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Ausgabe 121-1/2010

WENN DIE WELT UNS GEHÖRT

Produktion: Lichtblick Köln / Berlin, ZDF und Arte; Deutschland 2009 – Buch und Regie: Antje Kruska, Judith Keil – Kamera: Marcus Winterbauer – Schnitt: Inge Schneider – Musik: Beckmann – Darsteller: Christian Blümel (Marco), Vincent Krüger (Richy), Willi Gerk (Tom), Ceci Schmitz-Chuh (Nicole), Nicholas Bodeux, Katharina Derr, Benjamin Erdmann, Karina Fallenstein u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – Vertrieb: Lichtblick Film, e-mail: gottschalk@lichtblick-film.de – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der Film versucht eine Annäherung an das Thema Satanismus, wobei es weniger um die Faszination und die Gefahren des Kults, sondern mehr um die Charaktere von betroffenen Jugendlichen geht. Schauplatz ist eine ostdeutsche Kleinstadt. Die Protagonisten sind drei Außenseiter: Marco (18), der in einer Wurstfabrik arbeitet und von seinem Job frustriert ist, Richy (16), der in der Schule gemobbt wird, und Tim (16), der aus Westfalen kommt und neu hinzugezogen ist. Marco ist es, der mit seiner Vorliebe für asiatische Kampfsportarten und asketische Lebensweise den Ton angibt. Seine Obsessionen gelten obskuren Satansvisionen und er kann die labilen Jungen Richy und Tim zum Gläserrücken bewegen. Er überzeugt sie davon, dass auch sie von Satan als seine Krieger beim Kampf um die Weltherrschaft auserwählt wurden. Beflügelt von den Machtfantasien fühlen sich die Drei immer stärker und kompensieren damit ihre zunehmende Isolation. Zuhause fehlt es an Bindung und Zuwendung, die Abgrenzung von anderen Jugendlichen führt zu gewalthaltigen Konflikten. Doch bald müssen Marco, Richy und Tim erleben, wie ihr selbst gezimmertes Weltbild an Grenzen stößt, die mit der Alltagsrealität nicht mehr vereinbar sind. In die Enge getrieben, entwickelt Marco die riskante Idee, in Satans Welt hinüber zu wechseln, um von dort aus besser agieren zu können. Trotz einiger Zweifel fangen die beiden anderen an, diese Vision ernst zu nehmen und steuern dabei unausweichlich auf ein tragisches Ende zu.

Die Filmemacherinnen Judith Keil und Antje Kruska sind preisgekrönte Dokumentarfilmerinnen, die überwiegend fürs ZDF/Das kleine Fernsehspiel gearbeitet haben. "Wenn die Welt uns gehört" ist ihr gemeinsames Spielfilmdebüt und handelt davon, wie unspektakulär und beinahe beliebig sich drei verunsicherte Jugendliche aus Durchschnittsfamilien in Gewalt- und Allmachtsfantasien verlieren. In ihrer Vision von der Weltherrschaft Satans erfahren sie eine Selbstaufwertung und Sinnstiftung, nach der sie sich immer gesehnt haben. Nachvollziehbar für die Zuschauer des Films sind die Motive von Richy, dem es an Anerkennung fehlt, und Tim, der sich nur schwer anpassen kann und den seine betuchten Eltern in einem Internat unterbringen wollen. Marco ist der Älteste in der Clique und damit ein Vorbild. Aber seinem (Film-)Charakter fehlt es an Profil und Überzeugung. Die Tatsache, dass ihn sein Zuhause anödet und er jeden Tag am Fließband steht und Würstchen (!) in Gläser steckt, reicht als Erklärung für seinen Satanskult nicht aus. Die Figuren bleiben eindimensional und das Kleinstadt-Ambiente ist Klischee beladen. "Wenn die Welt uns gehört" ist kein Film für die große Leinwand, sondern formatgerecht für das kleine Fernsehspiel inszeniert. Für die außerschulische Medienarbeit mit Jugendlichen über "Satanismus" und andere totalitäre Strömungen ist er jedoch ansatzweise geeignet.

Horst Schäfer

 

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Ausgabe 121-1/2010

 

Inhalt der Print-Ausgabe 121-1/2010|

Filmbesprechungen

7 ODER WARUM ICH AUF DER WELT BIN| GARGOYLE| HACHIKO – EINE WUNDERBARE FREUNDSCHAFT| HIER KOMMT LOLA!| KEINE ANGST| DIE KINDER VON TIMPELBACH| KÜSS DEN FROSCH| DAS ORANGENMÄDCHEN| ORPS – THE MOVIE| PLASTIC PLANET| VORSTADTKROKODILE 2| WENN DIE WELT UNS GEHÖRT| WIE DURCH DUNKLES GLAS| WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN|

Interviews

Egan, Kelsey - "Solange ein Film auch wirklich gesehen wird, bewirkt er etwas"| Grünberg, Cornelia und Heiko Merten - Rückwärts ist kein Weg – Schwanger mit 14| Starost, Antje und Hans Helmut Grotjahn - "Die Entdeckung des Gesprächs"| Wiehle-Timm, Heike - "Größere Toleranz wäre schön"|

Filme in der Diskussion

MAHEK| SNOW|


KJK-Ausgabe 121/2010

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