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Ausgabe 94-2/2003

HIRTENREISE INS DRITTE JAHRTAUSEND

Produktion: Langjahr Film GmbH; Schweiz 2002 – Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt: Erich Langjahr – Musik: Hans Kennet mit "the alpine experience", "the schönbächler sisters", "mytha – the contemporary alphorn orchestra" – Länge: 124 Min. – Farbe – Verleih: Kool Film, www.koolfilm.de – Altersempfehlung: ab 12 J.

Sechs Jahre lang hat der Schweizer Dokumentarist Erich Langjahr mehrere Hirten beobachtet, die als Angestellte mit fremden Herden Sommer wie Winter übers Land und in die Berge ziehen. Das Ergebnis ist dieser Film, der zugleich der letzte Film der Bauern-Trilogie ist, in der Langjahr den Zustand der (industriellen) Landwirtschaft abbildet und sich dabei auch denen widmet, die von und in ihr leben.

"Sennen-Ballade" beschreibt den Alltag einer Bauernfamilie, die in Zeiten neokapitalistischer Durchdringung aller Lebensbereiche versucht, dennoch schonend mit sich und der Natur umzugehen. "Bauernkrieg" ist eine schonungslose, mitunter quälende Darstellung moderner Methoden der Landwirtschaft und streift am Rande die Versuche der Bauern, sich der Globalisierung doch noch zu widersetzen. Insofern ist der Titel durchaus doppeldeutig: Natürlich spielt er auf die historischen Ereignisse an und schildert den heutigen Kampf der Bauern; er beschreibt aber auch das Verhältnis der industriellen Landwirtschaft zur Natur. Und zum Abschluss nun "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend", ein fast versöhnlicher wirkender Ausklang der Trilogie.

Langjahr beschreibt detailliert und sinnlich erfahrbar, was es heißt, heutzutage als wandernder Hirte eine Lebensform zu wählen, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehört. Er begleitet mehrere Hirten auf ihrem Weg quer durch die Schweiz, schildert ihr entbehrungsreiches und doch erfülltes – weil selbst gewähltes – Leben. Mit einer Kamera, die oft nah dran, ja zuweilen geradezu mittendrin im Geschehen ist, lässt er uns tief eintauchen in dieses Leben fernab jeder Großstadthektik – so tief, dass man förmlich mitfriert, wenn einer der Hirten des Morgens den ersten Schnee erblickt. Langjahrs detailgenaue Beobachtung, sein Respekt vor den Menschen und ihrer Lebensweise ermöglicht ihm und uns Einblicke, die anderen auf diese Weise wohl nicht zugänglich gewesen wären. Schließlich hat er es hier mit Menschen zu tun, die sich dieses Leben auch deshalb ausgesucht haben, um für sich sein zu können.

Dabei lohnt es sich in seinem Film – wie auch in seinen anderen – genau hinzuschauen, denn in den mitunter atemberaubenden Landschaftstotalen spielt sich das Wesentliche eher im Hintergrund als im Vordergrund ab. Diese Totalen verdeutlichen zugleich auch das Eingebundensein "seiner" Hirten in den Kreislauf der Natur, in eine Welt, der man sich anpassen muss, will man nicht untergehen. Langjahr schildert dieses Leben fernab jeden Romantizismus. Da ist der erste Schnee eben nicht Anlass zur Freude wie bei vielen Großstadtkindern, sondern Zeichen dafür, dass es jetzt beginnt, hart zu werden. Die Hirten machen sich auch wenige Illusionen über ihre Lebensform. Selbstverständlich haben sie diesen Weg gewählt, weil er ihnen am ehesten entspricht, doch gehen können sie ihn nur, weil sie "billiger als Heu" sind, wie einer mal ganz lakonisch bemerkt.

Musikalisch unterstützt von einer schrägen Mischung aus Jazz und traditionellen Klängen schuf Langjahr einen sehr sinnlichen Film über Leben auf dem Lande fernab aller Klischees. Und manchmal nutzt er auch die Ironie der Situation: Da überquert die Herde der Schafe gemächlich die Straße, bevor sich die Herde der wartenden Autos wieder in Bewegung setzen kann.

Lutz Gräfe

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 96-2/2003 - Interview - "Man kann nicht an den Setzlingen ziehen"

 

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