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Ausgabe 69-1/1997

DER VATER

PEDAR

Produktion: Centre of Documentary and Experimental Cinema Teheran, Iran 1996 – Regie: Majid Majidi – Buch: Mehdi Shojai, Majid Majidi – Kamera: Mohsen Zolanvar – Schnitt: Hassan Hassandoost – Musik: Mohammad-Reza Aligholi – Darsteller: Mohammad Kasebi, Parivash Nazarieh, Hassan Sadeghi, Hossein Abedini – 96 Min. – Weltvertrieb: Farabi Cinema Foundation, Nr. 55 SIE-TIR AVE., Tehran, Iran, Tel. +9821 678545, Fax +9821 678155 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Ein wunderbares Road Movie aus dem Iran und die Geschichte einer emotionalen und charakterlichen Entwicklung, wie man sie im Kino selten so sorgfältig und liebevoll sieht. So langsam auch nicht, denn Majid Majidis Film nimmt sich Zeit, seinen Personen auf die Spuren zu kommen und sie durch genau beobachtete Reaktionen und Verhaltensweisen zu beschreiben. Wir Zuschauer lernen sie kennen in den eineinhalb Kinostunden, wir können mit ihnen fühlen, denken, handeln.

Der "Vater"-Titel scheint auf den ersten Blick irritierend, geht es doch in dem Film um den Stiefvater (so der Arbeitstitel), mit dem der 14-jährige Mehrollah zurechtkommen muss. Doch in weiterem Sinne ist es natürlich ein Vater-Sohn-Verhältnis, das hier aufgebaut und gelebt werden will, allen zunächst unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten zum Trotz. Und es ist interessant, dass selbst in dem für uns exotischen Ambiente der weiten Wüstenlandschaft und der Bazar-Hektik der Stadt die menschlichen Beziehungen ganz offensichtlich ähnlichen Gesetzen unterworfen sind wie bei uns in Europa oder auch der westlichen Zivilisation, auf die wir so gern so stolz sind ...

Der Film beginnt mit dem Jungen Mehrollah in der Hafenstadt, wo er Arbeit gefunden hatte. Mit dem verdienten Geld will er nun zurück nach Hause zu seiner Mutter und den Schwestern in einem abgelegenen kleinen Dorf. Ein paar Geschenke kauft er ein und freut sich schon auf das Wiedersehen. Doch er wird mit einer für ihn ebenso überraschenden wie schockierenden Neuigkeit konfrontiert: Seine Mutter hat nach dem Tod seines Vaters wieder geheiratet, ausgerechnet den Dorfpolizisten, der die Familie sofort von ihrer bescheidenen Unterkunft in ein geräumiges Haus umquartiert hat. Für Mehrollah ist diese neue Situation wie ein Schlag ins Gesicht, hatte er sich doch bemüht, an Vaters Stelle für die Familie zu sorgen und in der Stadt Geld verdient. Es kommt zum familiären Kriegszustand, er weigert sich, das neue Haus zu betreten und geht auf keinen der Versöhnungsversuche ein, weder auf den seiner Mutter noch auf den des Stiefvaters.

Regisseur Majid Majidi, der auch Co-Autor des Drehbuchs ist, hält phänomenal die Balance der heiklen Situation, indem er durchaus Sympathien für Mehrollahs Verhalten weckt, aber ebenso für die Gegenseite, die Mutter und deren neuen Ehemann, der überhaupt nicht unsympathisch gezeigt wird. Die Wirklichkeit und die Menschen sind eben nicht einfach schwarz-weiß, sondern vielmehr sind es die Grau-Werte in ihrem Facettenreichtum, die Spannung erzeugen, das Leben in Bewegung halten, Emotionen aufwirbeln und in unbekannte, neue Bahnen leiten. Majidis Film bietet unzählige und verschiedene Ansatzpunkte zur Identifikation, er nimmt seine Zuschauer mit auf die Reise ans Ende der Kindheit und an die Schwelle des Erwachsenseins.

Mehrollah, der sich mit einem Freund in der früheren Bleibe der Familie trotzig eingerichtet hat und den Polizisten durch regelrechte feindliche Attacken provoziert, wird plötzlich krank. Der Freund geht zu Mehrollahs Mutter, und die holt ihren Sohn in das neue Heim, um ihn gesund zu pflegen. Doch als es ihm wieder gut geht, hat er nichts Besseres zu tun, als die Waffe des Polizisten zu stehlen, in die Stadt zu gehen und dort seinen früheren Arbeitgeber zur Herausgabe seines noch ausstehenden Lohns aufzufordern. Für den Diebstahl der Waffe will der Polizisten-Stiefvater ihn bestrafen, ihm eine Lektion erteilen. Er fährt dem Jungen nach, doch sein Motorrad gibt auf der Heimfahrt den Geist auf, und die beiden müssen zu Fuß weiter. Jetzt beginnt eine Odyssee durch staubige Landschaft, Wüste, Hitze und Sandsturm, ohne Nahrung und Wasser. Und schon bald ist die Bewährungsprobe für Mehrollah entschieden – der Hilflosigkeit des älteren Mannes kann er nicht ungerührt zusehen.

Es ist diese Ehrlichkeit im Erzählen und Engagement für die Personen, die diesen Film so bemerkenswert machen. Er wagt es, menschlich und völlig unprätentiös zu sein. Und er braucht keine Spezialeffekte, um etwas sehr Spezielles zu sein: das Abenteuer vom Leben und vom Umgang miteinander.

Frauke Hanck

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 83-1/2000 - Interview - "Für mich haben Bilder eine größere Magie als Worte"
KJK 83-1/2000 - Hintergrund - Porträt Majid Majidi

 

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Ausgabe 69-1/1997

 

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