsala Grimm" 2002 u. a.).

Jedes Kind kennt "Hänsel und Gretel". Umso mehr sorgen winzige Veränderungen, Zusätze, Fehlgriffe für Irritationen: der Vater, nicht die Stiefmutter verteilt nunmehr das Brot als Wegzehrung, die Hexe ist nicht mehr "eine steinalte Frau", die Holzhacker-Kinder essen artig mit Messer und Gabel und wissen um den Gebrauch des Waschgeschirrs, an Hänsels Stahlkäfig glänzen die Schweißnähte. An den Schauspielern – Claudia Geisler als Stiefmutter, Henning Peker als Vater und Sibylle Canonica als Hexe – soll nicht gezweifelt werden, wohl aber ist Zweifel anzumelden, ob ihnen genug Möglichkeiten eingeräumt, geschaffen wurden, ihre Fähigkeiten spielend zur Schau zu stellen, anstatt weitgehend verbittert, verhärmt bzw. eben verhext zu agieren.

Im Werbematerial zum Film waren die werbenden Sätze zu lesen: "Das poetische Drehbuch orientiert sich an der literarischen Vorlage der Gebrüder Grimm. Die klassische Umsetzung macht das Märchen in seiner ursprünglichen Gestalt erlebbar." Vier Messlatten. Leider drei gerissen.

Joachim Giera

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 107-2/2006 - Interview - Den Kindern ihr Märchen geben

 

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Ausgabe 106-2/2006

 

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Hintergrundartikel

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