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Ausgabe 42-2/1990

MANUEL

MANUEL, LE FILS EMPRUNTE

Produktion: Cleo 24 / Office National du Film du Canada, Kanada 1990 – Regie: François Labonté – Drehbuch: Gerald Wexler – Kamera: Karol Ike – Schnitt: François Gill – Ton: Dominique Chartrand – Musik: Osvaldo Montes – Darsteller: Francisco Rabal (Juan Alvarez), Kim Yaroshevskaya (Rosa Alvarez), Nuno Da Costa (Manuel Estrada), Luiz Saraiva (Vasco Estrada) u. a. – Laufzeit: 80 Min.– Farbe – Weltvertrieb: Films Transit Inc., 402 est, rue Notre-Dame, CAN-Montréal, Québec, Kanada H2Y 1C8 – Altersempfehlung: ab 10 J.

Als Manuel (ca. elf Jahre) vom gestressten Vater genug hat, der ihn und seine Schwester ungerecht behandelt und nur dem Geld hinterher jagt, um als portugiesischer Einwanderer (Witwer) in einer kanadischen Großstadt Fuß zu fassen, haut der Junge ab. Er kann es nicht mehr ertragen: den Zwang in der Familie, die Herabwürdigung in der Schule, das Faustrecht unter den Gleichaltrigen. Das Selbstverständliche für Kinder in seinem Alter ist ihm verwehrt: Verständnis, Liebe, Geborgenheit. Nun will er sich auf die Gegebenheiten einstellen, mit gleicher Münze zurückzahlen. Manuel schließt sich einer Bande an, ist auf dem Weg ins Abseits. Da begegnet er dem alten Juan, einem Schuhmacher, ehemaligen Spanienkämpfer aus den 30er-Jahren. Der stellt keine Fragen, sondern hilft ganz selbstverständlich, und er erzählt aus seinem Leben. Von ihm lernt der Junge – nicht so ganz nebenbei – was es bedeutet, sich für ein Ziel einzusetzen, solidarisch zu sein, bewusst zu handeln, auch zu kämpfen.

An dieser Stelle nimmt der Film ein allzu versöhnlich-harmonisches Ende. Trotzdem mag ich die Arbeit von Regisseur Labonté, weil sie ein Plädoyer ist für die Kraft der Vernunft und die Kraft des Gefühls. Dafür steht die Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Alten. Der Film beginnt sehr rasant, fast explosiv und auch wieder beklemmend. Die Episoden kommen ohne viel Worte aus, stehen für sich, erzählen die Entwicklung des Helden zügig, schlüssig: Das Bild dominiert. Hier hat der Kinderdarsteller Nuno Da Costa seine stärksten Momente. Ein kleiner Mensch, der viel zu früh die Kindheit verlassen soll!

Leider wird die Fabel im weiteren Verlauf immer wortreicher und dabei ein wenig – wenn auch in guter Absicht – agitatorisch, zumindest aufklärerisch. Das mag in der Natur der Dinge liegen, denn Juan erzählt ja von sich, lässt aber Ermüdungserscheinungen aufkommen. Offensichtlich war sich Labonté dieser Gefahr bewusst. So bebilderte er die Spanienepisoden, eröffnete einen zweiten Handlungsstrang, was gar nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Über den Darsteller des Juan (Francisco Rabal) schaffte er es, einen leicht ironisierenden, damit verfremdenden Unterton einzubringen, was dessen Lehrunterweisungen gegenüber dem Jungen erträglich macht. Die über die Jahre auf Vertrauen und Zuneigung basierende und gefestigte Partnerschaft zu seiner Frau (Kim Yaroshevskaya) dagegen wird ihre Wirkung auf Kinderzuschauer nicht verfehlen: eine wirklich gelebte Alternative der Beziehungen der Menschen untereinander.

Ich wünsche diesem Film ein großes Publikum, das nach der Vorführung miteinander ins Gespräch kommt: die Jungen mit den Alten, die Kleinen mit den Großen, die Heranwachsenden mit den Erwachsenen, die Kinder mit den Eltern – oder umgekehrt.

Joachim Giera

 

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