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Ausgabe 69-1/1997

LAUF, WENN DU KANNST

CLOCKWORK MICE

Produktion: Metronome Production PLC; Großbritannien 1995 – Regie: Vadim Jean – Drehbuch: Rod Woodruff – Kamera: Gordon Hickie – Schnitt: Liz Webber – Musik: John Murphy, David Hughes – Darsteller: Ian Hart (Steve Drake), Ruaidrhi Conroy (Conrad James), Catherine Russell (Polly), Art Malik (Laney) – 96 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Victor Films Company Ltd., 2b Chandos Street, London W1M OEH, Großbritannien, Tel.: +44-171-636 66 20, Fax: +44-171-636 65 11 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Internate, Schulland- und Erziehungsheime waren schon häufig Gegenstand filmischer Darstellung. Der junge Brite Vadim Jean, der 1992 mit dem etwas absonderlichen "Leon The Pig Farmer" debütierte, wirft nun einen weiteren – ebenso ernsten, aber nicht ganz so düsteren – Blick in diese abgeschlossene Institution.

Der idealistische Erzieher Steve Drake wird gleich an seinem ersten Tag in der neuen Welt der Parkwood Schule für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche mit der schmerzhaften Realität seiner Arbeit konfrontiert: Der ältere Schüler Conrad stürzt sich an einer Seilwinde hängend unter dem Gejohle der übrigen in eine 2 CV-"Ente", und kurze Zeit später rastet der kleine Welsey im Klassenzimmer aus, demoliert die Einrichtung und hinterlässt ein Trümmerfeld. Steve fällt die Eingewöhnung nicht leicht, auch wenn der unkonventionelle Direktor und die offene Art vor allem der Kollegin Polly ihm den Einstieg erleichtern. Doch nach und nach findet er einen eigenen Weg zu seinen Schülern, lernt ihre Launen und Ausbrüche zu verstehen, die zumeist das Ergebnis unglaublicher häuslicher Verhältnisse sind, in denen Gewalt und Missbrauch an der Tagesordnung sind. Eine große Hilfe ist ihm seine große Leidenschaft: Das Laufen. Jeden Tag entspannt er sich dabei, hier ist er ganz mit sich allein und findet seine Ruhe wieder. Das Laufen ist es auch, das ihn mit Conrad verbindet, der seine Leidenschaft teilt. Steve pokert hoch, als er ihn zu einem Wettrennen auffordert: Verliert er, verliert er damit auch seine Autorität, gewinnt er, könnte Conrad das zerbrechen. Doch das Unmögliche wird wahr: Die beiden verbindet hinterher eine ganz besondere Beziehung und das Laufen wird für fast alle Schüler zur täglichen Befreiung. Conrad öffnet sich seinem Lehrer und entdeckt die Poesie. Und dank tatkräftiger Vermittlung einer Kollegin und dem freundlichen Drängen seiner Schüler entspinnt sich zwischen Steve und Polly eine Romanze.

Doch die Realität holt die zwei schnell wieder ein: Polly entschließt sich, die Schule zu verlassen, weil sie nicht mehr die Kraft aufbringt, ihr ganzes Leben 24 Stunden am Tag den Schülern zu opfern, und Conrad haut ab, um seinen großen Traum zu verwirklichen. Denn hinter seinem Gedichtband mit dem Titel "42 Stationen" verbirgt sich ein gefährlicher Traum vom "Fliegen" auf dem historischen Zug nach Brighton. Die Verwirklichung dieses Traums unbegrenzter Freiheit wird Conrads Leben kosten, aber Steve ist bereit, seine Entscheidung zu akzeptieren und schützt ihn sogar vor der Polizei. Als er danach die Schule verlassen will, ist es ausgerechnet der kleine Welsey, der ihm die Laufschuhe vor die Füße wirft und am Ende bringen ihn die Kids zu Pollys Hausboot. Ob er bleibt oder geht, lässt der Film dabei bewusst offen ...

Ein starkes Buch, dessen Autor als ehemaliger Lehrer einer solchen Schule genau weiß, wovon er spricht und die Jungen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit abbildet: Denn einerseits sind sie Opfer unvorstellbarer Zustände und wirklich gestört. Andererseits haben sie ein unglaublich spontanes und kreatives Potenzial und können bei aller Trauer und allem Schmerz enorm komisch sein. Unterstützt wird diese Authentizität von den exzellenten Darstellungen vor allem von Ian Hart ("Land And Freedom") und Ruaidrhi Conroy ("Into The West" / "Das weiße Zauberpferd"). Auch die Inszenierung vermag für sich einzunehmen; vor allem in den Lauf-Sequenzen überträgt Jean das Gefühl von entspannter Befreiung in harmonischer Landschaft auf den Zuschauer. Wie überhaupt die subtile, aber eindringliche Kameraführung eine der Stärken dieses Werks ist.

Allerdings ist der Film nicht frei von Mängeln: So fällt auf, dass Mädchen und Frauen so gut wie keine Rolle spielen, obwohl im Heim fast die Hälfte Schülerinnen sind. Hinzu kommt, dass besonders die Romanze zwischen Steve und Polly nicht besonders gut eingearbeitet ist, ja fast nebenher läuft. So schön dann die Schlussidee auch ist, dass die Kids die zwei zusammenführen; es wirkt auf seltsame Weise künstlich und angeklebt.

Und doch besticht der Film insgesamt vor allem durch die uneingeschränkte Parteinahme für die Kids. Und so war das vor allem der Grund, dass die Geschichte der Schüler, die zuweilen wirklich wie Aufziehmäuse erscheinen, beim Kinder- und Jugendfilmfestival in Frankfurt 1996 gleich zweimal ausgezeichnet wurde: Einmal als bester Jugendfilm und zum zweiten von der CIFEJ-Jury.

Lutz Gräfe

 

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Ausgabe 69-1/1997

 

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