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Ausgabe 93-1/2003

PINOCCHIO

Produktion: Melampo Cinematografica; Italien 2002 – Regie: Roberto Benigni – Buch: Vincenzo Cerami, Roberto Benigni, nach der Geschichte "Pinocchios Abenteuer" von Carlo Collodi – Spezialeffekte: Rob Hodgson – Kamera: Dante Spinotti – Schnitt: Simona Paggi – Musik: Nicola Piovani – Darsteller: Roberto Benigni (Pinocchio), Nicoletta Braschi (Die Fee mit dem blauen Haar), Carlo Giuffré (Geppetto), Peppe Barra (Die Sprechende Grille), Max Cavallari & Bruno Arena (Der Fuchs und die Katze), Franco Javarone (Der Feuerfresser) u. a. – Länge: 111 Min. – Farbe, 35mm – FSK: o. A. (beantragt) – Verleih: Falcom Media Group / Central Film – Altersempfehlung: ab 8 J.

120 Jahre nach der ersten Veröffentlichung in der Zeitschrift "Giornale per i bambini" erfährt die weltbekannte Geschichte einer Holzpuppe ("Storia di un burattino") von Carlo Collodi, die 1883 in Buchform mit dem Titel "Le avventure di Pinocchio" (Pinocchios Abenteuer) erschien, eine wunderbare Wiederbelebung auf der Leinwand. Der italienische Komiker, Schauspieler und Regisseur Roberto Benigni ("Das Leben ist schön") inszenierte und spielte selbst den Pinocchio und erfüllte sich damit einen lang gehegten Wunsch.

Schon die erste Szene bezaubert: Ein Wispern und Rascheln nähert sich, hunderte von weißen Mäusen ziehen eine silberne Kutsche mit einer blauhaarigen Fee und einem Fuhrmann mit Merkmalen eines Pudels durch die italienische Nacht. Am nächsten Morgen wirbelt – von einem blauen Schmetterling auf den Weg gebracht – ein starker Pinienstamm durch den Ort, durch enge belebte Gassen, durch das geschäftige Markttreiben, bringt Ordnungswächter zu Fall und das Volk zum Staunen. Nach dieser turbulenten Ouvertüre landet das Holz geradewegs in Meister Geppettos Werkstatt. Unter dessen Schnitzmesser entsteht eine Knabenfigur, die bereits im Rohbau ein vorlautes Mundwerk hat. Als "Pinocchio" – wie ihn Geppetto nennt – fertig ist, lässt er sich nicht mehr bremsen. Frech, neugierig und unverbildet, aber voller Liebe für seinen "Vater", zieht es ihn hinaus. Obwohl Pinocchio keine bösen Absichten hat, fügt er seinem Schöpfer ununterbrochen Kummer und Leid zu. Als ständiger Mahner tritt Herr Grille auf, doch der unbändige Pinocchio will nicht auf ihn hören, trachtet ihm nach dem Leben. Die gütige wie nachsichtige Fee (eine wunderbare Rolle für Benignis Frau Nicoletta Braschi) will Pinocchio zu einem verantwortungsvollen und ehrlichen Jungen formen. Immer wieder verspricht er, sich nicht vom rechten Weg abbringen zu lassen, und doch sind die Lockungen und Verführungen immer wieder stärker als Vernunft und Einsicht. Nach lebensgefährlichen Begegnungen und mörderischen Abenteuern auf dem Feld der Wunder, im Land der Einfältigen, in Dummenfang und im Faulenzerland trifft Pinocchio schließlich im Bauch eines Haifischs seinen verzweifelten Vater wieder. Dank der guten Fee wird aus dem leichtsinnigen Pinocchio dann doch noch ein braver Junge, der gern zur Schule geht – sein Schatten macht sich davon, dem blauen Schmetterling hinterher.

Diese "Erziehungsgeschichte" aus den Anfängen der Schulpflicht in Italien erzählt Robert Benigni mit Grazie und Kreativität, sprühendem Temperament und opulenter Ausstattung. Er spielt nicht nur Pinocchio – er ist es. Ein Spitzbube und Faulpelz, ein zappeliger Hampelmann, der sich mitreißen lässt von Stimmungen und Gefühlen, der unschuldig und naiv in jede Falle tappt, der keine Angst hat, bis er in Todesgefahr gerät. Doch kaum ist die Gefahr vorbei, hat Pinocchio sie schon wieder vergessen. Ein Tunichtgut, der aber auch herzzerreißend schluchzen kann, weil er die Liebe in sich hat und damit etwas, was man auf keiner Schule lernen kann. Obwohl die Botschaft der Geschichte – Kinder müssen fleißig in der Schule lernen und brav sein – hochmoralisch daherkommt, preist der "erhobene Zeigefinger" die Lust des Daseins mit allen Konsequenzen.

Der 1952 in der Toskana geborene Roberto Benigni empfand die Figur des Pinocchio schon immer als einen Teil seiner selbst: "In Pinocchio stecken Abenteuer, Schmerz, das tobende Leben, Freude, Verzagen, Grausamkeit, Heldentum und die Liebe. Wunderschön!" Der Film – mit 47 Millionen Euro die teuerste italienische Kinoproduktion – ist nicht zuletzt eine Hommage an den großen Regisseur Federico Fellini, der den vielfach adaptierten Stoff mit Roberto Benigni verfilmen wollte und in ihm den idealen Hauptdarsteller sah.

In Rob Hodgson fand Roberto Benigni, bisher kein Freund von Spezialeffekten, einen adäquaten Gestalter: "Als ich das erste Mal mit Roberto über die Arbeit sprach, gab er mir sehr deutlich zu verstehen, dass es zwar ein Film mit Spezialeffekten werden würde, aber nicht danach aussehen sollte." Das ist gelungen, ebenso wie die Gestaltung der tierischen Weggefährten Grille, Fuchs, Katze und all die anderen, die Pinocchio auf seiner Odyssee ins Menschenleben trifft. Schauspieler mit sparsamen wie originellen tierischen Accessoirs verkörpern die Fabelwesen. Roberto Benignis "Pinocchio", in malerischer toskanischer Landschaft gedreht, ist eine wahre Augenweide und setzt neue Maßstäbe für phantastischen Realismus.

Wir sahen den Film in der italienischen Originalfassung mit (hervorragenden!) deutschen Untertiteln und hoffen sehr, dass die deutsche Synchronisation aus Benignis Pinocchio keinen kreischenden Pumuckl macht.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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