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Ausgabe 114-2/2008

"Die Situation in den Favelas ist nach wie vor hoffnungslos"

Gespräch mit Paulo Morelli, Regisseur und Drehbuchautor der brasilianischen Produktion "Cidade dos homens" (City of Men)

(Interview zum Film CITY OF MEN)

KJK: Sie kennen ja sicher "Tropa de Elite" von Ihrem jüngeren Landsmann José Padilha, der hier im Wettbewerb der Berlinale aufgeführt wurde und zeigt, wie eine Spezial-Einheit der Polizei die brutale Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro mit ebenso brutaler Gewalt zu bekämpfen versucht und daran scheitert. ("Tropa de Elite" wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet – Anm. d. Red.) Der Film spielt – zum Teil mit den gleichen Schauspielern und Statisten – an denselben Schauplätzen wie Ihr Film, aber im Gegensatz zu Padilhas absolut deprimierender Bestandsaufnahme entlassen Sie Ihre Zuschauer mit der Hoffnung, dass die Freunde Ace und Wallace der Hölle der "City of Men" tatsächlich entkommen können, Freundschaft auch unter extremsten Bedingungen möglich ist und Ace die Verantwortung für seinen Sohn übernimmt.
Paulo Morelli: "Dass sich die Väter um ihre Söhne kümmern, wäre eine Möglichkeit zur positiven Veränderung der Zustände in den Favelas, weil die meisten Kinder hier ohne Vater aufwachsen, ohne die Vermittlung von deren Wissen und Bewusstsein, ohne eigene Identität und Kenntnis ihrer Vorfahren. Da sie aber doch Vorbilder brauchen, rücken die Drogenbosse an die Stelle der Väter. Übrigens haben auch unsere beiden Hauptdarsteller ihre Väter niemals gesehen. Metaphorisch kann ich im Film also durchaus eine Lösung darin sehen, dass Väter die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Aber das ist rein bildlich gesprochen und keine reale Aussage über die Gesellschaft. Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es für diese Hoffnung leider keinerlei Anhaltspunkte, keinen noch so geringen Fortschritt. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Da gibt es drei Haupt-Gangs, die um die Vorherrschaft in den Favelas von Rio kämpfen. Sie töten sich gegenseitig, erringen die Macht und verlieren sie wieder, jeden Tag findet dort Krieg statt, ein sich ständig erneuernder Krieg. Ja, das ist wirklich eine trostlose Geschichte, die niemals endet."

Was geschieht mit den unschuldigen Opfern? Was wird zum Beispiel aus der Großmutter, deren Haus im Film abgefackelt wurde?
"Die Gewalt greift in das Leben aller Menschen dort ein, egal, ob sie nun selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt sind oder nicht. Wahrscheinlich bleibt die Großmutter obdachlos, weil sie nicht weiß, wo sie hingehen kann; vermutlich wird sie betteln gehen müssen. Auch das passiert ja andauernd und niemand ist da, der sich um die Opfer dieser alltäglichen Gewalt kümmert. Der Regierung sind diese Menschen egal, sie macht jedenfalls keinerlei Anstalten, die Realität in den Favelas zu ändern und diesen Gemeinwesen zu helfen. Wer hier geboren wird, steckt in der Falle. Es gibt keinen Ausweg. Mich, der ich selbst total anders aufgewachsen bin, macht das sehr traurig!"

Soweit ich weiß, arbeiten Sie seit 2003 als Regisseur und Drehbuchautor an der gleichnamigen Fernsehserie "City of Men" mit, die Ihr Produzent Fernando Meirelles nach dem großen Erfolg seines berühmten, vielfach ausgezeichneten und für den Oscar mehrfach nominierten Films "City of God" ins Leben gerufen hat. In bislang 19 Folgen wird seither das Leben in den Favelas von Rio im Fernsehen gezeigt und nun haben Sie den zweiten Film darüber gedreht. Hatte dieses große Projekt denn keinerlei Einfluss auf die Regierung?
"Nein, die Situation in den Favelas ist nach wie vor hoffnungslos. Natürlich möchten wir mit unserer Arbeit unser Land aufrütteln. Wir wünschen uns, dass die Regierung darüber nachdenkt, wie die Menschen in den Favelas leben und sich um sie kümmert. Wir wollen, dass sie die Lebenssituation dort beobachtet, kontrolliert, was in diesen Gemeinschaften passiert, und dass sie Geld ausgibt für Schulen und Sozial-Programme. Aber ich sehe keine ernst zu nehmenden Anstrengungen, diese sozialen Konflikte zu entschärfen, geschweige denn, sie zu lösen."

Ist das nicht sehr frustrierend?
"Natürlich. Ich würde lieber in einem besseren Land leben, ich meine, ich würde mir wünschen, dass mein Land besser wäre und ich mit meiner Arbeit für meine Landsleute in den Favelas mehr erreichen könnte als bloß auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ich würde auch gern über andere Sachen sprechen, schönere Geschichten erzählen, aber solange es keine Veränderung in der Sozialpolitik gibt, muss man eben darüber reden. Dabei gibt es so viel Schönheit in unserem Land und die jungen Leute in den Favelas haben so viel brach liegende Kraft und Energie, die sich, wenn sie nicht anders kanalisiert wird, notgedrungen gegen unsere Gesellschaft richtet."

Sie kennen viele Ihrer Darsteller jetzt über einige Jahre ...
"Ja, und es ist schön zu beobachten, wie sie von Kindern zu jungen Männern werden, welche Fortschritte sie nicht zuletzt durch die Arbeit als Schauspieler machen und dass sie Beziehungen zu uns aufbauen. Ich genieße es sehr, mit Douglas, also dem Darsteller von Ace, hier in Berlin zu sein und ihm zum Beispiel ein Museum zu zeigen."

Sind Sie eigentlich gebürtiger Brasilianer?
"Ja, aber meine Wurzeln sind europäisch. Meine Großeltern waren Russen, 1922 flohen sie vor der Revolution, verbrachten zwei Jahre in der Türkei und sind dann nach Brasilien ausgewandert. Meine Mutter wurde schon in Brasilien geboren. Väterlicherseits stamme ich wiederum von Portugiesen und Italienern aus der Gegend zwischen Mailand und Turin ab. Ich wurde 1956 in Sao Paulo geboren und habe mit großer Spannung zugehört, wenn mein Großvater erzählte, wie es vor der Revolution in Russland war. Ich hab mir das alles bildhaft vorgestellt.
Als ich zwölf Jahre alt war, hat mir mein Vater eine 8mm-Kamera geschenkt, die ihm jemand als Honorar für seine Dienste als Rechtsanwalt angeboten hatte. Ich war überglücklich. Trotzdem habe ich nach der Schule erst Architektur studiert – genau wie Fernando Meirelles, mit dem ich 1981 unsere erste unabhängige Filmgesellschaft gegründet habe. Wir arbeiten nun schon seit 26 Jahren zusammen. Abgesehen von den Fernseh-Arbeiten an 'City of Men' habe ich etliche Werbefilme, eine Fernseh-Serie, einige Kurzfilme und zwei Spielfilme gedreht, die auch Auszeichnungen auf Festivals erhielten. Dies ist nun mein dritter Film und im Moment arbeite ich an mehreren Drehbüchern gleichzeitig. Es ist aber noch zu früh, mehr darüber zu sagen."

Mit Paulo Morelli sprach Uta Beth

 

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