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Ausgabe 94-2/2003

HEJAR – GROSSER MANN, KLEINE LIEBE

BÜYÜK ADAM KÜCÜK ASK

Produktion: Yeni Yapim Film (Türkei), Hyperion (Griechenland), Tivoli Film (Ungarn), Focus Film Ltd.; Türkei 2001 – Regie und Buch: Handan Ipekci – Kamera: Erdal Kahraman -Schnitt: Nikos Kanakis – Musik: Serdar Yalcin, Mazlum Cimen – Darsteller: Dilan Ercetin (Hejar), Sükran Güngör (Rifat Bey), Füsun Demirel (Sakine), Yildiz Kenter (Müzeyyen Hanim), Ismail Hakki Sen (Evdo) – Länge: 120 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Movienet – Altersempfehlung: ab 10 J.

Hejar ist Kurdisch und bedeutet "Unterdrückung"; wie sehr der internationale Titel dem Film (durchaus unfreiwillig) gerecht wird, dazu später mehr. In einer Zeit, in der die Herren der Welt Krieg führen, versuchen auch ihre Vasallen etwas vom großen Kuchen abzubekommen und im Nahen Osten ihre Ansprüche durchzusetzen.

Hejar ist der Name eines kleinen Kurdenmädchens, das nach dem Tod seiner Eltern bei einem Polizeieinsatz vom Dorfältesten Evdo zu Verwandten nach Istanbul gebracht wird. Alles, was ihr von Evdo bleibt, ist ein Zettel mit seiner Adresse. Als auch Hejars Gastgeber Opfer der türkischen Polizei werden, flieht die Kleine zum pensionierten Richter Rifat Bey, der im selben Haus wohnt. Der konservative Witwer arbeitet gerade an einem Aufsatz "Türkei – Verfassungsstaat oder Polizeistaat" und ist zunächst alles andere als begeistert von diesem ungebärdigen Gör, das zudem nur kurdisch spricht. Einzig seine Haushälterin Sakine versteht die Kleine und Rifat Bey erfährt nach all den langen Jahren, die Sakine bei ihm arbeitet, dass Sakine eigentlich ganz anders heißt und ebenfalls Kurdin ist. Ganz allmählich erobert Hejar das Herz des alten Mannes und er bringt es nicht mehr übers Herz, sie an die Polizei zu übergeben. Stattdessen macht er sich auf die Suche nach Evdo und betritt dabei auch zum ersten Mal in seinem Leben einen jener Slums am Stadtrand, in dem die vor dem Krieg der türkischen Militärs gegen die PKK geflohenen Kurden ihr Dasein fristen. Hier kann er Hejar nicht lassen. Doch am Ende muss das kleine Mädchen selbst entscheiden.

Der Filmemacherin Handan Ipekci gelang hier ein kleines Meisterwerk, das vor allem von der Präsenz der kleinen Dilan Ercetin in der Rolle der Hejar lebt, deren Mimik mitunter zum Stein erweichen ist. In einer intelligenten und betont filmischen Erzählweise zeigt Ipekci das Schicksal eines absolut unschuldigen Opfers des türkischen Polizeistaates. Das unterstützt sie mit wenig aber genau dosierter trauriger Musik, vor allem mit den zwei Songs. Der eine kommt vom Grammophon und der zweite aus dem Off in Kurdisch, als Rifat Bey mit Hejar an den Stadtrand fährt und zum ersten Mal in seinem Leben sieht, wie Menschen in seinem Land leben: "Kleines Mädchen ...".

Der letztes Jahr im September verstorbene Sükran Güngör gibt dabei den Rifat Bey mit genau der richtigen Mischung aus Härte und Zuneigung, und wenn er das erste Mal die kurdischen Slums sieht, sagt sein Gesicht mehr als tausend Traktate. Auch die Nebengeschichte mit der in Rifat Bey verliebten Nachbarin Frau Müzeyyen ist mehr als komisches Beiwerk. Sie konturiert die Figur dieses einsamen Mannes noch schärfer. Handan Ipekci beweist in ihrem zweiten Spielfilm sicheres Gespür für filmische Erzählweise: So hält Rifat Bey zu Beginn sinnierend immer wieder zwei Zettel in der Hand: den mit der Telefonnummer der Polizei und den mit der Adresse von Evdo. Ohne viele Worte verdeutlicht sich so sein Zwiespalt.

Das Ergebnis ist ein Film über die schwierige aber mögliche Verständigung zweier Kulturen, der gelegentlich sogar das komische Potenzial dieser Kulturdifferenz ausschöpft: Wenn Rifat versucht, sich mit Hejar zu verständigen, antwortet sie ihm stets mit teils recht deftigen kurdischen Flüchen, die er nicht versteht, wir (dank Untertiteln) aber schon.

Von der Zensur verboten

Es war wohl unter anderem genau diese offene Darstellung zweier verschiedener Kulturen, die den Film zum Lehrstück über die Grenzen der Demokratie in der Türkei werden ließ. Zunächst vom türkischen Staat gefördert, gewann er mehrere Preise bei den nationalen Festivals in Antalya und Ankara. Im Oktober 2001 kam er in die türkischen Kinos und zählte bis Anfang März 2002 über 100.000 Besucher.

Doch nach einer Intervention der Obersten Polizeibehörde wurde er vom Kultusministerium mit der Begründung verboten, dass der fertige Film vom eingereichten Drehbuch abweiche. Die Wahrheit dürfte jedoch in etwa so aussehen: Erstens schildert der Film – wenn auch eher nebenbei – die Brutalität des türkischen Polizeiapparates im Umgang mit sogenannten "Separatisten"; etwa wenn einer am Boden liegenden Verletzten der finale Kopfschuss verpasst wird. Zweitens beschreibt Ipekci schonungslos die miserablen Lebensumstände der vor dem blutigen Bürgerkrieg in Kurdistan nach Westen geflohenen Kurden in den Slums der Großstädte.

Passenderweise wird das Verfahren wegen "Verunglimpfung von Polizei und Militär" genau am 17. April 2003 (also dem Starttermin des Films bei uns) in Istanbul eröffnet. Ein Prozess, bei dem sich die Filmemacherin mit einer mehrjährigen Haftstrafe konfrontiert sieht.

Lutz Gräfe

 

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