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Ausgabe 94-2/2003

"Ich werde darum kämpfen wie eine Löwin"

Gespräch mit Annette Ernst, Regisseurin des Spielfilms "Kiss and Run"

(Interview zum Film KISS AND RUN)

Beim 24. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken lief "Kiss and Run", der erste lange Spielfilm von Annette Ernst, im Wettbewerb. Im Mittelpunkt steht die verhinderte Liebe zwischen einer jungen Schauspielerin, die in einer Videothek jobbt, und einem jungen Mann, den sie schon aus Sandkastentagen kennt. Die Hauptrollen spielen Maggie Peren, die auch das Drehbuch geschrieben hat, und Ken Duken ("Gran Paradiso"). "Kiss and Run", sagt die Regisseurin, "erzählt im Kern davon, dass sich im Leben erst etwas ändert, wenn man sich selbst ändert". Der Film wurde unter anderem vom Kuratorium junger deutscher Film gefördert.

KJK: Maggie Peren, die als Schauspielerin und Drehbuchautorin tätig ist, hat eine Schauspielerin in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Hat sie darin Autobiografisches verarbeitet?
Annette Ernst: "Es hat klar autobiografische Züge, deswegen musste sie das auch spielen. Sie ist ja eigentlich Schauspielerin, war aber so erfolgreich mit ihren Drehbüchern, dass sie ihre Schauspielkarriere zeitweise etwas aus den Augen verloren hat. So geschah es dann, dass Vanessa Jopp 'Vergiss Amerika' gedreht hat und Dennis Gansel 'Das Phantom', während sie zuhause saß und großen Frust schob, weil sie nicht mitspielen durfte. In dieser Zeit hat sie 'Kiss and Run' geschrieben. Als ich zu dem Projekt stieß, hatte gerade mal wieder jemand zu ihr gesagt: 'Du spielst nicht mit, weil wir den Film besser finanziert kriegen, wenn wir Heike Makatsch nehmen.' Maggie war vollkommen frustriert. Als ich sie das erste Mal traf und sie zur Tür hereinkam, dachte ich, genau so habe ich mir die Hauptfigur Emma immer vorgestellt."

Wie wurden die anderen Rollen besetzt?
"Wir haben sehr lange gecastet, weil wir kein Geld für eine Casting-Agentur hatten. Irgendwann kam Hinnerk Schönemann hinzu, der mir erzählt hat, dass er Karpfen streichelt und viele Amphibien zu Hause hat. Das haben wir dann ins Drehbuch eingebaut. Oder Tamara Samonte, die Weltmeisterin im Kickboxen ist. Im Buch ging es ursprünglich um Break Dance. Dann hat Tamara mir beim Casting gezeigt, was sie kann, und ich dachte mir, klar, das nehmen wir mit rein."

Wie wurde der Film finanziert?
"Es ist ein klassischer Low Budget-Film mit 900.000 Euro Budget. Das ist natürlich zu wenig Geld, zumal es auch ein Produktionsdebüt war. Die Finanzierung war aber eigentlich nicht so schwierig. Es gab einen gewissen Umweg, weil zuerst eine Produktionsfirma das Projekt betreut hat. Als wir uns dann in der neuen Konstellation gefunden hatten, ging es sehr schnell. Das 'kleine Fernsehspiel' des ZDF hat sofort entschieden einzusteigen. Allerdings musste ich auch da erst um Maggie kämpfen. Ich habe quasi über Nacht einen zehnminütigen Film über Maggie als Emma gedreht und dass Emma Maggie ist und warum sie das spielen muss, und danach bekamen wir grünes Licht."

Frankfurt am Main ist ja nicht gerade als Filmmetropole bekannt. Wie haben Sie denn die Fördergelder zusammenbekommen?
"In Hessen gibt es ja mit der Hessen Invest mittlerweile auch eine wirtschaftliche Filmförderung. Die kam aber mit ihren Richtlinien nicht zu Potte. Wir konnten dort aber unseren Antrag gar nicht einreichen, obwohl wir das Geld vom ZDF bereits hatten. Wir haben dann mehr aus Verlegenheit bei anderen Förderungen eingereicht und stets eine Zusage gekriegt. Das waren zwar auch keine großen Summen, hat aber zu der kuriosen Situation geführt, dass wir bei einem Etat von 900.000 Euro fünf Förderer an Bord hatten."

Welche Rolle hat denn das Kuratorium junger deutscher Film gespielt?
"Über die Förderung des Kuratoriums habe ich mich sehr gefreut. Das ist zwar mit Hessen unser kleinster Geldgeber, ich finde aber, immer wenn das Kuratorium bei einem solchen Projekt einsteigt, ist das ein Qualitätssiegel. Man hat das Gefühl, das ist schon vorab ein guter Start. Außerdem ist es länderunabhängiges Geld, das war natürlich super."

Wie sind Sie zu dem Stoff gekommen?
"Das war schon eine abenteuerliche Geschichte. Mich hatte eine Redakteurin vom BR empfohlen als Regisseurin. Ich habe das Buch gelesen, das weiß ich noch genau, an einem 31. Dezember vor zwei Jahren. Da war mir völlig klar, das ist meins. Ich werde darum kämpfen wie eine Löwin. Und so kam das dann auch. Maggie Peren und ich, das war so eine Initialzündung, wir haben uns getroffen, sie hat zum ersten Mal wieder Lust bekommen auf den Film nach all den vielen Drehbuchfassungen."

Gab es den Titel "Kiss and Run" von Anfang an?
"Ja. Maggie wollte zwar einige Dinge ändern, als ich das Projekt übernahm, darunter auch den Titel. Ich fand den aber immer super. Den gleichnamigen Song haben wir dann dazu geschrieben. Eine Band aus Hamburg hat sogar schon ein Jahr vorher angefangen, diesen Song zu entwickeln."

Für welches Publikum ist der Film gedacht?
"Für die Altersgruppe von 16 bis Ende Zwanziger. Da funktioniert er auch am besten. Das sieht man klar in den Vorführungen. Je mehr von diesen jungen Leuten im Kino sind, umso besser für den Film. Wir haben auch Testscreenings gemacht und versucht, herauszufinden: Was denken die, wie gucken die, wie ticken die? Ich glaube, Maggie hat den Nerv getroffen. Sie kann schreiben, ohne dass es für ein junges Publikum anbiedernd wirkt."

Gibt es für den Inszenierungsstil Vorbilder?
"Es gibt viele Regisseure, die ich verehre. Sehr wenige deutsche. Im Moment orientiere ich mich vor allem am britischen Film. Britische Sozialkomödien finde ich persönlich am besten. Meine Vorbilder sind da Filme wie 'Ganz oder gar nicht', 'Billy Eliott oder 'Brassed Off'. Ich bin früher ein Fan von Truffaut und Fellini gewesen. Beim deutschen Film verehre ich Tykwer sehr. Andreas Dresen und Sandra Nettelbeck finde ich auch sehr interessant. Mein Ziel war immer, keine deutschen Filme zu machen. Es war eines der schönsten Komplimente, die ich für 'Kiss and Run' bekommen habe, dass er nicht so deutsch daherkommt."

Mit der Frankfurter Filmemacherin Annette Ernst sprach Reinhard Kleber

 

 

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