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Ausgabe 55-3/1993

BAMBI – 1942

Produktion: Walt Disney Productions, USA 1942 – Regie: David D. Hand – Buch: Perce Pearce, Larry Morey, nach dem Roman von Felix Salten – Animations–Überwachung: Franklin Thomas, Milton Kahl, Eric Larson, Oliver M. Johnston – Musik: Frank Churchill, Edward Plumb – Länge: 65 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

51 Jahre nach der Premiere kommt Walt Disneys Rehkitz, zusammen mit dem Vorfilm "The Old Mill", der restaurierten Kopie eines Kurzfilms aus der "Silly Symphony"-Serie, wieder in die Kinos. Auch die "Bambi"-Kopie ist regeneriert, der Ton auf Dolby aufgebessert.

BAMBI ist ein – auch für die Disney-Studios – eher ausgefallener Zeichentrickfilm. Er erzählt nämlich eine weitgehend naturalistische Geschichte, die angereichert ist mit komischen und hochdramatischen Momenten. Es ist ein Film über den Kreislauf der Natur, wobei dieser Kreislauf von einigen Liedern vorangetrieben und erklärt wird. Das hatte neben der dramaturgischen Absicht auch den Vorteil, dass man die Tiere in ihrem Aussehen nicht groß vermenschlichen musste, um ihnen die insgesamt nur 900 Wörter Filmdialog (des Originals) in den Mund zu legen.

Der Film beginnt mit der Nachricht, dass ein neuer Prinz geboren ist, das Rehkitz Bambi. Das ist zunächst jung und unerfahren, aber andere Tierkinder des Waldes, insbesondere das Häschen Klopfer und das Stinktier Blume machen es mit der Welt bekannt. Klopfer animiert Bambi obendrein beim ersten Wintererlebnis dazu, Geh- oder Rutschversuche auf dem Eis zu machen, was eine der komischsten Szenen des Films abgibt. Ein stattlicher Hirsch, von dem Bambis Mutter respektvoll spricht, leitet die Geschicke der Herde, die insgesamt jedoch selten ins Bild gerückt wird. Der Hirsch ist Bambis Vater und Vorbild, denn er versucht, seine Herde vor allen Gefahren zu bewahren. Insbesondere vor einer Gefahr – vor den Jägern, den Menschen.

Menschen sorgen denn auch für die dramatischsten Augenblicke des Films, für die Zerstörung der Idylle. Diese Gefahr wirkt umso nachhaltiger und eindringlicher, als die angreifenden Jäger nie zu sehen sind, einzig ihre Jagdhunde kommen im Bild vor. Bambi entgeht beim ersten Ausflug zusammen mit der Mutter nur mit knapper Not den Verfolgern. Als nach dem Winter die ersten Grashalme aus dem Schnee herausspitzen, greift der Mensch erneut, und sehr massiv, in Bambis Leben ein. Seine Mutter lockt die Jäger hinter sich her. Ein Schuss fällt. Bambi hetzt ins sichere Versteck im Wald, blickt sich um und meint: "Wir sind in Sicherheit." Wenn Bambi danach auf der Suche nach der Mutter immer wieder sein klägliches "Mamma! Mamma?" ins Schneegestöber ruft, stockt dem Betrachter schier der Atem. Der Leithirsch gibt Bambi und dem Zuschauer schließlich die letzte Gewissheit, dass Bambis Mutter nicht wiederkommt.

Aber ehe der Betrachter in morbider Depression versinkt, geht die Geschichte mit einem fröhlichen Frühlingslied weiter. Bambi hat nun schon ein kleines Geweih, und auch die Freunde Klopfer und Blume sind gewachsen. Sie schwören sich, nie etwas für die Liebe übrig zu haben. Aber dann erwischt es zunächst Blume, sodann findet Klopfer eine attraktive Hasendiva und noch ehe Bambi mit Kopfschütteln fertig ist, trifft er auf Feline, die er schon als Kitz einmal kennen gelernt hat. Bambi gewinnt einen Zweikampf mit dem Rivalen um Felines Gunst und zieht mit Feline davon. Noch einmal greift der Mensch in sein Leben ein. Während Bambi die Hundemeute abwehrt und Feline zur Flucht verhilft, aber selbst durch einen Streifschuss verletzt wird, gerät das Feuer im Lager der Jäger außer Kontrolle und setzt den Wald in Brand. Der Leithirsch bringt Bambi dazu, sich aufzurappeln und die Flucht zu ergreifen. Auf einer Insel im Fluss finden sich Bambi und Feline wieder, und auch alle anderen Tiere des Waldes. Am Ende schließt sich der Kreis. Bambi und Feline bekommen Nachwuchs: Zwillinge. Und der Leithirsch zieht sich schweigend in den Wald zurück und lässt Bambi als den neuen Leithirsch zurück.

Walt Disney war begeistert, als er Felix Saltens Naturroman "Bambi" las und machte sich umgehend an die Verwirklichung dieses Projekts, das es ihm ermöglichte, die populären Tier-Nebenfiguren in den Vordergrund zu stellen, die Schneewittchen so erheiternd zur Hand gegangen waren. Allerdings erwies sich das Projekt als schwierig, da Disney darauf bestand, den Film nicht nur stimmungsvoll, sondern auch vom Aussehen her stimmig zu machen. Das Bambi-Projekt wurde 1937 begonnen und erst 1942 fertig gestellt.

Zwischen "Bambi" und dem "Dschungelbuch" liegen Welten, und das nicht nur, weil so viele Jahre zwischen diesen beiden Filmen vergangen sind. "Bambi" wirkt kunstvoll und elitär, das "Dschungelbuch" ist knalliger und hat Show-Charakter. "Bambi" hat einen naiven Charme, eine anrührende Erzählung und einen einprägsamen, durchgehenden Zeichenstil, der mit heutigen Computeranimationen nicht zu erreichen ist. Gerade in einer Zeit, in der man sich verstärkt dem Umweltschutz widmet, sollte dieser Film ein Publikum finden, auch wenn er in einigen Szenen – und in den Liedertexten – ein wenig antiquiert wirken mag. Keinesfalls antiquiert ist, dass dieser Film, bei allem Unterhaltungswert, seine Geschichte völlig aus der Warte der Tiere erzählt und so den Betrachter für diese einnimmt.

Wolfgang J. Fuchs

 

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