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Ausgabe 134-2/2013

OSTWIND

Bild: OSTWIND
© Constantin Film

Produktion: SamFilm / Constantin; Deutschland 2013 – Regie: Katja von Garnier – Buch: Lea Schmidbauer, Kristina Magdalena Henn – Kamera: Torsten Breuer – Schnitt: Dirk Grau – Musik: Annette Focks – Darsteller: Hanna Binke (Mika), Marvin Linke (Sam), Cornelia Froboess (Maria Kaltenbach), Tilo Prückner (Herr Kaan), Nina Kronjäger (Elisabeth Schwarz), Jürgen Vogel (Philipp Schwarz), Marla Menn (Michelle), Henriette Morawe (Tinka), Detlev Buck (Dr. Anders) u.v.a. – Länge: 105 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Constantin – Altersempfehlung: ab 10 J.

Ein Unglück kommt selten allein: Mika ist wütend, weil sie nicht versetzt wird. Das Feriencamp kann sie vergessen, Pauken und Büffeln stehen auf dem Programm. Die Eltern schicken ihre Tochter in den Sommerferien zur gestrengen Großmutter auf das Pferdegestüt Kaltenbach. Hier haben alle zu spuren und tun es auch. Nur Mika nicht und ein unruhiger Hengst, den sie in der hintersten Stallecke entdeckt. Das Mädchen fühlt sich mit dem eingesperrten Tier solidarisch, öffnet das Vorhängeschloss, geht hinein und legt sich ins Stroh, neugierig vom Tier beschnuppert. Was Mika nicht weiß, aber der Zuschauer: Dieses schöne schwarze Pferd mit dem Namen Ostwind hat sich den rigiden Dressurmethoden der Großmutter widersetzt und die einst preisgekrönte Turnierreiterin so schwer verletzt, dass sie nicht mehr reiten kann. Das bedeutet das Todesurteil für den wilden Hengst – er soll geschlachtet werden. Die Aufregung ist groß, als Mika in friedlicher Eintracht mit dem hochgefährlichen Pferd entdeckt wird. Sam, der junge Stallbursche, wird von der Großmutter mit der Aufsicht ihrer Enkelin beauftragt. Mika hat ihn bald auf ihre Seite gezogen. Beruhigend auf das Pferd einredend, sich ihm immer wieder furchtlos nähernd, bekommt das rothaarige Mädchen zunehmend Kontakt zu ihm. Sams Großvater,  als Trainer wegen seines einfühlsamen Trainingsstils entlassen und am Rande des Guts in einem selbst geschaffenen Paradies lebend, erkennt das höchst seltene Talent Mikas. Sie, die aus der Stadt kommt und noch nie zuvor mit einem Pferd zu tun hatte, ist eine wahre Pferdeflüsterin! Unter seiner Anleitung lernt Mika, was es alles braucht, um ein wildes Pferd zu zähmen, es sogar ohne Sattel zu reiten. Für die Schule hingegen lernt Mika nichts, denn sie hat erstmals in ihrem Leben ein richtiges Ziel: Sie möchte mit Ostwind am bevorstehenden Reitturnier teilnehmen und schafft es, alle zu überraschen. Es passieren noch schrecklich aufregende, dramatische Dinge, bis Mika und Ostwind unzertrennliche Freunde sein dürfen.

Als der Produzentin Ewa Karlström das Drehbuch von "Ostwind" vorlag, dachte sie gleich an ihre Kommilitonin und langjährige Freundin, die Regisseurin Katja von Garnier, mit der sie einst den Hochschulfilm "Abgeschminkt!" (1993) produziert hatte – damals ein echter Überraschungserfolg. Das so gut wie fertige Drehbuch gefiel ihr auf Anhieb, "ein echter Glücksfall", wie die Regisseurin sagt. Ein ebensolcher Glücksfall ist Hanna Binke als Mika. Auch die übrigen Rollen sind ideal besetzt. Cornelia Froboess als Frau von Kaltenbach spielt diesmal, im Gegensatz zu manch anderem Kinderfilm, in dem sie mitwirkte, zurückhaltend, ebenso Tilo Prückner als komischer Kauz mit Herz und Verstand und Jürgen Vogel als verständnisvoller Vater.

Star jedoch ist die 14-jährige Hanna Binke, das Mädchen aus Berlin, das vorher noch nie auf einem Pferd gesessen hat. "Rückblickend war es von Vorteil, dass sie keine Erfahrung mit Pferden hatte", so die Produzentin, "das entspricht ja der Figur, die sie zu spielen hatte. Entsprechend machte Hanna die gleiche Entwicklung durch wie Mika." Sie hat Reiten gelernt und kann überzeugend darstellen, was die Rolle ihr abverlangt: Verwegenheit, Verzagtheit, Wut, Traurigkeit, Freiheitsdrang und unbändiges Glück. "Ostwind" ist mehr als ein Pferdefilm mit und für Mädchen. Auch wer noch nie auf einem Pferd gesessen, geschweige denn von der Freundschaft zu diesem großen Tier geträumt hat, wird mitgenommen von Mika, die an die eigene Kraft glaubt und alles gibt, um ihr Ziel zu erreichen. Sie hält die Zügel fest in der Hand und man ist fasziniert von diesem Sommer-Ferien-Abenteuer. Katja von Garnier inszeniert diese außergewöhnliche Freundschaft zwischen Mensch  und Tier mit großer Empathie, frei von Kitsch, Klamauk und Rührseligkeit und ohne die sonst in Kinderfilmen gern überdrehten Albernheiten, in denen Erwachsene sich lächerlich machen zur Schadenfreude der Kinder.

"Ostwind" ist kein verfilmtes Kinderbuch, sondern ein Originalstoff, zu dem ein Buch erscheinen wird. Eine mitreißende Geschichte, teilweise so spannend, dass es kaum auszuhalten ist, denn der Zuschauer weiß oft mehr als Mika, muss mit ansehen, wie sich das Pferd aufgrund eines Anschlags auf seine empfindlichen Fesseln über die Hindernisse quält. Ist dabei, wie Mika mit Ostwind vor dem Metzger flieht, eingefangen wird und muss miterleben, wie sie zu spät kommt und apathisch im leeren Stall zusammensinkt. Aber da „Ostwind“ ein guter Kinderfilm ist, hat er natürlich auch ein gutes Ende. Der Film ist von der FSK ohne Altersbeschränkung freigegeben, wir empfehlen ihn aber ab 10, weil der Spannungsbogen zwischen Tat und Aufklärung für kleine Kinder zu lange dauert und Mikas zwischenzeitliches Leid doch sehr herzzerreißend ist.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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Ausgabe 134-2/2013

 

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Interviews

Bal, Vincent - "Es ist wie bei einem Kaleidoskop – es gibt viele Facetten und in jeder Geschichte stecken immer noch andere Geschichten"| Dupont-Geisselmann, Alexandre, und Reno Koppe - "Gegen den Werbedruck der Blockbuster kommen wir nicht an"| Mordaunt, Kim - "Wir waren fasziniert von der Lebensfreude und Energie"| Roslaniec, Kasia - "Menschen sind offensichtlich austauschbar"| Westmeier, Inigo - "Man sieht quasi nur rote Punkte!"|

Hintergrundartikel

Für Egon Schlegel|


KJK-Ausgabe 134/2013

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