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Ausgabe 103-3/2005

DAF – TAMBOURINE

Bahman Ghobadi, Iran 2004, Beta SP, 45 Min., kurdische OF / engl. UT

Ein kurzer Film über das Herstellen des Tamburin, einer "kleinen, flachen Handtrommel mit Schellen": Genau das konnte ich bei der Pressevorführung des 20. Internationalen Dokumentarfilmfestivals München (DOK.FEST) beobachten. Mit präzise aufgenommenen und chronologisch wiedergegebenen Herstellungsschritten wäre der Film optimal für den Arbeitslehreunterricht. Doch gleichzeitig erfährt man aus dem Film noch viel mehr. Die karge Landschaft Kurdistans, am Schluss die weiße Bergkette – sie haben ihre Rolle im Film. Vor allem geht es um die am Herstellungsprozess Beteiligten: um Kinderarbeit und geschlechtsspezifische Rollen, um fachliche und menschliche Kompetenz bei den Zulieferern und bei der Endfertigung im kleinen Familienbetrieb, um die betriebs- und volkswirtschaftliche Bedeutung der Tamburine, wenn der Aufkäufer sagt, die Kunden würden immer weniger und der Handwerker dagegen hält, Holz und Häute seien teurer geworden.

Schließlich erfährt man auch von einem der Motive, die Produktion auszuweiten: Es geht um die Finanzierung einer Operation, durch die die endgültige Erblindung des kleinen Sohnes Salman verhindert werden soll. Die drei Töchter und der ältere Sohn, die die Stämme und die Häute heim brachten und die bei der Endfertigung behilflich sind – sie sind bereits erblindet oder stark sehbehindert. Am Ende des Films sitzt die Mutter mit Salman auf ihrem Schoß hinter einem Gazevorhang. Lebt das Kind noch? Es scheint sich nicht zu bewegen, nicht zu atmen, der Mund steht weit offen. Draußen verharren die anderen Kinder in erstarrten Positionen und werden respektvoll von der Kamera umfahren. Der Vater und sein Mitarbeiter bewegen sich zum Rhythmus von vier Tamburins, die von Männern geschlagen werden. Sind sie die "Derwische", zu deren Einladung der Arzt geraten hat? Ist es die "Zeremonie", die der Vater plante und für die er ein Schaf schlachtet? Oder ist es ein Requiem?

Christl Grunwald-Merz

 

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Ausgabe 103-3/2005

 

Inhalt der Print-Ausgabe 103-3/2005|

Filmbesprechungen

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Interviews

Endemann, Till - "Malte hat gelernt, in seiner Dunkelheit zu lächeln"| Kravchuk, Andrei - "Unser Film soll Hoffnung vermitteln"| Lian, Torun - "Wenn Du jemanden brauchst, der dir einen Kuss gibt"| Ramezani, Gholamreza - "Man darf nie aufgeben!"| Schuchardt, Friedemann - "Ich war eigentlich immer Pionier"| Siegert, Hubertus - ... von der Stimmung des Films und ihrer eigenen Ausstrahlung als Klasse sehr beeindruckt| Ungureit, Dagmar - "Mit offenem Blick den Märchen neu annähern"|


KJK-Ausgabe 103/2005

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