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Ausgabe 82-2/2000

DAS MÄDCHEN IN DEN TURNSCHUHEN

DOKHTARI BA KAFSH-HAYE-KATANI

Produktion: Art Bureau/Milad Film; Iran 1999 – Regie: Rassul Sadr-Ameli – Buch: Peyman Qasemkhani, Fereydun Farhudi – Kamera: Dariush Ayyari — Schnitt: Mostafa Kherqe-Push — Musik: Bahram Saeedi – Darsteller: Pegah Ahangarani (Tadaie), Majid Hajizade (Aidin), Akram Mohammadi (Zigeunerin), Abdolreza Akbari (LKW-Fahrer), Mahmud Jafari (Tadaies Vater) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Farabi Cinema Foundation, 55 Sie-Tir Ave., IR-Tehran 11358, Tel. 0098-21-670 1010, Fax 0098-21-670 8155 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Das Mädchen in den Turnschuhen heißt Tadaie, ist 15 Jahre alt und wächst in einem der reicheren Viertel von Teheran auf. Tadaie ist verliebt. Mit ihrem gleichaltrigen Freund Aidin trifft sie sich im Park. Sie laufen nebeneinander her, reden vom Fliegen und träumen von der Zukunft. Kaum Augenkontakt, keine Berührung, geschweige denn ein Kuss. Und doch reicht diese Begegnung aus, um die beiden wegen amoralischen Verhaltens bei der Polizei anzuzeigen und verhaften zu lassen. Tadaies Eltern sind entsetzt: Sie zwingen ihre Tochter, sich einer entwürdigenden gynäkologischen Untersuchung zu unterziehen, untersagen ihr jedweden Kontakt zu Aidin und begleiten sie auf Schritt und Tritt.

Tadaie, selbstbewusst und eigensinnig wie sie ist, lässt sich das nicht gefallen und geht von zu Hause weg. Ziellos läuft sie durch Teheran und versucht vergeblich, Aidin am Telefon zu sprechen. An diesem Tag lernt das Mädchen die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen, wird mit Armut und Gewalt konfrontiert und erlebt, wie schutzlos eine Frau – egal ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht – den Männern ausgesetzt sein kann. Da ist zum Beispiel der nette Herr, der zunächst ganz unkonventionell dem Mädchen hilft, dann aber versucht, seine Hilflosigkeit und Unerfahrenheit auszunutzen. Da wird Tadaie von einem Kellner auf herabwürdigende Weise bedient, da zeigt ihre ehemalige Lehrerin, an die sich Tadaie in ihrer Verzweiflung wendet, überhaupt kein Verständnis für deren Problem.

Gegen Abend lernt sie die Straßenverkäuferin Mapareh kennen, die einzige, die dem Mädchen zu helfen versucht. Sie besorgt Tadaie zunächst ein Nachtquartier und nimmt sie dann mit in das Armenviertel am Rande von Teheran, wo sie und andere Obdachlose hausen. Dort ist jeder auf sich allein gestellt im Kampf ums nackte Überleben, eine Welt, die dem Mädchen Angst einjagt. Noch am selben Abend flieht Tadaie. Zu später Stunde kann sie sich noch einmal mit Aidin treffen. Doch er hat sich in die Verhältnisse gefügt und verlässt seine Freundin. Allein steht Tadaie im nächtlichen Park und singt ein Kinderlied ...

So jedenfalls endet die Videofassung, die für den Wettbewerb des Kinderfilmfestes Berlin eingereicht wurde. Für das Kino musste dieser noch eine vermittelnde Schluss-Szene angehängt werden: Tadaie steht vor ihrem Haus und klingelt, aber – und das wurde während des Filmgesprächs extra betont – sie betritt das Haus nicht.

Mit dem Film "Das Mädchen in den Turnschuhen" hat sich Regisseur Rassul Sadr-Ameli einem Thema zugewandt, das so vor ein, zwei Jahren im iranischen Kino nicht hätte gezeigt werden können. Hier wird eine junge Frau, die selbstbestimmt leben will, in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt, hier wird thematisiert, dass die strengen moralischen Normen im Iran nicht nur dem Schutz der Frau dienen, sondern sie auch in ihrer Freiheit einschränken und – sollte sie den üblichen Vorstellungen nicht gerecht werden – bedrohen. Zudem gewährt dieser Film Einblicke in gesellschaftliche Randbereiche, wie zum Beispiel das Armenviertel von Teheran, die bisher im iranischen Kinder- und Jugendfilm nur selten zu sehen waren. Zwei Jahre hat Regisseur Rassul Sadr-Ameli darum gekämpft, diesen Film ins Kino bringen zu können. Dass er nun monatelang vor ausverkauften Häusern lief und auf internationalen Festivals gezeigt werden konnte, hängt sicher auch mit der sich öffnenden Kulturpolitik der neuen iranischen Regierung zusammen. Doch noch sind dort die Verhältnisse sehr widersprüchlich und es gehört viel Mut dazu, als Filmemacher solche Tabuthemen aufzugreifen. Das zeigte auch die Filmdiskussion auf dem Kinderfilmfest Berlin, bei der sich Rassul Sadr-Ameli sehr vorsichtig zu den Fragen des Publikums äußerte: "Ich wollte keinen politischen Film drehen, sondern die Probleme darstellen, mit denen sich unsere Jugend, vor allem die Mädchen, herumschlagen müssen."

Ob politisch oder nicht – Tadaies Konflikt wird so "kraftvoll und eindringlich erzählt", dass die Internationale Jury des Kinderfilmfestes dem Film "Das Mädchen in den Turnschuhen" eine lobende Erwähnung aussprach. Und ich wette, hätte sie auch einen Darstellerpreis vergeben können, wäre der an Pegah Ahangarani für ihre intensive, vielschichtige Spielweise gegangen.

Barbara Felsmann

 

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Ausgabe 82-2/2000

 

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