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Ausgabe 140-4/2014

ACHTZEHN – WAGNIS LEBEN

Bild: ACHTZEHN – WAGNIS LEBEN
© Kinostar Filmverleih

Produktion: 14P Filmproduktion in Koproduktion mit ARD; Deutschland 2012-2014 – Regie: Cornelia Grünberg – Konzept: Cornelia Grünberg, Andreas Grünberg – Kamera: Heiko Merten, Sven Jakob Engelmann – Schnitt: Kai Schmitz, Martin Hoffmann – Musik: Saint Lu, Antje Volkmann – Länge: 89 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: wertvoll – Verleih: Kinostar Filmverleih, Stuttgart – Altersempfehlung:  ab 14 J.

Man hat sich schon gefreut auf ein Wiedersehen mit den starken Protagonistinnen aus Cornelia Grünbergs Dokumentarfilm "Vierzehn – Erwachsen in 9 Monaten" (Filmkritik in KJK Nr. 130-2/2012), die sich, obwohl ungewollt schwanger geworden, gegen alle Widerstände für ihre Kinder entschieden haben. Jetzt sind Fabienne, Lisa, Laura und Steffi achtzehn, ihre Kinder sind gesund, können laufen und sprechen – aber wie geht es ihnen, den jungen Müttern? Stehen sie immer noch zu ihrer Entscheidung oder halten sie sie inzwischen für einen Fehler? Nein, sie stellen sich mutig ihrem stressigen Alltag zwischen Kind, Schule und Ausbildung, versuchen, die vielfältigen Herausforderungen so zu bewältigen, wie es für sie und das Kind richtig ist, und widersetzen sich den Erwartungen der Gesellschaft, die ihnen durch ihren mangelnden Respekt das Leben unnötig erschwert. Das fängt in der Familie an, setzt sich fort bei den Ämtern und hört beim Gericht nicht auf.

Das Schönste an ihrem achtzehnten Geburtstag ist die Tatsache, dass sie nun das Sorgerecht bekommen, dass Steffis Mutter ihrer Tochter das Kind nicht mehr vorenthalten kann, weil sie einen griechischen Freund hat; dass Fabienne in der Disco nicht zittern muss, das Jugendamt auf den Plan zu rufen; dass Laura die Klagen gegen Steven, den Kindsvater, und eine zweite gegen seine Mutter gewonnen und endlich ihr Abitur hat. Für Lisa, die inzwischen mit ihren liebevollen Eltern und Geschwistern auf Hawaii lebt, ist das nicht wichtig. Sie hat noch zwei Kinder bekommen, die ihr ihr neuer Freund angehängt hat. Er wollte sie damit fest an sich binden und als das nicht klappte, wurde er gewalttätig. Lisa wäre lieber zur Schule gegangen.

Sie alle sind enttäuscht von den Kindsvätern, die sich nicht wirklich für ihre Kinder interessieren – Steven will Stella-Luna vor allem für seine Mutter, Steffi ist eifersüchtig, weil der abwesende Vater für Jason eine so große Rolle spielt, Lisa wird von der deutschen Großmutter als Hure beschimpft, und Laura, die unter Versagensängsten und Panikattacken leidet, erklärt, dass sie nie mehr ein Kind von einem Mann will, den sie kennt, wenn überhaupt nur von einem Samenspender, weil es ihr „einfach zu riskant ist, noch einmal um ein Kind kämpfen zu müssen“. Einzig Fabienne lebt schon länger in einer stabilen Beziehung. Sie ist Auszubildende in einer Bäckerei, was ihr Spaß macht, fühlt sich aber in der Berufsschule wie eine Oma.

Cornelia Grünbergs zweiter Kino-Dokumentarfilm über die großartigen jungen Frauen, die im Turbogang erwachsen werden, im Nu durchmachen, wozu andere ein ganzes Leben brauchen – Verliebtheit, Mutterschaft, Beziehungskrisen, Trennungen, Selbstzweifel und einen Alltag, der sie buchstäblich zerreißt – ist noch spannender, emotional noch berührender, noch mehr „aus einem Guss“ als der erste. Nicht nur interessant für die betroffene Altersgruppe, der man in einer solchen Situation mehr gesellschaftliche Unterstützung und Aufklärung über ihre Rechte wünscht.

200 Stunden Material sind zu einem Film komponiert worden, bei dem die emotionale Entwicklung der jungen Mädchen das dramaturgische Gerüst bildet. Er besticht durch die innovative visuelle Gestaltung, die moderne, schnell geschnittene Elemente wie Skype und Facebook gegen langsame, ruhige Filmsequenzen setzt, die eine große Nähe zu den Menschen ermöglichen, ohne je aufdringlich oder bloßstellend zu sein. Es zeigt sich, welche Kreativität freigesetzt wird, wenn eine engagierte Regisseurin, ein vorzüglicher Kameramann wie Heiko Merten und ein durch seine Montage von "Rhythm is it!" bereits mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneter Cutter zugleich die Produzenten des Films sind.

Schon jetzt freut man sich auf die Fortsetzung in zehn Jahren, wenn diese Langzeit-Dokumentation mit "Achtundzwanzig" abgeschlossen wird, zuvor aber schon auf den Film "Zehn – Die Kinder der Kinder" über Valentin, Leyla, Stella-Luna und Jason, die einem inzwischen ebenso ans Herz gewachsen sind.

Uta Beth

 

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Ausgabe 140-4/2014

 

Inhalt der Print-Ausgabe 140-4/2014|

Filmbesprechungen

ACHTZEHN – WAGNIS LEBEN| DIE BIENE MAJA| EIN BRIEF AN MOMO| EINIGE TAGE OHNE MUSIK| JACK| DER JUNGE SIYAR| DER KLEINE MEDICUS – BODYNAUTEN AUF GEHEIMER MISSION IM KÖRPER| DER KLEINE NICK MACHT FERIEN| LAND DER WUNDER| DIE LANGEN HELLEN TAGE| LOLA AUF DER ERBSE| SHANA – THE WOLF’S MUSIC| TABLEAU NOIR – EINE ZWERGSCHULE IN DEN BERGEN| DIE VAMPIRSCHWESTERN 2|

Interviews

Agthe, Arend - „Beim Kinderfilm ist jeder Konflikt, der erzählt wird, existenziell“| Berger, Edward - „Der deutsche Film sollte seinen Blick deutlich mehr auf das Drama des Alltäglichen lenken“| Budweg, Philipp - Stoffe entwickeln, Regisseure wählen, bei der Besetzung mitreden und Geld einsammeln| Jacusso, Nino - „Als Filmschaffender sehe ich meine Aufgabe als Brückenbauer“| König, Ingelore - Kinderfilm GmbH stellt den ersten "besonderen Kinderfilm" her| Kramer, Andreas - „Kinder sollen im Kino für den Film sozialisiert werden“| Verhoeven, Michael - „Die Serie wäre so nicht gemacht worden, wenn in den Redaktionen so gedacht worden wäre wie in der Gesellschaft“|

Filme in der Diskussion

Krempoli - Ein Platz für wilde Kinder|

Hintergrundartikel

Quatsch und die Nasenbärbande| Rico, Oskar und die Tieferschatten| Neues Projekt: Jugend Filmjury der FBW|

Kinder-Film-Kritiken

Filmauswahl "Lucas 2014"|


KJK-Ausgabe 140/2014

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